Köln gibt sich auf

„Gerd, ich kann Dich nicht mehr in Deinem Viertel besuchen kommen. Ich fühle mich nicht mehr sicher. Auf dem Weg zu Dir wurde ich von mehreren jungen Männern bedroht.“

„Ich bin froh, dass ich einen Freund habe. Wenn ich durch das Viertel muss, begleitet er mich, weil ich Angst habe, nachdem ich dort auf offener Straße sexuell belästigt wurde.“

„Heute wurde ich auf dem Weg nach Hause von mehreren arabischen Männern am Mäucherchen rassistisch anti-asiatisch beschimpft.“

„Mit anderen Leuten hier aus dem Viertel lerne ich nun Selbstverteidigung. Die Polizei lässt uns im Stich.“

„Als Homosexueller habe ich Angst. Diese Angst ist neu für mich in diesem Veedel.“

„Die Straße ist absolut heruntergekommen. In den 80er und 90er Jahren war das ganz anders.“

„Absolut finster das Pflaster. Mich wundert es nicht, dass es dort mittlerweile zu einer Messerstecherei gekommen ist.“

All dies sind Stimmen von Anwohnerinnen, Anwohnern und Gästen im Kwartier Latäng in Köln. Das Kwartier Latäng ist ein Viertel, in dem es einst das feministische Piccolo-Theater gab. Jetzt leben Frauen dort gefährlich. Wenn morgens Ruhe einkehrt im Veedel, wirft die aufgehende Sonne ihre Strahlen auf die stinkenden Überreste einer verrohten Nacht.

Unzählige Beschwerden bei der Stadt blieben bisher unbeantwortet. Nachdem aber ein 18-jähriger Junge im Kwartier Latäng ermordet wurde, lud die Stadt am Donnerstag, 12. August 2021, ein paar auserwählte Anwohnerinnen und Anwohnern aus dem Kwartier Latäng zu einem Treffen.

Ich wurde ausgeladen, angeblich, weil aufgrund von Corona die Anzahl der Teilnehmenden reduziert werden musste. Allerdings wurde mir von dem Treffen berichtet. Ich kann nur sagen, es ist besser, dass ich nicht dort war, denn ich wäre ausgerastet. Das Ergebnis des Treffens ist eine einzige Bankrotterklärung.

Von der Stadt anwesend waren die Stadtdirektorin Andrea Blome, Wolfgang Büscher vom Ordnungsamt und Herr Mehlem von der Polizei.

Es wurde mehr als deutlich kommuniziert, dass eine kurzfristige Lösung nicht in Sicht sei. Somit toleriert die Stadt Köln Ruhestörung, Müllablagerung, Drogenhandel, sexuelle Belästigungen und Handgreiflichkeiten, teilweise mit spitzen Gegenständen, wie zerschlagenen Glasflaschen. Es soll sogar argumentiert worden sei, dass all diese Dinge zu den „Freiheiten“ gehörten, die innerhalb einer „quirligen Szene“ zu tolerieren seien.

Auf die Frage, warum das Ordnungsamt nicht einschreiten würde, soll erklärt worden sein, die Stadt Köln könne von ihren Angestellten nicht erwarten, Leib und Leben zu riskieren. Auf die Nachfrage, warum dann nicht die Polizei zur Hilfe gezogen werden würde, soll erwidert worden sein, dass es dafür nicht genug Beamte gäbe.

Wegen Personalmangel ist die Stadt Köln nicht in der Lage, die Sicherheit im Veedel zu gewährleisten. Dabei ist gerade jetzt deutlich mehr Polizei vor Ort nötig.

Die Aufgabe der Politik ist es nicht, die Bürgerinnen und Bürger ins Gespräch zu bringen. Das schaffen die Menschen schon ganz alleine. Die Aufgabe der Politik ist es, ausreichend Polizei zu stellen, damit die grundlegende Sicherheit gewährleistet ist. Dafür zahlt der Souverän Steuer.

Ist Lärmbelästigung durch Verstärker auf offener Straße zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens erlaubt? Wenn nicht, warum greift die Polizei nicht ein?

Ist der Handel mit Drogen auf offener Straße erlaubt? Wenn nicht, warum greift die Polizei nicht ein?

Ist das Vermüllen der Straße durch gefährlichen Müll, wie Glasscherben und Spritzen erlaubt? Wenn nicht, warum greift die Polizei nicht ein?

Ist ein Angstraum für Frauen hinnehmbar, vor allem wenn es nachweislich in der letzten Zeit zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen kam? Wenn nicht, warum greift die Polizei nicht ein?

Die Stadt Köln gibt die Gewährleistung der Sicherheit im Veedel auf. Sie kündigt den Bürgerinnen und Bürger den Gesellschaftsvertrag. Heißt das, dass sich die Menschen im Kwartier Latäng selbst bewaffnen müssen, weil die Stadt Gesetzesbrüche nicht mehr ahnden kann? Muss die Bürgerin selbst zur Polizistin werden?

Das einzig „Konstruktive“ des Treffens ist die Gründung eines Arbeitskreis‘, um sich weiter austauschen zu können. Ein Arbeitskreis hilft jedoch nicht den Menschen, die in dem Veedel leben. Die Anwohnerinnen und Anwohner wollen sich nicht austauschen. Sie wollen nicht gehört werden. Sie wollen auch nicht reden. Sie wollen, dass sich was ändert.

Eine Änderung ist aber nicht in Sicht. Es soll bei dem Treffen sogar kommuniziert worden sein, dass mit einer Veränderung der Situation nicht vor dem Jahr 2025 zu rechnen sei. Auf die Frage, wie viele Menschen überhaupt von der Stadt Köln beim Ordnungsamt beschäftigt seien, verweigerte die Stadt die Auskunft.

Der Hinweis auf den Mord an einen 18-jährigen Jungen im Veedel soll mit den Worten quittiert worden sein, dass es zu Tötungsdelikten in Köln öfter komme, das Kwartier Latäng da statistisch gesehen kein gefährlicher Ort sei. Auf die Artikulation der Befürchtung, dass es vielleicht bald wieder zu einem Toten kommen könnte, soll geantwortet worden sein, dass dies statistisch so gut wie ausgeschlossen sei.

Dann können die Menschen wohl nur noch auf die Statistik hoffen. Die Polizei jedenfalls kann nichts mehr machen. Beim nächsten Mord rufen wir dann einfach einen Statistiker und nicht mehr die Polizei.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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9 Antworten zu Köln gibt sich auf

  1. Dante schreibt:

    Es soll sogar argumentiert worden sei, dass all diese Dinge zu den „Freiheiten“ gehörten, die innerhalb einer „quirligen Szene“ zu tolerieren seien.

    Da verwechselt jemand Freiheit mit Sozialdarwinismus. Diese Art von „Freiheit“ gab es im Stalinismus – für Stalin. Oder im Hause Fritzl – für den anderen Josef.
    Außerdem entlarvt …

    Auf die Frage, warum das Ordnungsamt nicht einschreiten würde, soll erklärt worden sein, die Stadt Köln könne von ihren Angestellten nicht erwarten, Leib und Leben zu riskieren.

    … die erste Äußerung als Lüge. Wenn Menschen um ihr Leben zu fürchten haben, ist nicht „quirlig“.
    Ein Staat, der seine Bürger dem Abschaum (ich weiß, diese Bezeichnung ist absolut menschenverachtend – also für Gewalttäter und insbesondere Vergewaltiger exakt passend) überlässt, macht sich mit diesem gemein und handelt wie eine Mutter, die ihre Kinder perversen Männern verkauft.
    Solche Leute brauchen auch nicht mehr mit dem Finger auf die bisherige afghanische Regierung und Armee zeigen, sie handeln ja ähnlich.

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  2. Brathering schreibt:

    Eine ähnliche Entwicklung gibt es leider auch in Stuttgart.

    Mit einer „Event- und Partyszene“ hätten jene Gruppierungen, die auf dem Schlossplatz die Passanten anpöbeln, nichts zu tun, urteilen die meisten. (…) Unser Leser Frank Maier ist früher mit seinem Mann regelmäßig mit der Stadtbahn in die City gefahren. „Wir sind beide Mitte fünfzig und fühlen uns bei der Einbruch der Dunkelheit in der Stadtmitte unwohl“, schreibt er an die Redaktion. „Das liegt sicher auch daran, dass wir ein schwules Paar sind, und Menschen mit Migrationshintergrund (zumindest die Gruppe, die von der Waranga-Wirtin beschrieben wird) häufig homophob sind.
    https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.nachtleben-am-schlossplatz-stuttgarter-meiden-die-innenstadt.fdbc86d1-5430-4232-8f2d-90fbabd6dc74.html

    Mit Unbehagen beobachtet auch Dennis Shipley, der Wirt der Alten Kanzlei, die Entwicklungen am Kleinen Schlossplatz. „Die Polizei Stuttgart hat die Sache nicht im Griff“, meint er gegenüber der Stuttgarter Zeitung. Wenn seine Mitarbeiterinnen nachts nach Hause gingen, würden sie „von jungen Migranten belästigt“. Er sei der Meinung, man müsse die Probleme beim Namen nennen. „Dieser Zustand ist nicht auszuhalten.“ Den Kleinen Schlossplatz bezeichnet er als „das neue Ghetto von Stuttgart“.

    Auch der Wirt der Gaststätte „Ochs‘n Willi“ ist am Ende seiner Geduld. Gegenüber der Stuttgarter Zeitung berichtet er von unglaublichen Vorgängen, bei denen junge Krawall-Macher von der Treppe aus auf die Gäste in seinem Biergarten gepinkelt hätten.

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  3. Franz R. schreibt:

    Die Klagen verstehe ich jetzt nicht. Wir sind doch gehalten, das Zusammenleben in einer bunt diversen Welt täglich neu auszuhandeln. Es soll welche geben, die sich darauf und darüber freuen. Der Artikel liest sich so, dass es eben einigen Bevölkerungsteilen gelungen ist, ihre Vorstellungen besonders erfolgreich auszuhandeln. Soweit ich das als jemand beurteilen kann, der über 20 Jahre in Köln arbeiten musste, haben die Kölner in dieser Zeit über ihren demokratischen Wahlakt das jedes mal so gewählt, zuletzt im vergangenen September bei dem Kommunalwahlen. Ich meine, in der Kölner Innenstadt (Ergebnis Bezirksvertretung) hatten die Grünen 44,3 %, Grün-Rot-Rot zusammen eine zwei-Drittel-Mehrheit. Geliefert wie bestellt. Wem das nicht gefällt, kann zu Hause bleiben oder wegziehen.
    Der broken-windows-Theorie folgend erwarte ich, dass dies erst der Anfang ist, wofür spricht, dass ein Arbeitskreis die Lage analysieren wird. Wahrscheinlich stehen schon einige zivilgesellschaftliche Gruppen (ngOs) in der Warteschlange, die gegen Steuerfinanzierung einmal mehr das Rad erfinden.

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  4. nachbarin schreibt:

    Danke für die Info 🙂 Es ist Wahlkampf – vlt. ein Ansatz …?

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  5. anti3anti schreibt:

    Danke für den genauen Hinweis, wann welche Viertel in Köln es zu vermeiden gilt.
    Sobald die CO2-Steuer sprudelt, wird sich die Lage verbessern.
    Momentan ist Kabul sicherer als Köln.
    Ich werde die Warnungen verbreiten!

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  6. BellsWelt schreibt:

    Ähnliche Vorkommnisse gibt es auch in Düsseldorf, traurig ohne Ende

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  7. Roger Letsch schreibt:

    Wenn man nicht mehr weiter weiß,
    bildet man einen Arbeitskreis.

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