Der Meldemob

Wenn sich Menschen einer kollektiven Ideologie unterwerfen, wenn das Individuum in einem Mob verschmilzt und sich in einer Legion der Vielen auflöst, wird es gefährlich.

Es ist unmöglich, mit einem Menschen zu reden, wenn er sich im Rausch eines Mobs befindet. Ein Mob hört nicht zu. Ein Mob schreit, lärmt und wütet. Wenn der Mob dann auch noch in der Gewissheit der moralischen Überlegenheit daherkommt, wird es besonders gefährlich. Dabei ist es irrelevant, was das Ziel des heiligen Zorns ist. Die Methode des Mobs ist immer die Gewalt der aufgebrachten Masse.

Nichts rechtfertigt eine Schreckensherrschaft der Tugend.

Wenn sich Menschen, die sonst wenig gemeinsam haben, in der Herabwürdigung eines anderen Menschen vereinen, wenn Hass identitätsstiftend wird, marodiert der Mob.

Der Mob lässt andere Meinungen nicht zu. Er erklärt stattdessen, Worte seien Gewalt, nur um so dann selbst physische Gewalt gegen den Redner rechtfertigen zu können. Der Mob erklärt jeden Abweichler und jeden Kritiker zu einer Gefahr, gegen die auch Gewalt angewendet werden darf. Es ist schließlich Notwehr.

„Wehret den Anfängen“ brüllen diese selbstgerechten Putztruppen und meinen damit doch nur die Anfänge einer Zukunft, die sie aus ihrer eigenen Angst heraus konstruieren. Aus Angst nimmt der Mob andere Menschen als Geisel einer Vermutung. Diese Angst ist die Wurzel des totalitären Denkens, die Gewalt über Gedanken als Präventivschlag ermöglicht.

Das Mittel des Mobs sind Bilder. Um einen Mob gegen einen Menschen aufzustacheln, muss dieser Mensch zum Bösewicht erklärt werden. Im Mittelalter wurden Menschen zu Hexen, Schwarzmagiern, Kinderfressern, Brunnenvergiftern und Teufelsanbetern erklärt, um Gewalt gegen sie zu rechtfertigen. Diese Menschen wurden verbrannt, weil sie für das gute Leben und die reine Menschheit angeblich gefährlich waren.

Heute sind es weniger religiöse oder mythische Verunglimpfungen, die Menschen der Masse ausliefern, sondern politische Unterstellungen. Heute ist der Gegner sofort ein Nazi oder wenigstens ein Rechtspopulist und überall sehen die Menschen mit dem guten, gerechten Glauben Nazis, so wie die Menschen im Mittelalter überall Hexen sahen. Es ist ein Wahn, geboren aus der Überzeugung, dem einzig wahren Glauben anzugehören.

In den letzten Jahren wurden nur allzu leichtfertigt Juden zu Rechtsextremen erklärt, schwarze Frauen zu weißen Suprematistinnen, ehemalige Muslime zum Rassisten und Feministinnen zu sexistischen Hasserinnen. Henryk M. Broder, Candace Owens, Hamed Abdel-Samad und J.K. Rowling können ganze Lieder davon singen. Sie wurden diffamiert, um einen Mob in den sozialen Netzwerken gegen sie zu entfesseln. Dabei haben sie alle lediglich Worte genutzt.

Wer Worte verbieten möchte, weil daraus Gewalt erwachsen kann, muss auch für ein Verbot der Bibel oder des Korans plädieren. Unzählige Terroristen haben mit den Parolen des Korans auf den Lippen gemordet. Nicht mal Jesus konnte verhindern, dass seine Worte missverstanden werden. Hätte er die Bergpredigt daher besser nicht halten sollen?

Gedanken verschwinden nicht, nur weil sie nicht gesprochen werden.

Nur wer die brutalen Gedanken hört, kann sich wehren. Das Verbieten von Worten bringt rein gar nichts.

Worte und Meinungen sind weit weniger gefährlich als eine Legion, die sich so im Recht fühlt, dass sie glaubt, Feuer legen zu dürfen, um die Gefahr auszumerzen. Wer alles verbannt und verbrennt, was ihm nicht gefällt, wird blind für das, was in der Gesellschaft vor sich geht. Andere Meinungen auszuklammern, ist so effektiv wie das kleine Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und glaubt, so sei die Gefahr verschwunden. Internetseiten zu löschen, im Glauben, man würde dadurch etwas verhindern, ist so produktiv, wie Bücher zu verbrennen.

Facebook, Twitter und andere soziale Netzwerken sperren Nutzerinnen und Nutzer öfter aus nichtigen Gründen, während Beiträge, die unverhohlen und offen Hass predigen, nicht gelöscht werden. Hamed Abdel-Samad ist es passiert und auch ich habe das schon öfter erleben müssen. Unsere Accounts wurden ohne Angaben von Gründen gesperrt und erst nach juristischer Hilfe wieder freigeschaltet. Bei allen Sperrungen erklärten Fundamentalisten öffentlich ihre Freude darüber, uns mundtot gemacht zu haben. Sie hatten im Vorfeld sogar dazu aufgerufen, die Sperrungen der Accounts auf Twitter und Facebook durch massenhaftes Melden der Beiträge zu erwirken.

Im Fall von Hamed Abdel-Samad führt ein Meldemob seit Jahren ein Zermürbungskrieg gegen einen Mann, der in der realen Welt ständig auf der Flucht vor Fundamentalisten ist. Hamed Abdel-Samad kann nicht ohne Personenschützer sein Haus verlassen undekann seine Freunde nur geheim treffen. Sein unbeschwertes Leben wurde ihm genommen, weil er die Freiheit der Meinung lebt. Seine wichtigste Waffe im Kampf gegen die Fundamentalisten, die ihn töten wollen, ist das freie Wort und die Möglichkeit, seine Worte zu veröffentlichen. Ein Meldemob tut nun alles, ihm diese Waffe zu entreißen und Twitter, Facebook und YouTube sind die willigen Vollstrecker dieses Mobs.

Dabei sind diese Unternehmen Kinder unserer aufgeklärten Gesellschaft. Für ihre Freiheit sind viele Männer und Frauen gestorben, die für das freie Wort gestritten haben. Ausgerechnet diesen Menschen wird ihre wichtigsten Selbstverteidigungswaffen genommen. Niemand ist in Gefahr, weil Hamed Abdel-Samad redet. Hamed aber ist in Gefahr, weil er redet. Und die Gefahr geht vom Mob aus.

Zur Zeit beherrscht ein Mob die Netzwerke. Es ist ein Sieg des Gefühls der Masse über die Vernunft des Individuums. Aber vielleicht gibt es Hoffnung und Elon Musk setzt wenigstens auf Twitter dieser Legion ein Ende.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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2 Antworten zu Der Meldemob

  1. Jamie Garner schreibt:

    Hätten nie davon geträumt, Ihnen noch ein ‚Like‘ zu verpassen, aber volle Zustimmung zu diesem Essay. Während die paar Neonazis hier zu blöd sind eine Sexparty in einem Puff zu organisieren, werden die Frösche von den Links-Grünen langsam standrechtlich und kollektiv gar-gekocht; und ja, die wahren Verbrecher „rufen haltet den Dieb“. Sie scheinen jetzt langsam durchzublicken – leider nur halb. Für’s ganze Bild, sehen Sie zu Ihren Kumpels Klaus Schwab, Soros & Co., die halten die Leine der regionalen Anstifter…

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  2. Konrad Fuhrmann schreibt:

    Der wütende Mob, der aufrechten Menschen wie Hamed Abdel-Samad das Leben vergiftet, tritt auch deshalb so dreist und aggressiv auf, weil er seit geraumer Zeit die Obrigkeit hinter sich weiß: schon unter Merkel alimentierten Bund und Länder zahllose, teils äußerst dubiose Vereine mit Steuermillionen. Alles, was sich irgendwie als „gegen rechts“, „antirassistisch“ oder „pro LTGBQ“ gerierte, wurde bedacht; niemand fragte nach möglichen extremistischen oder terroristischen Tendenzen und Verbindungen. Jetzt nutzt die Ampel die aufgebauschte Niederschlagung eines angeblichen Putschversuchs, um mit einem „Demokratiefördergesetz“ die Straße in noch systematischerem Umfang für die allerproblematischsten Aspekte ihres Handelns – Genderwahn, unkontrollierte Massenimmigration, Klimaradikalismus usw. – zu mobilisieren. Was bisher schlimm war, wird jetzt wohl erst richtig schaurig.

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