Ein klaffender Abgrund

Das Denken von Emmanuel Lévinas ist eine Philosophie, die den Sinn des Ethischen sucht und hierzu das Ereignis der Beziehung von ich und anderem analysiert und beschreibt.

(Bild: Bracha L. Ettinger)

Emanuel Levinas war ein französischer Philosoph. Er wurde am 12. Januar 1906 im heutigen Litauen in der Stadt Kaunas geboren. Im Jahr seiner Dissertation über Edmund Husserls Theorie der Anschauung nahm er die französische Staatsbürgerschaft an. In den ersten Jahren als Franzose arbeitete er in Paris an einem Ausbildungsinstitut für jüdische Lehrer.

Im Jahr 1940 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde im Jahr 1942 in das Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager in Fallingbostel bei Hannover verlegt. In dieser Zeit schrieb er Notizbücher aus der Gefangeschaft, die im Jahr 2009 erstmals als „Carnets de Captivité“ im ersten Band des Gesamtwerks „Œuvres complètes“ herausgebracht wurden.

Als Emmanuel Levinas im Jahr 1945 erfuhr, dass seine Eltern und Brüder in Litauen im Zuge der nationalsozialistischen Ausrottungspolitik ermordet worden waren, schwor er, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Auch nach Litauen wollte er nie wieder zurückkehren.

In Kaunas befindet sich das Neunte Fort. Es wurde als Festungsanlage der Festung Kowno, fertiggestellt und in den Jahren 1940 und 1941 als sowjetischen Gefängnis genutzt. Während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg wurde das Neunte Fort zu einer bestialischen Massenhinrichtungsstätte. Über achtzehntausend jüdische Menschen aus Litauen und ganz Europa wurden in dieses Fort verschleppt, dort von litauischen Wächtern misshandelt und erschossen. Am 28. Oktober 1941 wurde die so genannte „große Aktion“ durchgeführt, bei der neuntausend Juden, umgebracht wurden. Die Hälfte davon waren Kinder.

In diesem Kaunas nun wurde achtzig Jahre später ein Platz und ein Institut nach Emmanuel Levinas benannt, sowie eine Statue des Philosophen eingeweiht. Der Sohn von Emmanuel Levinas, der Komponist Michaël Levinas, kritisiert diese einseitige Ehrung und sieht darin ein Verstoß gegen den erklärten Willen seines Vaters, nie mehr nach Litauen zurückkehren zu wollen.

In einem Artikel für Le Figaro erklärt er seine Vorbehalte einerseits mit der Achtung des Willens des Vaters („le respect de la volonté paternelle“) als auch mit der notwendigen Wachsamkeit („vigilance“), dass die Ehre, die Litauen seinem Vater entgegenbringt, nicht die Unauslöschlichkeit der historischen Realität verschleiern dürfe („recouvrir l’ineffaçable de la réalité historique“).

Michaël Levinas betont die Unverjährbarkeit von Antisemitismus und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit („l’imprescriptibilité de l’antisémitisme et des crimes contre l’humanité“) und führt aus, dass Emmanuel Levinas nach 1945 nie mehr nach Deutschland zurückgekehrt sei, von Litauen ganz zu schweigen. („Emmanuel Levinas n’est plus jamais retourné en Allemagne après 1945, pour ne rien dire de la Lituanie.“)

Michaël Levinas führt aus, seinem Vater in seiner Heimatstadt Kaunas diese Hommage zu erweisen, sei ein besonders aufgeladener Akt, der seinesgleichen suche („un acte particulièrement chargé, qui ne peut ressembler à aucun autre“):

„Ich denke, ein Zentrum den Namen Emmanuel Levinas zu geben, das nur ein paar Schritte von der Wohnung entfernt ist, in der Emmanuel Levinas gelebt hatte, in der die ganze Familie verhaftet und dann zum Neunten Fort geführt wurde, wo die Nazi-Gräueltaten mit der nachgewiesenen Mittäterschaft litauischer Truppen begangen wurden, erforderte Bescheidenheit.“

(„Je considère qu’appeler ce Centre du nom d’Emmanuel Levinas, à quelques pas de l’appartement où avait vécu Emmanuel Levinas, là où toute la famille fut arrêtée, puis conduit au Neuvième Fort Neuf où les atrocités nazies furent commises avec la complicité avérée des troupes lituaniennes, nécessitait de la pudeur.“)

Emmanuel Levinas hat einst geschrieben:

„Vor mehr als einem Vierteljahrhundert ging unser Leben und zweifellos die Geschichte selbst zu Ende. (…) Wenn man diesen Tumor in der Erinnerung hat, können auch zwanzig Jahre nichts daran ändern. Zweifellos wird der Tod bald das ungerechtfertigte Privileg aufheben, sechs Millionen Tote überlebt zu haben. (…) Nichts konnte den klaffenden Abgrund füllen oder gar überdecken.“

(„Il y a plus d’un quart de siècle, notre vie s’interrompit et sans doute l’histoire elle-même. (…) Quand on a cette tumeur dans la mémoire, vingt ans ne peuvent rien y changer. Sans doute la mort va annuler bientôt l’injustifié privilège d’avoir survécu à six millions de morts. (…) rien n’a pu combler, ni même recouvrir le gouffre béant.“)

Wie weit darf Vergangenheitsbewältigung gehen?

Ist es ethisch vertretbar, den erklärten Willen eines Menschen zu übergehen und seinen Namen, nachdem er gestorben ist, an einen Ort zu zerren, den er zu Lebzeiten nie wieder betreten wollte?

Für Michaël Levinas ist klar, die symbolische Dimension des Umgangs mit der Geschichte darf nicht auf eine einfache Botschaft der Hoffnung reduziert werden, obwohl er selbst natürlich auch auf die Erfüllung der Botschaft hoffe.

(„La dimension symbolique ne peut pas être ramenée à un simple message d’espoir auquel, naturellement, j’aspire et dont j’appelle de mes vœux l’accomplissement.“)

Michaël Levinas hatte in einigen Gesprächen vorgeschlagen, den Ort „Zentrum für zeitgenössische französische Philosophie“ (Centre de philosophie française contemporaine) zu nennen. Dort hätten dann die Schriften seines Vaters selbstverständlich studiert werden können. Das hätte in den Augen des Sohnes des Philosophen den Respekt vor den Toten der Shoah gewahrt, den Geist des Wirkens von Emmanuel Levinas gewürdigt und die Hoffnung auf eine neue Ära angemessen genährt und zwar in Bezug auf die Gedanken des Philosophen.

(„Ainsi, c’est le sens de mon action et de ma détermination, le respect des morts de la Shoah serait honoré dans l’esprit de l’œuvre d’Emmanuel Levinas, et l’espoir d’une ère nouvelle exprimée en référence à sa pensée s’annoncerait ainsi à Kaunas, dans la nouvelle Lituanie.“)

Michaël Levinas Bedenken und Anregungen wurden jedoch in den Wind geschlagen. Im Jahr 2021 erhielt er vom Rektor der Litauischen Universität für Gesundheitswissenschaften ein Schreiben, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass all seine Einwände nicht berücksichtigt worden seien.

Emmanuel Levinas ist somit jetzt, da sein Wille nicht mehr in lebendige Beziehungen eintreten kann, jetzt, da ein Dialog mit dem Philosophen nicht mehr möglich ist, namentlich an den Ort zurückgekehrt, den er eigentlich nie mehr betreten wollte.

Sollten Sie mich, Gerd Buurmann, in meiner Arbeit als Autor, Künstler oder Betreiber von „Tapfer im Nirgendwo“ unterstützen wollen, überweisen Sie gerne einen Betrag Ihrer Wahl auf mein Konto oder nutzen Sie PayPal.

https://www.paypal.me/gerdbuurmann

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
Dieser Beitrag wurde unter Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Ein klaffender Abgrund

  1. hgamma schreibt:

    Die Seele
    gibt uns
    seit der Menschwerdung
    die Gesetze
    der Sitte und Moral vor

    es gibt keine Sippe
    kein Volk
    das nicht gegen
    die unteilbare Menschenwürde
    verstösst
    verstossen hat

    bis in das hier und jetzt
    wird gegen das Gewissen
    das Böse getan

    die Gräueltaten
    der Völkermord
    die Unterdrückung
    von Frauen Kindern

    vor allem von Männern
    mit ihrer Hybris von Macht
    das bis heute
    rund um die Welt
    an der Tagesordnung ist

    vor allem das eigene Übel
    ist uns eine schwere Last

    uns gibt es kein nirgendwo
    was die Tapferkeit anbelangt
    dem weiss ich heute
    nicht das wie und das wo

    Gefällt mir

  2. lusrumichaela schreibt:

    Ich bin immer wieder erstaunt über die Sprachgewaltigkeit und deren zielstrebige wie feinfühlige Eindringlichkeit, mit der du, Gerd Buurmann, die „Dinge am richtigen Schopfe“ packst und trotz Versuche des Verstehens nicht wieder los lässt, was einen ergriffen werden lässt.
    So teile ich jede Nuance dieses Textes und frage mich, was er, so gut er sich trägt, hier in Deutschland verrichten könnte, ob er so nicht unbedingt an das Denkmal gehört, das seiner in Litauen, trotz erbrachter Schmach, gedenken möchte.
    Nein, nicht das Gedenkmal entfernen, sondern es mit dem Inhalte dieses Textes zusammenbringen, das wäre wohl letztlich auch eine mögliche philosophische Betrachtung, die auch der Geehrte Philosoph trotz seiner ernsten Befindlichkeiten auch zu Litauen heute aufbringen könnte, wenn er das noch könnte.
    Dieser Text ist ein Weg, wie Frieden gestiftet werden kann, wie verstanden und weitergelebt werden kann – ob er je nach Litauen gelangt?
    Das beste wäre, wenn ein Litauer ihn bei dir holen würde, einer, der am Gedenken beteiligt ist, sein möchte …

    Gefällt mir

Sämtliche Kommentare sind nur ein paar Tage sichtbar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s