Wir sind alle kontrovers

„Zum Thema, ob man auch mal „kontroverse“ Meinungen aushalten müsse, habe ich als Journalist beim @ZDF-Format „13 Fragen“ meine Einschätzung geteilt. „Kontrovers“ ist ein Code, ein Euphemismus für Nazis. Es geht da um freie „Debattenkultur“ für ein bestimmtes Klientel.“

Das schrieb Malcolm Ohanwe am 21. Oktober 2021 auf Twitter.

Malcolm Ohanwe hat Unrecht!

Das Wort „kontrovers“ setzt sich aus den lateinischen Worten „contra“ für „entgegen“ und „versus“ für „gerichtet“ zusammen. „Kontrovers“ bedeutet somit zunächst einmal nur „entgegengerichtet“.

Zu jeder Meinung gibt es immer auch das genaue Gegenteil. Für dieses genaue Gegenteil ist die andere Meinung stets kontrovers.

Die meisten Menschen tendieren dazu, jene Personen, deren Meinungen sie nicht teilen, als polemisch und undifferenziert zu bezeichnen. Sie werfen ihnen vor, die Themen zu verflachen. Menschen, mit denen sie einer Meinung sind, halten sie hingegen für intelligent und sympathisch. Das ist vermutlich der Grund, warum Kontroversen eher als schlecht gelten.

Ich mag Kontroversen und Menschen, die ihre Interessen und Meinungen offen artikulieren. Leute jedoch, die behaupten, objektiv, differenziert und neutral zu sein, sind mir suspekt.

Die selbstsicher Differenzierten erinnern mich an Fundamentalisten, die behaupten, alles verstanden zu haben. Sie begegnen ihren Mitmenschen mit Überheblichkeit. Kritik ist für sie sofort Polemik und ein Witz direkt eine Beleidigung. Jedes kontroverse Wort erklären sie zur Hetze. Malcolm Ohanwe erklärt Menschen, die sich für die Meinungsfreiheit auch für kontroverse Meinungen stark machen, zu Nazis.

Wer andere Menschen zu Nazis erklärt, rechtfertigt damit im Grunde den Einsatz von physischer Gewalt, denn Nazis sind Verbrecher und gehören gestoppt.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurden Menschen zu Hexen, Schwarzmagiern, Kinderfressern, Brunnenvergiftern und Teufelsanbetern erklärt, wenn man Gewalt gegen sie rechtfertigen wollte. Sie wurden verbrannt, weil sie für das gute Leben und die reine Menschheit angeblich gefährlich waren. Heute werden die Gegner des einzig wahren Glaubens sofort zu Nazis erklärt, denn das Wort „Nazi“ steht für das Böse schlechthin.

Heute sehen die Menschen überall Nazis, so wie die Menschen früher überall Hexen sahen. Es ist ein Wahn, geboren aus der Überzeugung, dem einzig wahren, guten Glauben anzugehören. Dieser Wahn ermöglicht Gewalt als Präventivschlag über Gedanken. Malcolm Ohanwe sieht sogar schon in dem Wort „kontrovers“ ein Code der Nazis.

Kontroversen sind wichtig!

Wenn es Leuten schlecht geht, flüchten sie. Manche flüchten in andere Länder, andere flüchten in Ideologien. Einige Länder und Ideologien sind gut, andere weniger. Wer sich das Äußern einer Meinung verbittet, sorgt lediglich dafür, dass die Meinung nur noch gedacht wird. Aber nur weil ich jemanden nicht mehr höre, heißt das nicht, dass er die Sache nicht mehr denkt. Die Meinung wird lediglich erst sichtbar, wenn sie sich zu einer Handlung entwickelt hat. Dann aber ist es oft zu spät.

Zuhören ist ein präventiver Schutzmechanismus. Nur so lerne ich einen Menschen kennen und kann rechtzeitig erkennen, ob ich mich vor ihm schützen sollte.

Meinungsfreiheit nutzt dem Gehassten immer mehr als dem Hassenden!

Andere Meinungen ausklammern ist so effektiv wie das kleine Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und glaubt, so sei die Gefahr verschwunden. Internetseiten zu löschen, im Glauben, man würde dadurch etwas verhindern, ist so produktiv, wie Bücher zu verbrennen.

Wir sind alle kontrovers für irgendwen!

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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2 Antworten zu Wir sind alle kontrovers

  1. Leopard schreibt:

    Ich denke, dieser Journalist ist einfach von einem linksradikalen Milieu geprägt. In diesem meinte man in den einzelnen K-Gruppen, sich in einer als feindlich empfundenen Umgebung behaupten zu müssen. Fühlte man sich dann angegriffen, auch durch konkurrierende K-Gruppen, warf man der Gegenseite vor, „Faschisten“ oder „Nazis“ zu sein. Das der Vorwurf dann auch Personen oder Gruppen traf, die sich selbst als antifaschistisch ansahen, dürfte ihn um so effektiver gemacht haben. Diesen Beißreflex, alles womit man sich nicht wohlfühlt als „faschistisch“ oder auch als „Nazis“ zu deklarieren, scheinen inzwischen große Teile der linken Szene, aus der Antifa ebenso wie Grüne und auch viele Journalisten stammen, übernommen zu haben. So braucht man sich auf bequeme Weise mit der Gegenseite und ihren Argumenten nicht wirklich befassen. Tatsächlich übertünchen diese Vorwürfe jedoch nur eine tiefe Unsicherheit.

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  2. nouseforislam schreibt:

    PS: Ich habe schon seit langem daran gewöhnt, als „Nazi“ deklariert zu werden. Ich führe das einfach auf das fehlende Geschichtsverständnis und die fehlenden Geschichtskenntnisse zurück.

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