Finger weg von Ägypten?

Folgendes Plakat musste ich in Köln am 6. Februar 2011 auf einer Demonstration für Freiheit in Ägypten entdecken:

Die Demonstration wurde von Gruppen organisiert, die sich selbst als links definieren. Es sind Plakate wie diese, die meine Euphorie über die Entwicklung in Ägypten trüben. Es betrübt mich umso mehr, weil es offensichtlich in Deutschland nicht möglich ist, dass sich diese linken Organisationen gegen Despoten und Diktatoren im arabischen Raum aussprechen, wenn sie dabei nicht gleichzeitig gegen ihre Erzfeinde Israel und die USA agitieren können. Auch in Ägypten macht sich leider hier und dort eine unglückliche Bewegung innerhalb der Freiheitsdemonstrationen breit, wie man an diesen Bildern sehen kann.

Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass es sich bei der Bewegung in Ägypten um eine arabische Variante von 1989 handelt. 1989 demostrierten Menschen im kommunistischen Osten für Freiheit und Selbstbestimmung. Dabei war es egal, welche Länder des Westens und welche Länder des Ostens sich vor zehn, fünfzig oder hundert Jahren im Krieg befanden hatten. Es ging nicht um ideologisch gefärbte Schuldzuweisungen und auch die deutschen Verbrechen des zweiten Weltkriegs spielten keine Rolle. Es ging 1989 lediglich um Menschen, die in Freiheit leben wollten. Die Friedfertigkeit der Artikulation des Freiheitsdranges war dabei so umwerfend, dass sich schließlich sogar die Länder zusammentaten, die noch 45 Jahre zuvor im blutigen Krieg miteinander waren, um gemeinsam einen Friedensvertrag auszuhandeln. Ja, der aus der 89er-Bewegung entstandene und 1990 unterschriebene Zwei-Plus-Vier-Vertrag gilt als der eigentliche, weil einzige, Friedensvertrag zum Zweiten Weltkrieg. 1989 war eine Bewegung für Freiheit und Gerechtigkeit und nicht eine gegen irgendein Land, egal welche Taten das ein oder andere Land in der Geschichte auch immer begangen hatte.

Es bleibt zu hoffen, dass auch die Demonstration in Ägypten eine Bewegung für Freiheit und Selbstbestimmung bleibt und nicht zu einer Agitation gegen vermeintliche oder wahrhaftige ideologische Gegner wird. Wer für Freiheit und Selbstbestimmung ist, der muss sich keine Feinde aussuchen, denn die Feinde suchen einen bei solch auklärerischer Position schon selbst aus.

Außerdem ist es in dieser ägyptischen Situation ziemlich dumm, sich vehement gegen eine ganze Nation oder gegen ein ganzes Volk zu stellen. In jedem Land und unter allen Menschengruppen gibt es solche und solche. Die ägyptische Freiheitsbewegung kann jede Solidarität gebrauchen, woher sie auch immer kommen mag, ob nun aus Israel oder den USA; so wie die Menschen 1989 auch jede Unterstützung gebrauchen konnten, ob nun von Михаил Сергеевич Горбачёв, Ronald Wilson Reagan oder David Hasselhoff.

Der Ausspruch „Israel und USA: Finger weg von Ägypten“ ist einfach dämlich! Will die Freiheitsbewegung im arabischen Raum denn wirklich, dass alle Menschen aus Israel und den USA ihre Finger aus der Sache raushalten? Soll Obama schweigen? Soll CNN etwa nicht mehr berichten? Sollen die Demonstranten in Kairo und Alexandria auf Facebook und Twitter verzichten? Sollen die Demonstranten aufhören mit ihren Handys Bilder zu machen? Facebook, Twitter, Handys, Internet, all diese Errungenschaften und Erfindungen wurden zum nicht geringen Teil in Israel und den USA entwickelt und ermöglicht. Es ist auch das Know How der Israelis und Amerikaner, das es den Menschen in Ägypten ermöglicht, ihre Bewegung in Szene zu setzen. Ihnen nun zu sagen, sie sollten ihre Finger raus halten, käme einem Selbstmord der Freiheitsbewegung gleich.

Was gerade in Ägypten geschieht, kann eine Bewegung im besten Sinne der Aufklärung werden. Immanuel Kant hat einst gesagt: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Ich möchte hinzufügen: „Das Internet ist das Surfbrett der Aufklärung!“ Immanuel Kant spricht übrigens von einer „selbst verschuldeten Unmündigkeit“, nicht von einer „unverschuldeten Unmündigkeit“, wie Heiner Geißler einst behauptete. Immanuel Kant führt aus:

„Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Bei Immanuel Kant in die Unmündigkeit selbst verschuldet; sie muss es sein! Wäre die Unmündikeit nämlich fremd verschuldet, so hätte das Individuum keine Möglichkeit, sich selbstbestimmt aus seiner misslichen Lage zu befreien und bräuchte stattdessen einen Führer. Immanuel Kant aber besteht darauf, dass jeder Mensch frei ist und zu jeder Zeit eine wenn auch geringe so doch vorhandene Chance besitzt, sich aus seiner Unmündigkeit ohne Hilfe eines Dritten zu befreien. Ein freier Mensch braucht keinen Führer, der den vermeintlichen Weg in die Freiheit pflastert und nie, niemals kann der Freiheitsdrang eines Menschen erstickt werden.

Mögen die Frauen und Männer in Ägypten von diesem Geist beseelt sein und erkennen, dass sie die Chance haben, sich aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien, statt das verführerische Pferd des Selbstmitleids und des Gejammers zu satteln. Der Weg in die Freiheit beginnt mit dem Mut, den goldenen Apfel der Schuldzuweisungen fallen zu lassen, um endlich das Zepter der Verantwortung übernehmen zu können.

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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