Gibt es einen strafenden Gott?

Es ist so sicher wie das Alaaf im Kölner Karneval. Wenn es irgendwo auf der Welt zu einer Katastrophe kommt, gibt es immer einen Narren, der darin eine Strafe Gottes sieht. Da stellt sich mir die Frage: Gibt es einen strafenden Gott? Ich habe in der Bibel geblättert und bin zu folgender Erkenntnis gekommen: Ja!

Laut תּוֹרָה hatte vor über 5770 Jahren eine Frau namens Eva den Mut, sich ihres Verstandes zu bedienen. Was Immanuel Kant im 18. Jahrhundert fordern sollte, hatte diese Eva schon Jahrtausende vor Kant gewagt: Sie hatte den Mut, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Bis zu diesem Mut hatte Gott in absoluter Selbstgefälligkeit geherrscht. Mit dem Menschen kommunizierte er nur in Form von Befehlen – tu‘ dies nicht, tu‘ das nicht. Adam und Eva hielten sich daran. Zwischen richtig und falsch konnten sie somit unterscheiden.

Die Fähigkeit zur Unterscheidung von Gut und Böse aber lag noch uneingeschränkt in Gottes Hand. Die Möglichkeit zur Erlangung dieser Fähigkeit hing jedoch bereits als Frucht an einem Baum mit den Namen עץ הדעת טוב ורע (Baum der Erkenntnis von Gut und Böse). Von dieser Frucht hatte Eva gewagt zu essen. Seitdem ist Gott nicht mehr Alleinherrscher in Moralfragen und muss im Menschen einen ebenbürtigen Partner in Sachen Moral erkennen. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch war somit kein Verhältnis mehr zwischen Befehlsgeber und Befehlsempfänger, sondern wurde zu einer echten Partnerschaft. Allerdings gehört zu jeder Partnerschaft neben Liebe und Respekt auch die Eifersucht. So kam die Eifersucht ins Spiel. Gott wurde eifersüchtig und setzte Adam und Eva erstmal vor die Tür. Sowas kommt in den besten Partnerschaften vor.

Adam und Eva verließen das Gefängnis mit dem Namen Eden. Sie betraten das weite Feld der Freiheit. Der Garten Eden war ein Gefängnis, vielleicht das schönste aller bekannten Gefängnisse, aber nichtsdestotrotz ein Gefängnis. Schon der Begriff „Garten Eden“ ist ein Ausdruck für den Gefängnischarakter des Ortes. Das Wort „Eden“ geht auf das hebräische Nomen עֵדֶן (‛edæn) zurück, das einen Ort der Wonne bezeichnet. Ursprünglich dürfte es sich um den Eigennamen einer Landschaft handeln („Wonneland“), in der ein von G’tt selbst angelegter Garten lag. Das Wort „Garten“ wiederum leitet sich etymologisch von Gerte (indogermanisch gher und später ghortos) ab. Gemeint sind Ruten, die früher – ineinander verflochten – den Garten umfriedeten, also Zäune. „Garten Eden“ bedeutet somit „eingezäuntes Wonneland“. Genau diesen Ort haben Adam und Eva verlassen.

Immanuel Kant beschrieb dieses Verlassen im 18. Jahrhundert so:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenenVerstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Für Gott begann von diesem Moment an eine lange Leidensgeschichte, in der er langsam lernte, auf seinen absoluten Machtverlust in Moralfragen klar zu kommen – nicht ohne einige Rückfälle natürlich. Sein größter Rückfall dürfte wohl die Große Flut gewesen sein. Als ihm eines Tages alles zu viel wurde mit der Menschheit, da fasst er den grausamen Plan der „Endlösung der Menschheitsfrage“, indem er Wasser aus den Duschbrausen des Himmels sprudeln lies, um die ganze Menschheit zu ertränken. (Den Tod der Tiere hat Gott dabei wohl als Kollateralschaden in Kauf genommen.) Allerdings hatte sich Gott in der Zeit der Zwangsehe mit der Menschheit tatsächlich in ein paar Exemplare verliebt. Eben jene lies er am Leben, erzählte ihnen vom Plan der Vernichtung und riet ihnen, eine Arche zu bauen. So überlebte Noah und seine Familie.

Die ganze Sache mit der Vernichtung der Menschheit war Gott im Nachhinein wohl ein bißchen peinlich, denn er versprach, nie wieder eine solche „Endlösung“ der Menschheitsfrage zu planen. Stattdessen schloss Gott einen ewigen Bund mit dem Menschen Noah und bekundete diesen Bund sogar mit einem Regenbogen am Himmel. Ein bißchen kitschig, ich weiß, aber Gott hatte sich offenkundig ernstlich verliebt, da passiert sowas schon mal.

Seinen nächsten Rückfall hatte Gott mit seinem Blitzkrieg gegen die beiden Städte Sodom und Gomorrah, die er buchstäblich dem Erdboden gleich machte. Spannend an dieser Geschichte ist vor allem die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen Abraham. An diesem Punkt der Beziehung Mensch-Gott wird nämlich zum ersten Mal deutlich, dass Gott eine wahre und vor allem respektvolle Partnerschaft mit den Menschen eingegangen ist, denn Abraham ist hier in der Lage mit Gott erfolgreich zu handeln.

Gottes Absicht war es eigentlich, die beiden Städte vollkommen zu vernichten. Er war bereit, den Tod vieler Unschuldiger als Begleitschaden hinzunehmen. Doch da kam Abraham und es entwickelte sich folgender Dialog:

Abraham: „Willst du wirklich den Bewährten raffen mit dem Frevler? Vielleicht sind fünfzig Bewährte anwesend drin in der Stadt, willst du die wirklich raffen?“

Gott: „Finde ich in Sodom fünfzig Bewährte, drin in der Stadt, will ichs all dem Ort tragen um ihretwillen.“

Abraham: „Da habe ich mich doch vorgewagt zu meinem Herrn zu reden, und ich bin ja Staub und Asche, vielleicht fehlen an den fünfzig fünf – willst du um die fünf all die Stadt verderben?“

Gott: „Nicht will ich verderben, finde ich dort fünfundvierzig.“

Abraham: „Vielleicht finden sich dort nur vierzig.“

So geht es dann noch ein bißchen weiter, bis Abraham Gott tatsächlich auf ganze zehn Menschen runtergehandelt hat. Das nenne ich mal eine gewachsene Partnerschaft!

Auf diese Geschichte geht übrigens die jüdische Tradition des מנין zurück. Im Judentum braucht es einen Minjan, eine Gruppe von mindestens zehn im religiösen Sinne mündigen Juden, um einen vollständigen jüdischen Gottesdienst abzuhalten.

Der Gott der Bibel ist somit ein eifersüchtiger und strafender Gott, aber er ist es, weil er uns Menschen ernst nimmt und uns als Partner akzeptiert, statt uns zu Untergebenen zu degradieren. Strafbar und mündig sein gehören nun mal zusammen. Es heißt ja nicht umsonst: strafmündig. Im strafenden Gott spiegelt sich somit die Freiheit des Menschen wieder. Übrigens, der Gott der Tora ist nicht strafender als der Gott des Evangeliums. Der Gott des sogenannten neuen Testaments ist nicht versöhnlicher als der Gott des sogenannten alten Testaments.

Manche Christen behaupten, das jüdische Testament sei ein Buch der Rache und stellen ihm ganz selbstergriffen das christliche Testament als vermeintliches Buch der Nächstenliebe entgegen. Als Kronzeuge bemühen diese Christen stets die biblische Stelle „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Dieses Zitat gehört jedoch zu den am meisten missverstandenen Geboten. Es beginnt schon damit, dass in der Bibel nicht „Auge um Auge“ sondern „Auge für Auge“ steht.

Der Spruch עין תּחת עין ist Teil eines Rechtssatzes aus Sefer ha-Berit in der Tora. In der Bibel ist diese Stelle als Ex 21, 23–25 gekennzeichnet. Die korrekte Übersetzung lautet: „… so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“

Dieser Satz bedeutet eben nicht, dass Gleiches mit Gleichem vergolten werden soll, sondern die Formel verlangt vom Täter einen angemessenen Schadensersatz in allen Fällen von Körperverletzung. Mit dieser Formel wurde somit die im Alten Orient verbreitete Blutrache eingedämmt und durch eine Verhältnismäßigkeit von Vergehen und Strafe abgelöst. Die talmudische Erklärung der Tora, auf der die jüdische Tradition aufbaut, kommt zu dem Schluß (Traktat Bava Qamma 83b-84a), dass der Verlust eines Auges schlichtweg nicht durch die Wegnahme eines anderen Auges kompensiert werden kann. Die Formel kann somit eben nicht als „Wie du mir, so ich dir“ verstanden werden, sondern führt unter Bezugnahme auf den Rechtsgrundsatz der Gleichheit aller vor dem Gesetz (Leviticus 24, 22) vielmehr einen Ausgleichsanspruch ein. Anstelle der drakonischen Aufrechnung wird in mit der Formel mäßigend zwischen den Streitparteien vermittelt.

Mithin liegt die Bedeutung der Norm „Auge um Auge“ in einer realistischen Evaluation der tatsächlich im Schadensfall verletzten Rechtsposition. Im Talmud wird sogar der Schadensersatz definiert. Er setzt sich aus fünf Komponenten zusammen (Traktat Bava Qamma, Mischna 8,1):

Ersatz des materiell entstandenen Schadens
Schmerzensgeld
Heilungskosten
Ersatz des Arbeitsausfalls
Wiedergutmachung der Beschämung

Viele Christen jedoch sehen diesen Kontext nicht und faseln stattdessen beharrlich von einem „Prinzip der Rache“, das aus diesem Zitat sprechen soll und erklären zudem, das Evangelium sei im Gegensatz ein Buch der Nächstenliebe. Dabei übersehen sie geflissentlich, dass es auch im Evangelium mal ganz schön unversöhnlich zugeht:

„Glaubet nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit der Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.” (Mt 10, 34-35)

“Es ging eine große Menge mit Jesus; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.” (Lukas 14, 25-26)

“Wenn deine Hand dich zum Bösen verführt, dann hack sie ab! Es ist besser, du gehst verstümmelt in das ewige Leben als mit beiden Händen in das unauslöschliche Feuer der Hölle. Wenn dich dein Fuß auf Abwege führt, dann hack ihn ab! Es ist besser für dich, mit nur einem Fuß zum ewigen Leben zu kommen, als mit beiden Füßen geradewegs in die Hölle zu marschieren. Wenn dich dein Auge zur Sünde verführt, dann reiß es heraus. Es ist viel besser, einäugig in Gottes neue Welt zu gelangen, als mit zwei gesunden Augen schließlich ins Feuer der Hölle geworfen zu werden. Dort wird die Qual nicht enden und das Feuer nicht verlöschen.” (Markus 9, 43-49)

Der Gott der Christen und der Gott der Juden tun sich nicht viel, wenn es um Rache geht! Gott, ob christlich oder jüdisch, ist mal eifersüchtig und mal versöhnlich. Ich würde sogar sagen, der Gott der Christen ist unversöhnlicher als der Gott der Juden. Der Gott des Evangeliums straft nämlich in brutalster Weise, wie es die Offenbarung des Johannes zeigt, in der sich die Schere zwischen Gottes Liebe und Gottes Hass extrem öffnet. Bei Johannes lesen wir, dass der Gott des Evangeliums nicht nur bis in alle Ewigkeit liebt, sondern auch bis in alle Ewigkeit straft. Trifft Gottes Strafe in den Fünf Bücher Mose nur die lebenden Menschen, so trifft die Strafe Gottes im Evangelium auch alle toten Menschen und zwar bis in alle Ewigkeit. Es ist erschreckend, was für Strafen der christliche Gott für alle Ewigkeit bereithält. Mit der christlichen Hölle hat sich der neutestamentarische Gott ein ewiges Konzentrationslager gesetzt. Ein versöhnlicher Gott sieht anders aus.

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