Perfektionierte Juden

Vor drei Jahren kam es zu einem kleinen, aber dafür ganz spannenden Eklat in einer amerikanischen Talkshow: Der Gastgeber Donny Deutsch hatte Ann Coulter zum Interview geladen. Ann Coulter darf wohl als bekannteste, umstrittenste, aber auch unterhaltsamste Konservative Amerikas bezeichnet werden. Als Donny Deutsch fragte, wie denn ein Amerika aussehen würde, das die Werte Ann Coulters verinnerlicht hat, entwickelte sich folgender Dialog:

Coulter: Die USA sähe aus wie New York, die schönste Stadt der Welt, während der Republikanischen Nationalversammlung. Um genau zu sein, ich denke, dass es im Himmel so aussehen wird.

Deutsch: Nein, ich meine nicht politisch. Wie sähe das Fundament Amerikas aus? Wären wir glücklicher? Gesünder? Toleranter? Wären Frauen glücklicher? Würden die Rassen besser miteinander auskommen? Wie sähe es aus zwischen arm und reich? Präsentieren Sie das Ann Coulter Rezept.

Coulter: Amerika wäre glücklich, christlich und tolerant. Jeder würde für Amerika stehen und in Amerika verwurzelt sein.

Deutsch: Moment, es wäre also besser, wenn wir alle Christen wären?

Coulter: Ja! Möchten Sie mal mit mir zur Kirche gehen, Donny?

Deutsch: Ich sollte also nicht jüdisch sein?

Coulter: Wäre einfacher.

Deutsch: Ehrlich?

Coulter: Ja, ist eine Abkürzung.

Deutsch: Das können Sie nicht wirklich glauben. Sie sind zu gebildet für sowas.

Coulter: Doch. Wissen Sie überhaupt was Christentum ist? Sie haben ihre Gesetze und Gebote und wir haben die Abkürzung.

Deutsch: Warum reden Sie hier wie das Staatsoberhaupt des Irans?

Coulter: Das Staatsoberhaupt des Irans ist nicht christlich, falls es is Ihnen entgangen sein sollte.

Deutsch: Er möchte Israel von der Erde fegen. Sollte es auch für Sie keine Juden geben?

Coulter: Nein, wir wollten nur, dass sich die Juden perfektionieren.

Deutsch: Was haben sie gesagt

Coulter: Juden sollen sich perfektionieren. Sie haben das Alte Testament und wir haben Federal Express.

Deutsch: Wenn jemand sowas absurdes sagt, dann breche ich ab. Hätte Ann Coulter Verstand, dann hätte sie das nicht gesagt.

Coulter: Was ist absurd?

Deutsch: Juden müssen perfektioniert werden.

Coulter: Das ist es, was Christen glauben! Wir sehen uns selbst als perfekte Juden. Christen glauben an das Alte Testament und an die Gebote. Juden glauben aber nicht an das Neue. Im Alten Testament wurde Gott oft zornig, weil sich die Menschen nicht an seine Regeln halten konnten. Jetzt glauben Christen, und es tut mir leid, aber das ist es nun mal, wofür das Neue Testament steht, das Jesus gekommen ist, um für unsere Sünden zu sterben. Die Juden haben Gebote, an die sie sich halten müssen, aber wir haben Jesus, der für unsere Sünden gestorben ist.

Deutsch: Ihre genauen Worten waren: Juden müssen perfektioniert werden.

Coulter: Nein, ich sage, das ist es, was ein Christ ist: ein perfekter Jude.

Deutsch: Sehen Sie nicht, wie hasserfüllt und antisemitisch das ist?

Coulter: Überhaupt nicht.

Deutsch: Und das finde ich sogar noch gruseliger.

Coulter: Nein, nein, nein! Ich möchte nicht, dass Sie sich dadurch beleidigt fühlen, aber das ist es nun mal, woran wir Christen glauben.

Der Dialog ist im Original länger. Ich habe unter anderem ein paar lustige Exkurse zu „Seinfeld“ ausgelassen, da diese Referenzen nur in der englischen Sprache funktionieren.

Worüber sich Donny Deutsch hier aufregt ist leider tatsächlich christliche Lehre. Ann Coulter hat recht! Die Lehre mag zwar in ihrer Radikalität nicht von allen Strömungen des Christentums gelebt werden, aber sie ist nunmal schlichtweg christliches Fundament. Laut dem Evangelium von Johannes, sind Juden jene „Söhne des Teufels“, die die perfektionierte jüdische Lehre von Jesus nicht annehmen wollen:

„Jesus sprach zu ihnen: Wäre Gott euer Vater, so liebtet ihr mich; denn ich bin ausgegangen und komme von Gott; denn ich bin nicht von mir selber gekommen, sondern er hat mich gesandt. Warum kennet ihr denn meine Sprache nicht? Denn ihr könnt ja mein Wort nicht hören. Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben. Ich aber, weil ich die Wahrheit sage, so glaubet ihr mir nicht. Welcher unter euch kann mich einer Sünde zeihen? So ich aber die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir nicht? Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte; darum hört ihr nicht, denn ihr seid nicht von Gott.“ (Johannes 8, 42-47)

Für Paulus ist es deshalb auch klar, dass jene Juden, die Jesus Lehre nicht leben wollen, auch seinen Tod zu verantworten haben:

„Ihr seid nämlich, Brüder, Nachahmer der Gemeinden Gottes in Judäa geworden, die in Christus Jesus sind; denn ihr habt von den eigenen Landsleuten dasselbe erlitten wie jene von den Juden, die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns verfolgt haben, die Gott nicht gefallen und allen Menschen feindlich sind, indem sie uns hindern, den Heiden zu ihrer Rettung. So machen sie das Maß ihrer Sünden unablässig voll. Es ist aber schon der ganze Zorn über sie gekommen.(1. Thess 2, 13-16)

Donny Deutsch kann sich selbstverständlich echauffieren über Ann Coulters Auslegung der christlichen Lehre, aber er muss sich dann über das ganze Christentum aufregen. Nirgendwo wird diese Lehre deutlicher propagiert, als während der Karfreitagsfürbitte für Juden, den die römischen Katholiken, Altkatholiken und manche Anglikaner verwenden. Sie entstand im 6. Jahrhundert, nannte die Juden seit 750 perfidis („treulos“), ihren Glauben iudaica perfidia („jüdische Treulosigkeit“) und bat Gott darum, den „Schleier von ihren Herzen“ wegzunehmen, ihnen die christliche Erkenntnis zu schenken und so der „Verblendung ihres Volkes“ und „Finsternis“ zu entreißen. Eine zaghafte Kritik an der traditionellen Judenfürbitte wurde erst nach der Shoa formuliert. Seit 1956 veränderte der Vatikan sie schrittweise. Israels Erwählung zum Gottesvolk wird seitdem stärker betont.

Das Christentum ist eine Gemeinschaft, die aus dem Judentum entstanden ist. Die frühen Christen verstanden ihre Lehre zuerst noch als reine Fortführung des Judentums und waren somit im Grunde eine unter vielen jüdischen Sekte. Im Verlaufe der Zeit jedoch wurden die jüdischen Wurzeln immer mehr abgestreift und eine Annäherung an das Römische Reich vollzogen. Im Zuge dieser Trennung wurde aus einer subjektiven Fortentwicklung des jüdischen Glaubens eine Trennung und dadurch eine subjektive „Perfektionierung“ des jüdischen Glaubens. Das Christentum war geboren.

Dass sich Christen als perfektionierte Juden verstehen, kann man auch an der mittlerweile zweitausendjährige Geschichte des Christentums erkennen. Der Umgang vieler Christen, also der perfektionierten Juden, mit jenen Juden, die sich einer Perfektionierung verweigerten, wurde immer brutaler. Einen traurigen Höhepunkt fand diese Brutalität in dem Reformator Martin Luther, der in seinem Werk Von den Jüden und ihren Lügen folgendes schreibt:

„Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.“

In seinem „Handbuch über die Judenfrage“ fordert Martin Luther sogar jene Dinge, die im 20. Jahrhundert am Wannsee in Berlin zur deutschen Staatsräson werden sollten:

„Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.“

Die christliche Religion, die sich als Perfektionierung der jüdischen Religion versteht, griff zur Gewalt. Wie konnte es zu so einem Judenhass bei den Christen kommen?

Für Juden ist das Christentum eine komplett andere Religion. Sie hat zwar jüdische Wurzeln, aber das war es dann auch schon so ziemlich. Für einen Juden ist ein Christ ein Christ, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für einen Christen jedoch ist ein Jude schon durch seine pure Existenz eine Provokation. Der Christ nämlich, der meint, er sei ein perfektionierter Jude, erkennt in dem Juden, der an seiner alten Lehre festhält, eine lebende Infragestellung der eigenen Selbstverständlichkeit.

Der Christ ist somit für den Juden kein religiöses Problem. Der Jude für den Christ allerdings schon. Deshalb gibt und gab es auch einen brutalen christlichen Antijudaismus, aber keinen vergleichbaren jüdischen Hass auf Christen. Christen waren und sind für Juden schlimmstenfalls „goyische Köppe“.

Etwas ähnliches erleben wir auch im Islam. Der Islam versteht sich ebenfalls als Fortführung des alten jüdischen Glaubens. Deshalb verwundert es auch nicht, dass sich im Islam ebenfalls ein brutaler Judenhass findet. In einer aktuellen Predigt des Sheich Ibrahim Madhi in der Sheik ‚Ijlin Moschee befasst sich der Redner mit einer Hadith-Stelle, in der Mohammed die perfekte Welt erst nach dem Tod aller Juden verorten kann.

Mohammed sagt: „Die Stunde wird nicht kommen, bis ihr gegen die Juden solange kämpft, und bis der Stein, hinter dem sich der Jude versteckt hat, spricht: „Du Muslim, hier ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt, so töte ihn.“

Sheich Ibrahim Madhi interpretiert: Der Prophet sagt: ‚Die Juden werden gegen euch kämpfen, und Allah wird Euch als Herrscher über sie setzen.‘ Wir blasen sie in die Luft in Hadera, wir blasen sie in die Luft in Tel-Aviv und in Netanya. Und auf diese Weise wird Allah uns als Herren über diese Rotte hergelaufener Landstreicher setzen. Wenn ein Jude sich hinter einem Stein oder einen Baum versteckt, dann werden der Stein oder der Baum sagen: Oh Muslim, oh Diener Allahs, ein Jude versteckt sich hinter mir, komm und töte ihn…“

Judenhass ist eine Eigenschaft, die das Christentum und den Islam vereint. Deshalb verwundert es mich auch immer, wenn von einem christlich-jüdischen Kulturkreis in Europa gesprochen wird. Die christlich-jüdische Tradition in Europa besteht zum größten Teil aus einer Verfolgung der einen Religion durch die andere. Wenn man in Europa schon von einer Zusammenarbeit zweier Religionen sprechen möchte, so wäre die Rede von einem christlich-islamischen Abendland angemessener.

Christen und Muslime haben sich zwar auch auf europäischem Boden sehr bekriegt, sich aber auch gegenseitig kulturell stark befruchtet, wie unter anderem die Wiener und die Spanier zugeben müssen. In diesem Zusammenhang finde ich es immer sehr bemerkenswert, dass zwar ständig und zurecht die Kreuzzüge der Christen kritisiert werden, aber nur selten bis halbherherzig die Halbmondzüge des Islams. Es ist ja nicht so, dass die Iberische Halbinsel und Jerusalem sind freiwillig in die Arme des Islams geworfen haben. Nein, in kriegerischem Sinne stehen sich Christen und Muslime in nichts nach. Im aktuellen Stand liegen die Muslime sogar nach Punkten vorn.

Zudem waren beide Religionsgemeinschaften in ihrem gemeinsamen Hass auf Juden ständig vereint. Diese Einigkeit sollte ihren Höhepunkt in Deutschland finden. Als die NSDAP unter Adolf Hitler ihren brutalen Antisemitismus propagierte, fiel der Hass in Deutschland auf fruchtbarem christlichen Boden. Zur selben Zeit ging Heinrich Himmler ein Bündnis mit Teilen des Islams, u.a. mit dem Mufti Al Husseini ein.

Nürlich gab es auch christlichen und muslimischen Widerstand, der sich aus der Religion heraus definierte, aber der Hass entsprang eben der selben Quelle; genauso wie sich die Nazis und Teile des Widerstands auf Deutschland bezogen. Als sich Deutschland brutal gegen die Juden wendete, gab es überwiegend nur ein lautes Schweigen und teilweise sogar ein aktives Mithelfen der christlichen und islamischen Religionen. Das war gelebte christlich-islamische Zusammenarbeit.

Heute haben die Christen sich von ihrem radikalen Judenhass verabschiedet, aber unter Muslimen gibt es ihn leider noch. Mehrere islamische Staaten, unter ihnen Algerien, Saudi-Arabien, Jordanien und Libyen sind nach wie vor stolz darauf, „judenfrei“ zu sein.

Aber Vorsicht, Ihr Christen! Der Islam versteht sich nicht nur als eine Ideologie des perfektionierten Judentums, sondern auch als eine Religion des perfektionierten Christentums. Das Christentum hat jüdische Wurzeln und wir wissen, wie viele Christen mit ihren Wurzeln umgegangen sind. Der Islam aber hat jüdische und christliche Wurzeln. Was also sollte die Anhänger des Islams daran hindern, ihre christlichen Wurzeln so zu behandeln, wie ihre jüdischen oder sogar so, wie viele Christen ihre jüdischen Wurzeln behandelt haben? Es ist durchaus denkbar, dass folgender Vergleich nicht ganz aus der Luft gerissen ist:

Was dem Christen sein Jude, ist dem Moslem sein Christ.

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