„Auge um Auge – Zahn um Zahn“

Seit Jahrhunderten werden Lügen über Juden verbreitet. Juden wird vorgeworfen, Kinder zu schlachten, Brunnen zu vergiften und die Welt zu unterjochen. Viele dieser Lügen sind mittlerweile bei aufgeklärten Menschen verpönt, obwohl manch eine Lüge immer mal wieder ihren Weg in den Mainstream findet.

Die Parole „Kindermörder Israel“ erklingt nach wie vor immer wieder auch über deutsche Straßen, gerne auch in Zusammenhang mit der Forderung „Juden ins Gas!“. Die Lüge, Juden würden Brunnen vergiften, wiederum wurde im Jahr 2016 vor dem Europäischen Parlament in einer Rede vorgetragen. Viele Parlamentarierinnen und Parlamentarier applaudierten dieser Rede im Anschluss stehend. Martin Schulz bezeichnete die Rede sogar als „inspirierend“.

Es gibt viele judenfeindliche Lügen, die nach wie vor Konjunktur haben. Am erfolgreichsten ist die Behauptung, die auch von aufgeklärten Journalistinnen und Journalisten immer und immer wieder verbreitet wird. Es ist die Behauptung, bei dem Auspruch „Auge um Auge“ handele es sich um ein Rachegebot.

Wenn Journalisten, Publizistinnen und Politiker in ihrer Bewertung der Situation im Nahen Osten und ihrem Drang zur Kritik in Richtung Israel besonders bedeutsam werden wollen, geben sie sich gerne biblisch gebildet und schreiben „Auge um Auge“, um damit zu suggerieren, es gäbe eine jüdische „alttestamentarische Vergeltung“. Diese Vorstellung von dem alttestamentarischen Rachegott der Juden ist nichts weiter als eine uralte antijüdische Behauptung.

Manche Leute behaupten, das jüdische Testament sei ein Buch der Rache und stellen dem Buch ganz selbstergriffen das christliche Testament als vermeintliches Buch der Nächstenliebe entgegen. Als Kronzeugen bemühen diese Leute stets die biblische Stelle „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Hier schon steckt der erste Fehler, denn in der Bibel steht nicht „Auge um Auge“ sondern „Auge für Auge“.

Der Spruch עין תּחת עין ist Teil eines Rechtssatzes aus Sefer ha-Berit in der Tora. In der Bibel ist diese Stelle als Ex 21, 23–25 gekennzeichnet. Die korrekte Übersetzung lautet:

„… so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“

Dieser Satz bedeutet jedoch nicht, dass eine Tat mit der gleichen Tat vergolten werden soll, sondern dass die Strafe der Tat abgemessen sein muss. Mit dieser Formel wurde nämlich die im Alten Orient verbreitete Blutrache eingedämmt, die übele Strafen für selbst kleine Vergehen vorsah. Diese Blutrache wurde durch eine Verhältnismäßigkeit von Vergehen und Strafe abgelöst. Die Formel verlangt vom Täter zum Beispiel einen angemessenen Schadensersatz in allen Fällen von Körperverletzung.

Die talmudische Erklärung der Tora, auf der die jüdische Tradition aufbaut, kommt zu dem Schluß (Traktat Bava Qamma 83b-84a), dass der Verlust eines Auges schlichtweg nicht durch die Wegnahme eines anderen Auges kompensiert werden kann. Die Formel kann somit eben nicht als „Wie du mir, so ich dir“ verstanden werden, sondern führt unter Bezugnahme auf den Rechtsgrundsatz der Gleichheit aller vor dem Gesetz (Leviticus 24, 22) vielmehr einen Ausgleichsanspruch ein. Anstelle der drakonischen Aufrechnung wird mit der Formel mäßigend zwischen den Streitparteien vermittelt.

Mithin liegt die Bedeutung der Norm „Auge um Auge“ in einer realistischen Evaluation der tatsächlich im Schadensfall verletzten Rechtsposition. Im Talmud wird sogar der Schadensersatz definiert. Er setzt sich aus fünf Komponenten zusammen (Traktat Bava Qamma, Mischna 8,1):

Ersatz des materiell entstandenen Schadens
Schmerzensgeld
Heilungskosten
Ersatz des Arbeitsausfalls
Wiedergutmachung der Beschämung

Viele Leute, besonders israelkritische Journalisten, sehen diesen Kontext jedoch nicht und faseln stattdessen beharrlich von einem „Prinzip der Rache“, das aus diesem Zitat sprechen soll und erklären zudem, das Evangelium sei im Gegensatz ein Buch der Nächstenliebe. Dabei übersehen sie geflissentlich, dass es auch im Evangelium ab und an ganz schön unversöhnlich zugeht:

„Glaubet nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit der Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.” (Mt 10, 34-35)

“Es ging eine große Menge mit Jesus; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.” (Lukas 14, 25-26)

“Wenn deine Hand dich zum Bösen verführt, dann hack sie ab! Es ist besser, du gehst verstümmelt in das ewige Leben als mit beiden Händen in das unauslöschliche Feuer der Hölle. Wenn dich dein Fuß auf Abwege führt, dann hack ihn ab! Es ist besser für dich, mit nur einem Fuß zum ewigen Leben zu kommen, als mit beiden Füßen geradewegs in die Hölle zu marschieren. Wenn dich dein Auge zur Sünde verführt, dann reiß es heraus. Es ist viel besser, einäugig in Gottes neue Welt zu gelangen, als mit zwei gesunden Augen schließlich ins Feuer der Hölle geworfen zu werden. Dort wird die Qual nicht enden und das Feuer nicht verlöschen.” (Markus 9, 43-49)

Der Dichter Heinrich Heine erweiterte die Stelle von Markus um diesen Witz:

“Ärgert dich dein Auge, so reiß es aus, ärgert dich deine Hand, so hau sie ab, ärgert dich deine Zunge, so schneide sie ab, und ärgert dich deine Vernunft, so werde katholisch.”

Der Gott der Christen und der Gott der Juden tun sich nicht viel, wenn es um Rache geht! Gott, ob christlich oder jüdisch, ist mal eifersüchtig und mal versöhnlich. Ich würde sogar sagen, der Gott der Christen ist unversöhnlicher als der Gott der Juden. Der Gott des alten Bundes straft nämlich nur im Diesseits. Der Gott des Evangeliums aber straft sogar im Jenseits und zwar für immer und dann auch noch auf brutalste Weise, wie es die Offenbarung des Johannes zeigt.

Bei Johannes öffnet sich die Schere zwischen Gottes Liebe und Gottes Hass extrem. Gott straft bis in alle Ewigkeit und es ist erschreckend, was für Strafen der christliche Gott für alle Ewigkeit bereithält. Mit der christlichen Hölle hat sich der neutestamentarische Gott ein ewiges Folterlager gesetzt. Ein versöhnlicher Gott sieht anders aus.

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