Jesus in Bonn

Zweifeln ist menschlich. Die Gerechtigkeit, die Empathie, die ganze Menschlichkeit wohnt in der menschlichen Fähigkeit zu zweifeln. Gestern wurde mir das klar, als ich durch Bonn spazieren ging und auf Jesus traf.

Okay, ich habe Jesus nicht persönlich getroffen, wie auch, es war Samstag und da bleibt Jesus, wie jeder gläubige Jude, zu Hause bei Frau und Kindern, aber dafür traf ich eine Dame, die aus zuverlässiger Quelle zu berichten wusste, dass Jesus nicht nur lebe, sondern sich ihr persönlich offenbart hätte. Sie fragte mich, ob ich schon mal die Bibel gelesen hätte. Natürlich, sagte ich, sogar schon öfter und fügte hinzu, es gäbe sogar eine Stelle im Evangelium, die ich sehr faszinierend fände. Die Dame fragte, welche Stelle das denn sei und ich erklärte, das Christentum sei die einzige mir bekannte Religion, die an einen Gott glaube, der an sich selbst gezweifelt habe. Der Gott der Christen, betonte ich, sei ein Gott, der Agnostiker war. Wie ich denn darauf komme, fragte die Frau, sichtlich empört und ich erwiderte, im Evangelium stünde, dass der Gott der Christen nicht nur am Kreuz gestorben sei, sondern vor dem Tod sogar vom Zweifel ergriffen wurde.

Jesus letzte Worte bei Matthäus lauten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ Diese Worte entstammen dem Psalm 22. Dieser Psalm wird von einem Menschen gesprochen, der trotz seines Gefühls des Von-Gott-Verlassenseins weiterhin an eben diesen Gott glaubt, trotz allem Zweifel und im Evangelium des Matthäus wird genau dieser Satz zum letzten Ausspruch Gottes vor seinem Tod.

Nun mögen einige einwenden, Jesus sei nicht Gott und wenn man Jude, Moslem oder Atheist ist, dann stimmt das auch, denn für Moslems war Jesus ein Prophet, für Juden ein Pharisäer unter vielen und für Atheisten ein Mensch, dessen Existenz umstritten ist. Für Christen aber ist Jesus Gott, zumindest für die Katholiken.

Die katholische Lehre besagt, dass Jesus ganz Mensch aber auch ganz Gott war. Zudem war Jesus auch noch Heilger Geist, um die ganze christliche Angelegheit vollkommen zu verkomplizieren. Die Dreifaltigkeitslehre wird das genannt. Für Christen ist Gott so eine Art H2O, eine Verbindung, die mal als Wasser, mal als Dampf, mal als Eis daher kommt, aber doch immer H2O ist. (Anders kann ich mir die Dreifaltigkeit auch nicht erklären.)

Für Christen ist Gott durch Jesus zum Menschen geworden. Zum Menschen gehört jedoch die Sterblichkeit und der Zweifel. Bei Matthäus widerfährt Gott eben genau dies: Gott zweifelt und stirbt. Ich muss gestehen, das finde ich großartig!

Der Zweifel ist und bleibt der wichtigste Motor im Menschen, vor allem der Zweifel an die Existenz Gottes. Wie furchtbar wäre die Welt, wenn es keinen Zweifel gäbe? Ohne Zweifel wäre der Mensch zum gnadenlosen Richten verdammt, denn wo der Zweifel geht, geht auch die Gnade. Ein Mensch der zweifelt, wird niemals einen anderen Menschen zum Tode verurteilen können, da im Falle des Irrtums die Strafe irreversibel wäre. Nur in der Abwesenheit des Zweifels, in der Gewissheit, kann der Mensch tötend strafen.

Zweifel und Gnade gehören zusammen, wie Zweifel und Hilfsbereitschaft zusammengehören. Ein Mensch, der nicht zweifelt, kann sich immer sagen: Was soll ich helfen? Es wird schon einen Grund geben, warum es dem Menschen mir gegenüber so schlecht geht. Gott wird sich schon was dabei gedacht haben. Ein Mensch jedoch, der zweifelt, muss sich immer fragen: Was, wenn es keinen Gott gibt? Dann bin ich es, der verantwortlich ist!

Ein Mensch, der nicht nur glaubt, sondern glaubt zu wissen, bereitet mir Angst. Eine Religion jedoch, die die Notwendigkeit des Zweifels in ihre Theologie verarbeitet hat, ist mir fast so symphatisch, wie die Wissenschaft, die nur deshalb Aussagekraft besitzt, weil sie den Moment des Zweifels nicht nur zulässt, sondern zur Methode der Erkenntnis erklärt hat.

Die Dame in Bonn verstand mich nicht und schaute mich entgeistert an. Nach einer kurzen Pause sagte sie: „Aber Jesus letzten Worte waren doch: ‚Es ist vollbracht!‘“

Wenn es nach Johannes geht, dann schon, antwortete ich und verließ den Ort der Gewissheit, denn bei der gerade noch freundlich schauenden Dame sah ich plötzlich einen gruseligen Blick der Gewissheit. Vielleicht hatte sie aber nur was ins Auge bekommen. Ich war mir nicht sicher. Ich ließ sie daher sein, urteilte nicht und ging.

Ich zweifelte und das war auch gut so.

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