“Auge um Auge – Zahn um Zahn”

Die biblische Stelle “Auge um Auge” gehört zu den am meisten missverstandenen Geboten.

עין תּחת עין ist Teil eines Rechtssatzes aus Sefer ha-Berit in der Tora. In der Bibel ist diese Stelle als Ex 21, 23–25 gekennzeichnet. Die korrekte Übersetzung lautet: “Auge für Auge”.

„… so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“

Dieser Satz bedeutet eben nicht, dass Gleiches mit Gleichem vergolten werden soll, sondern nach überwiegender rabbinischer und historisch-kritischer Auffassung verlangt die Formel einen angemessenen Schadensersatz in allen Fällen von Körperverletzung vom Täter, um die im Alten Orient verbreitete Blutrache einzudämmen und durch eine Verhältnismäßigkeit von Vergehen und Strafe abzulösen.

Tapfer im Nirgendwo lädt alle Leserinnen und Leser ein, ihre Interpretation der Formel zu verfassen, damit es neben der ständig falschen Benutzung des Zitats wenigstens ein kleines Gegengewicht gibt. Nutzen Sie einfach die Kommentarspalte oder senden Sie ihre Interpretation als Mail.

***

Gerd Buurmann: “Meinem Verständnis nach verbietet die Formel das Zerstören eines Auges für ein zerstörtes Auge. Die Formel macht nämlich klar, dass es für jede Tat eine Vergeltung geben muss, die ebenfalls als Wiedergutmachung taugt. Wer ein Auge zerstört, muss dieses Auge ersetzen. Der Täter wird dazu verpflichtet, für das zerstörte Auge nun auch zu sehen! Die Formel rückt somit die Verantwortung eines jeden Menschen in den Mittelpunkt. Wer handelt, muss für die Folgen seines Handelns gerade stehen. Dabei wird betont, dass es für eine Wiedergutmachung niemals eine Entschuldigung gibt. Egal ob man betrunken war, geistig umnachtet oder in sonst einer Weise nicht Herr seiner Sinne. So wenig wie das Opfer etwas dafür kann, ein Auge verloren haben, kann sich der Täter davon frei machen, in aller Zukunft für das Auge aufzukommen. Die Talionsformel macht deutlich, dass es zwar für die Strafe als pure Vergeltung mildernde Umstände geben kann, für die Wiedergutmachung jedoch nie!

***

Ima: “Auge um Auge” – es gibt wohl keine Rechtsformel der Hebräischen Bibel, die öfters mißverstanden wurde als diese. Und weil sie oftmals auch noch im Gegensatz zur christlichen Nächstenliebe in Bezug genommen wird und sich darin der entscheidende Unterschied der religiösen Ethik zwischen Christentum und Judentum zu kristallisieren scheint, seien hier einmal ein paar erklärende Anmerkungen erlaubt:

Zunächst zum Schriftvers “Auge um Auge … ” (oder besser: “ein Auge anstelle eines Auges”), der – entgegen einer bloß oberflächlichen Lesart – einen bahnbrechend humanen Rechtsstandard gesetzt hat:

Bereits die talmudische Erklärung der Tora, auf der die jüdische Tradition aufbaut, kommt zu dem Schluß (Traktat Bava Qamma 83b-84a), daß der einfache Schriftsinn nicht im Wortlaut “Auge um Auge” (Exodus 21,24; Leviticus 24,20; Deuteronomium 19,21) aufgeht. Weil nämlich der Verlust eines Auges schlichtweg nicht durch die Wegnahme eines anderen Auges kompensiert werden kann, ist die fragliche Vorschrift keineswegs als ein faktisch exzessives “Wie du mir, so ich dir” zu verstehen. Unter Bezugnahme auf den Rechtsgrundsatz der Gleichheit aller vor dem Gesetz (Leviticus 24, 22) wird daraus vielmehr ein monetärer Ausgleichsanspruch abgeleitet: Anstelle der vermeintlich drakonischen Aufrechnung wird in Wirklichkeit mäßigend zwischen den Streitparteien vermittelt.

Mithin liegt die Bedeutung der Norm “Auge um Auge” in einer realistischen Evaluation der tatsächlich im Schadensfall verletzten Rechtsposition. Der Regelungsgehalt besagter Bestimmung ist demnach 1. die Feststellung einer prinzipiellen Schadensersatzpflicht und 2. zugleich die Konkretisierung der materiellen Schadensersatzleistung auf den Wert des geschützten Rechtsguts (hier die körperliche Befindlichkeit). Die Schadensersatzleistung ihrerseits setzt sich dann wieder aus mehreren Komponenten zusammen: den Ersatz des materiell entstandenen Schadens, Schmerzensgeld, Heilungskosten, Arbeitsausfallersatz und ein sog. Beschämungsgeld (Traktat Bava Qamma, Mischna 8,1).

Es ist in diesem Zusammenhang die Bemerkung von größter Bedeutung, daß es sich beim Wort “Auge um Auge” im ganzen um eine rein rechtliche Satzung handelt. Mit Ethik haben diese Bestimmungen so viel (oder so wenig) zu tun wie z.B. §§ 823 ff. des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches.

Wer also “Auge um Auge” zwar nicht nach antijüdischem Stereotyp mißversteht, gleichwohl aber dem ethischen Imperativ von der Nächstenliebe entgegensetzt, begeht schlicht den Fehler der Kategorienverwechslung.

Im übrigen ist auch die Anweisung “Liebe deinen Nächsten …” Zitat aus dem Heiligkeitsgesetz (Leviticus 19,18) – und das steht bekanntlich in der Hebräischen Bibel! Der einzige Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Nächstenliebe ist der Adressatenkreis: Im Judentum gilt sie für den Genossen, den Konvertit und den “Beisaß”, im Christentum ist sie eine universelle Norm. Ob letztere Auffassung in irgendeiner Weise eine realistische Anpruchshaltung zum Ausdruck bringt, bleibe hier dahingestellt.

In jedem Fall gilt: So manches Un- und Mißverständnis ließe sich leicht vermeiden, studierten die Menschen besser ihre Quellen …”

***

Robert Cohn: “Wenn Journalisten, Publizisten und Politiker nicht weiterwissen, werden sie gern vermeintlich bliblisch und schreiben “Auge um Auge!”, um zu suggerieren, dass es eine jüdische “alttestamentarische Vergeltung” bis zum heutigen Tag gebe.
Nichts könnte falscher sein!

Der Passus Auge für Auge (ajin tachat ajin) bezieht sich rein zivilrechtlich auf Schadensersatz: So urteilte der Sanhedrin, das oberste Gericht des antiken Israels, dass jemand, der einem Anderen z.B. das Auge ausgeschlagen hat, ihm Schadensersatz geben müsse.
Dieser Grundsatz hat das Recht revolutioniert, denn bis da hin (und für Andere noch lange danach) galt nur ein brutaler Vergeltungsgrundsatz (Lex Hammurabi, lex talionis) als unverbesserter, staatlicher Ersatz für die Blutrache.
Mit dieser Form des jüdischen Rechts als Schadensersatz zog ein Grundsatz der Moderne ein: Nie wieder sollten primitive Vergeltung oder gar Blutrache erlaubt sein. Der Leidtragende soll finanziell entschädigt werden.

Gespenstischerweise geistert jedoch bis heute in den Köpfen, dass die Juden (und die Israelis) wegen des Satzes “Auge um Auge” besonders rachsüchtig, vergeltungsbesessen und archaisch brutal seien, obwohl der Satz genau das Gegenteil besagt.

Wann hören diese Unterstellungen auf?”

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26 Antworten zu “Auge um Auge – Zahn um Zahn”

  1. Ima schreibt:

    Na gut,
    nachdem ich bereits Ulrich W. Sahm zitiert hatte

    http://www.nicht-mit-uns.com/nahost-infos/texte/1sahmauge.html

    eine kleine Ausführung von meinem Sohn und mir
    (ist zwar schon etwas älter und bereits von Jahren im damaligen Tagesschauforum veröffentlicht, aber immer noch aktuell)

    Auge um Auge! – oder?
    ________________________________________
    “Auge um Auge” – es gibt wohl keine Rechtsformel der Hebräischen Bibel, die öfters mißverstanden wurde als diese. Und weil sie oftmals auch noch im Gegensatz zur christlichen Nächstenliebe in Bezug genommen wird und sich darin der entscheidende Unterschied der religiösen Ethik zwischen Christentum und Judentum zu kristallisieren scheint, seien hier einmal ein paar erklärende Anmerkungen erlaubt:

    Zunächst zum Schriftvers “Auge um Auge … ” (oder besser: “ein Auge anstelle eines Auges”), der – entgegen einer bloß oberflächlichen Lesart – einen bahnbrechend humanen Rechtsstandard gesetzt hat:

    Bereits die talmudische Erklärung der Tora, auf der die jüdische Tradition aufbaut, kommt zu dem Schluß (Traktat Bava Qamma 83b-84a), daß der einfache Schriftsinn nicht im Wortlaut “Auge um Auge” (Exodus 21,24; Leviticus 24,20; Deuteronomium 19,21) aufgeht. Weil nämlich der Verlust eines Auges schlichtweg nicht durch die Wegnahme eines anderen Auges kompensiert werden kann, ist die fragliche Vorschrift keineswegs als ein faktisch exzessives “Wie du mir, so ich dir” zu verstehen. Unter Bezugnahme auf den Rechtsgrundsatz der Gleichheit aller vor dem Gesetz (Leviticus 24, 22) wird daraus vielmehr ein monetärer Ausgleichsanspruch abgeleitet: Anstelle der vermeintlich drakonischen Aufrechnung wird in Wirklichkeit mäßigend zwischen den Streitparteien vermittelt.

    Mithin liegt die Bedeutung der Norm “Auge um Auge” in einer realistischen Evaluation der tatsächlich im Schadensfall verletzten Rechtsposition. Der Regelungsgehalt besagter Bestimmung ist demnach 1. die Feststellung einer prinzipiellen Schadensersatzpflicht und 2. zugleich die Konkretisierung der materiellen Schadensersatzleistung auf den Wert des geschützten Rechtsguts (hier die körperliche Befindlichkeit). Die Schadensersatzleistung ihrerseits setzt sich dann wieder aus mehreren Komponenten zusammen: den Ersatz des materiell entstandenen Schadens, Schmerzensgeld, Heilungskosten, Arbeitsausfallersatz und ein sog. Beschämungsgeld (Traktat Bava Qamma, Mischna 8,1).

    Es ist in diesem Zusammenhang die Bemerkung von größter Bedeutung, daß es sich beim Wort “Auge um Auge” im ganzen um eine rein rechtliche Satzung handelt. Mit Ethik haben diese Bestimmungen so viel (oder so wenig) zu tun wie z.B. §§ 823 ff. des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches.

    Wer also “Auge um Auge” zwar nicht nach antijüdischem Stereotyp mißversteht, gleichwohl aber dem ethischen Imperativ von der Nächstenliebe entgegensetzt, begeht schlicht den Fehler der Kategorienverwechslung.

    Im übrigen ist auch die Anweisung “Liebe deinen Nächsten …” Zitat aus dem Heiligkeitsgesetz (Leviticus 19,18) – und das steht bekanntlich in der Hebräischen Bibel! Der einzige Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Nächstenliebe ist der Adressatenkreis: Im Judentum gilt sie für den Genossen, den Konvertit und den “Beisaß”, im Christentum ist sie eine universelle Norm. Ob letztere Auffassung in irgendeiner Weise eine realistische Anpruchshaltung zum Ausdruck bringt, bleibe hier dahingestellt.

    In jedem Fall gilt: So manches Un- und Mißverständnis ließe sich leicht vermeiden, studierten die Menschen besser ihre Quellen …

    • Eitan Einoch schreibt:

      Alles richtig. Leider wird die Wendung “Auge um Auge, Zahn um Zahn” in der nichtjüdischen Welt seit Generationen fehlinterpretiert und ist zu einer Allerwelts-Redewendung geworden, die Rache und Vergeltung symbolisiert. Populäre Mythen sind schwer hartnäckig.

  2. Paul schreibt:

    Lieber Gerd, danke dass Du dieses Thema hier aufgegriffen hast.
    Grundsätzlich stimme ich dem zu, was Du geschrieben hast.

    Jedesmal wenn sich der Konflikt im Nahen Osten verschärft, d.h. wenn Israel sich verteidigt, dann wird, bezogen aud Israel schnell von “Vergeltung” geschrieben und dann ist “Aug um Aug…” auch nicht mehr weit.

    Ich verzichte auf eigene Formulierungen zu diesem Thema, weil Andere das schon viel besser getan haben.

    In der taz hat ein Rabiner geschrieben:
    “”Ajin tachat ajin” bedeutet “Auge für Auge” und beinhaltet ein grundlegendes halachisches Prinzip, also des jüdischen Religionsgesetzes. Ein Mensch, der einem anderen Menschen eine Verletzung zugefügt hat, wird von der Thora verpflichtet, die Verletzung finanziell zu entschädigen. Unsere mündliche Thora (der Talmud) erklärt und diskutiert ausführlich (Bawa Kama, Kap. 8), dass diese finanzielle Entschädigung auf fünf Gebieten zu leisten ist: Schadenersatz, Schmerzensgeld, Heilungskosten, Arbeitsausfallersatz und Schamgeld (wenn sich jemand geniert, mit einer körperlichen Verletzung sich öffentlich zu zeigen).

    In keiner jüdischen Quelle ist die Rede davon, dass einem Menschen, der einem anderen – mit oder ohne Absicht – ein Auge ausgeschlagen hat, als Strafe dafür sein eigenes Auge ausgeschlagen werden soll.”

    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2002/03/02/a0287

    Wer es ausführlicher und wissenschaftlicher mag, dem empfehle ich das Rechtsgutachtern der Uni Heidelberg:

    http://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca03-3/auge.html

    Gerd, Du bist Dir aber schon im klaren darüber, dass wir hier gegen “Windmühlen” kämpfen?

  3. Aristobulus schreibt:

    Wenn Journalisten, Publizisten und Politiker nicht weiterwissen, werden sie gern vermeintlich bliblisch und schreiben “Auge um Auge!”, um zu suggerieren, dass es eine jüdische “alttestamentarische Vergeltung” bis zum heutigen Tag gebe.
    Nichts könnte falscher sein!

    Der Passus Auge für Auge (ajin tachat ajin) bezieht sich rein zivilrechtlich auf Schadensersatz: So urteilte der Sanhedrin, das oberste Gericht des antiken Israels, dass jemand, der einem Anderen z.B. das Auge ausgeschlagen hat, ihm Schadensersatz geben müsse.
    Dieser Grundsatz hat das Recht revolutioniert, denn bis da hin (und für Andere noch lange danach) galt nur ein brutaler Vergeltungsgrundsatz (Lex Hammurabi, lex talionis) als unverbesserter, staatlicher Ersatz für die Blutrache.
    Mit dieser Form des jüdischen Rechts als Schadensersatz zog ein Grundsatz der Moderne ein: Nie wieder sollten primitive Vergeltung oder gar Blutrache erlaubt sein. Der Leidtragende soll finanziell entschädigt werden.

    Gespenstischerweise geistert jedoch bis heute in den Köpfen, dass die Juden (und die Israelis) wegen des Satzes “Auge um Auge” besonders rachsüchtig, vergeltungsbesessen und archaisch brutal seien, obwohl der Satz genau das Gegenteil besagt.

    Wann hören diese Unterstellungen auf?

  4. Stefan Göpke schreibt:

    Diese Erklärung solltest Du in Stein hauen lassen und jeden, der mit dem üblichen “alttestamentarischen Rachegedanken der Israelis” ankommt, einmal leicht mit dem Köpfchen drauf schlagen.
    Aber das bekommt man aus den Klugscheißern nicht raus wie auch das immerwieder gerne genutzte “Mann ohne Eigenschaften”. Zitiert von Leuten, die Musil sicher nie gelesen, geschweige denn verstanden haben. (Klarstellung: Ich habe ihn auch nie gelesen! …zitiere aber auch nicht.)

  5. Aristobulus schreibt:

    Der H. hat den Antisemitismus durch ‘ne Verfälschung wieder reingeholt, aber er ist draußen.
    Ist doch alles gut so ;)

  6. M. schreibt:

    man kann es noch oft erklären, aber die medien werden es weiterhin so verwenden, damit es schön knallig klingt. wie oft haben juden das schon klargestellt und wie oft wird es ignoriert? ratet mal!

  7. Yael schreibt:

    Man kann es sehr einfach ausdrücken: “Auge für Auge”, wie es richtig übersetzt ist, bedeutet schlicht eine Haftung (also eine Art Haftschutzversicherung), eines Menschen, wenn man jemanden verletzt. D.h., wenn jemand z. B. Uhrmacher ist und er ein Auge verliert, muss derjenige, der das verursacht hat, ihm Geld zahlen, vor allem, wenn jemand deswegen seinen Beruf aufgeben muss.
    Wie kann man denn in dem Sinne, in dem Auge um Auge verwendet wird, Rache üben, wenn jemand einäugig ist und man ihm das zweite Auge ausschlägt? Muss man demjenigen beide Augen ausschlagen, wenn man “nur” für den Verlust eines Auges verantwortlich ist?
    Daran sieht man schon wie falsch das Zitat verwendet wird.
    Auge für Auge war dazu da, die damals übliche Blutrache einzudämmen.

  8. Eliyah schreibt:

    Die Stelle steht in Exodus 21,23–25 (2. Buch Mose). Da ich nicht die guten Kommentare weiter oben wiederholen möchte, zitiere ich (von mir übersetzt aus dem Englischen) aus dem Artscroll Chumash Stone Edition:

    “Es steht eindeutig im Talmud (Bava Kamma 83b-84a) und der Mechilta, dass dieser Ausdruck schon immer verstanden wurde, wie es das Mündliche Gesetz erklärt, dass die verantwortliche Partei den Geldgegenwert für ein Auge bezahlen muss, als Entschädigung für das Auge, das er geblendet hat. Es gab niemals ein Jüdisches Gericht das jemals jemanden geblendet oder sonstige physische Verletzungen auferlegt hat als Rache oder Entschädigung. Die einzigen Leibesstrafen, die je auferlegt wurden sind die Todesstrafe und Peitschenhiebe, wo es die Torah vorsieht. Es bleibt jedoch die Frage, warum die Torah diese Geldstrafe in einer Weise ausdrückt, die man wörtlich genommen verstehen kann, als hätten Jüdische Gerichte routinemässig Menschen verstümmelt. Rambam und andere Kommentatoren erklären dazu, dass nach Himmlischen Masstäben der Täter verdient, sein Auge zu verlieren – und daher kann er keine Vergebung für seine Sünde erhalten nur durch Bezahlung der verlangten Summe, er muss darüberhinaus sein Opfer um Vergebung bitten – aber menschliche Gerichte haben keine Befugnis, mehr als die verlangte Geldentschädigung von der verantwortlichen Partei zu fordern. Siehe auch Leviticus 24:17-22″

    Mit anderen Worten: Es ist nicht nur ein Aufruf zur Mässigung, es ist auch ein Aufruf, sich untereinander zu vertragen. Trotzdem wird Gerechtigkeit hergestellt.

    Man stelle sich vor, in einer Gesellschaft gibt es keine Gerechtigkeit und jedem Übeltäter muss einfach so vergeben werden. Es gibt keine Gerichte und keine Gefängnisse, keine Geldstrafen und keine anderen Strafen. Wer würde sich noch sicher fühlen? Genau so würde sich keiner Sicher fühlen, wenn aus jeder Übertretung und jeder Verletzung eine Fehde wird und das Gesetz der Rache gilt. “Auge für Auge, Zahn für Zahn” stellt genau das benötigte Gleichgewicht her und verbietet die Rache.

  9. Aristobulus schreibt:

    Eliyah (8:33 Nachmittags), Du (oder die Leute von Artscroll und natürlich Maimonides, der Rambam) hast es prima erklärt… der Passus über die Entschädigung bei Körperverletzung steht also vor dem Hintergrund, wie das im Himmel gilt.

    Von G”tt her gesehen verursacht solche eine grässliche Körperverletzung Zorn – aber wir auf der Erde schaffen lieber einen Ausgleich.
    Ist das so richtig ausgedrückt?

    • Eliyah schreibt:

      Die Erklärungen berührt zwei Ebenen: Die irdische und die himmlische. Irdisch ist nur eine Geldstrafe vorgesehen, die himmlische Schuld wiegt aber schwerer als Geld.
      Wie Du weisst, bekommt man am Yom Kippur (fast) alle Sünden vergeben, wenn man Tshuva macht, also umkehrt und bereut. Interessanterweise betrifft das nur die Sünden gegenüber G-tt. Wenn Du also ein Schweinesteak verschlungen, am Shabbat eine Zigarette geraucht und vergessen hast Tfillin zu legen, dann wird dir das verziehen. Hast Du aber deinen Nächsten bestohlen, verletzt, betrogen oder gar getötet, dann wird dir das nicht vergeben. Du musst beim Geschädigten selbst um Vergebung bitten.
      Jetzt wird es interessant: Die Torah sagt “Auge für Auge” und wir wissen, dass damit die Geldentschädigung auf Erden gemeint ist und die himmlische Strafe des Verlustes des eigenen Augenlichts. Aber die Vergebung der Sünde ist genau umgekehrt: Durch die Bezahlung der Geldstrafe auf Erden vergibt einem der Himmel die Sünde gegenüber G-tt und der Torah, durch die angenommene Entschuldigung gegenüber dem Geschädigten wird die die himmlische Strafe von einem genommen, aber vergeben wird vom Geschädigten auf der Erde, nicht von G-tt.
      Das erlaubt tiefe Einsicht in die jüdische Philosophie: Gerechtigkeit und Recht sind zwei paar Dinge. Recht herrscht auf Erden, Gerechtigkeit erfährt man im Himmel. Die Verantwortung, mit seinen Mitmenschen ins Reine zu kommen, liegt alleine beim Menschen. Die Torah zeigt uns den Weg dahin, aber G-tt will keine Opfer, keine Buße, keine Bezahlung, er will allein Tshuva.

  10. zweitesselbst schreibt:

    naya, statt immer nur zu klagen, ohjeohje, sollte einfach mal geguckt werden, wie es überhaupt so weit kommen konnte. und das Problem dabei scheint mir , wo fängt man bei so einer Suche an?? der eine sagt, der hat angefangen, der andere sagt, nö, ich doch nicht, der wars.

    Aber Antisemitismus gibts ja nun wirklich schon seit ewigen Zeiten, wie ich grad wieder bei Wikipedia lese, und nicht erst seit grad bzw. gestern oder vorgestern. allerdings hat er unter dem Faschismus dann seine auch industrielle Perfektion erreicht. hm

    und eigentlich geht es auch nicht um links oder rechts, sondern gegen so einfache Schuldzuweisungen und rassistische Ausgrenzungen. leider hab ich inzwischen aber den Überblick verloren. vllt sollte mal jemand den Faden wieder aufnehmen und untersuchen, warum das denn überhaupt alles so ist wie es ist. re

  11. Jonathan schreibt:

    Zufälligerweise war ich (wähernd meines Zivi´s in Jerusalem) in der Synagoge als genau der Bibeltext “Auge um Auge, Zahn um Zahn” behandelt wurde.
    Es gibt noch einen anderen Text der im Tora/Talmud (? – Fragt mich nicht nach der genauen Stelle – vergessen) steht, der das Selbe Thema behandelt.
    Dort wird deutlich ausgeführt, dass man für einen selbst verursachten Schaden finanziell aufkommen muss.
    Sowohl für materiellen Schaden als auch für “verlorengangene” Körperteile (Zähne, Augen, Beine….)
    Im Klartext steht dort deutlich: wenn du jemand irgendeinen Schaden zufügst dann erstatte den entstandenen Schaden angemessen – mit Geld!!

    Zurück zu “Auge um Auge, Zahn um Zahn” – hierbei, so scheint es, geht es ja um Rache.
    ABER das würde ja im Gegensatz zum anderen Text stehen. Also – so wird es jüdisch erklärt – bedeutet “Auge um Auge”, falls ich jemandes Auge aussteche, so muss ich ihm so viel Geld geben, wie das Auge wert ist. (Wie viel ein Auge, Zahn,…. wert ist, ist eine andere Frage).

    Um den Bibeltext nicht zu überfüllen wurde dieser finanzielle Aspekt an dieser Stelle nicht erklärt, da er ja an anderer Stelle explizit erklärt wird. Hier wird nur darauf verwiesen.

  12. Dante schreibt:

    Wir haben im Religionsunterricht Manches über das Judentum gelernt. So auch, dass “Auge um Auge” nichts damit zu tun habe, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern einen Vergütungsgrundsatz darstelle dessen buchstäbliche Auslegung letzlich eine fehlerhafte sei.
    Das ist aber nur ein Aspekt, der gegen die übliche Auslegung spricht. Völlig unabhängig davon ist maßlose Rache auch keine Begeltung von Gleichem mit Gleichem und hat daher nicht einmal etwas mit einer buchstäblichen Auslegung des Grundsatzes zu tun, die nämlich noch immer einer frühen Formulierung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes darstellt.
    Insbesondere haben Christen keinerlei Grund dazu, den Juden aufgrund dieses Grundsatzes “Rachsucht” zu unterstellen, denn im Christlichen Abendland wäre vor der Aufklärung und noch darüber hinaus selbst die buchstäbliche Auslegung dieses Grundsatzes eine gewaltige Humanisierung des Rechtswesens gewesen.
    Darauf habe ich auch in einem Leserbrief an eine Wochenzeitung hingewiesen. Dort hatte in einem Artikel mit dem Titel “Nation der Henker” über die Hintergründe des Littelton-Massakers gestanden, in den USA sei eine Wildwest-Mentalität weit verbreitet, die sich mit Sätzen wie

    betrittst du meinen Rasen, erschieße ich deinen Sohn

    wiedergeben lasse, und dies wurde abschließend mit folgendem Satz kommentiert:

    Auge um Auge. Das Alte Testament wurde für die Neue Welt geschrieben.

    Daraufhin habe ich mich umgehend mit oben erwähntem, ziemlich langen Leserbrief an die Redaktion gewandt, in dem ich u.a. darauf hingewiesen habe, dass es sich vielmehr um eine frühe Formulierung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit handelt, selbst wenn man ihn buchstäblich auslegt, während die von den Autoren des Artikels beschriebene Mentalität ja wohl jeder Verhältnismäßigkeit abhold ist.
    Darauf erhielt ich eine E-Mail, in der neben der Ankündigung, ihn leicht gekürzt zu veröffentlichen, von einem interessanten Denkansatz die Rede war. Dies hat mich geärgert, weil es suggeriert, die vorgefundene “Auslegung” sei legitim und meine Betrachtung etwas Besonderes. Dabei ist sie lediglich primitivste Anwendung von Logik und gesundem Menschenverstand. Man braucht nicht einmal besonders intelligent zu sein, um die Abwegigkeit zu erkennen.

    • Aristobulus schreibt:

      Lieber Dante,
      für erschreckend viele scheint dieser Passus “Auge um Auge” unverrückbar und in Stein gemeißelt für ein Ding Namens ‘alttestamentarische Rachsucht’ zu stehen, völlig egal, ob, wie oder wie lange man beweist, dass es so nie gewesen ist, und dass das in der Bibel eindeutig anders drinsteht.

      Die Floskel dieser Wochenzeitung ist ‘ne typische Ausrede, Abwehr… sie haben Deine Richtigstellung als Nebenmeinung abgetan.

      À propos!, wie sich in dem Fall mal wieder Hass gegen’s Judentum und Hass gegen die USA ähneln

  13. Alonzo schreibt:

    Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem CHRISTLICHEN “Alten Testament” und dem JÜDISCHEN “Tanach”. Das Alte Testament ist ein großer Teil der christlichen Bibel und der Tanach ist die jüdische Bibel. Wenn ich also höre, dass jemand das Prinzip Auge um Auge benutzt und meint Vergeltung, Rache, Alttestamentarisch, dann sage ich ihm: ja, das steht in deinem alten Testament, es steht in deiner Bibel. Es ist dein heiliges Buch, in dem das steht.
    Auge um Auge, im Sinne von Vergeltung, ist etwas christliches – Altes Testament.
    Augersatz für Auge, oder Auge für Auge, oder עין תּחת עין, im Sinne von Wiedergutmachung, ist etwas jüdisches – Tanach.

  14. Stefan Wehmeier schreibt:

    “Egal, ob es sich um die Geschichte der Griechen, Römer, Araber, Spanier usw. handelt, die Ursache des Unterganges war immer in der Ökonomie zu suchen. Dabei spielten die Zinsen die entscheidende Rolle: Zinsen > Vermögenskonzentration > Verschuldung > Zinssklaverei > Dekadenz – Brot und Spiele > Gesetze/Steuerlast – Unruhen > Zusammenbruch”

    http://www.deweles.de/files/untergang.pdf

    Sich seit drei Jahrtausenden als absolut lernresistent zu erweisen, ist eine Leistung, die der “hohen Politik” so schnell keine andere Disziplin nachmachen kann. Dabei hatte sie zwei Jahrtausende Zeit, um die “banalsten Selbstverständlichkeiten” zu verstehen, die offensichtlich werden, wenn wir die beiden folgenden Zitate miteinander vergleichen:

    “Ihr habt gehört, dass gesagt ist: “Auge um Auge, Zahn um Zahn.” Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.”

    Jesus von Nazareth

    “Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, dass der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muss, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, dass das heute auf Seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, dass man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut.”

    Silvio Gesell

    Auch wenn unsere “lieben Theologen” die folgende Weisheit vorsorglich im vierten Jahrhundert verbrannten,…

    (Nag Hammadi Library / Dialog des Erlösers) “Der Herr sagte: Ihr habt alle Dinge verstanden, die ich euch gesagt habe, und ihr habt sie im Glauben angenommen. Wenn ihr sie erkannt habt, dann sind sie die Eurigen. Wenn nicht, dann sind sie nicht die Eurigen.”

    …hätte man durch Einschalten des Verstandes durchaus darauf kommen können, dass es nicht darum geht, den Menschen an das Geld anzupassen, sondern das Geld an den Menschen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

    • Aristobulus schreibt:

      Der Wehmeier sieht sich so sündig gern im Internet stehen. Er wird so rauschig, wenn er sich da stehen sieht!, und sonst ist dem alles egal, wenn’s nur die Vokabel “Zinsknechtschaft” entält, denn die ist so fein altdeutsch bekannt, so nett urväterlich vertraut, ja endlich mal was Eigentliches. Ui, wie den sowas rauschig und wuschig macht. Fast kriegt man Lust, mitzugeilen ;)

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