Die Panikmacher

In der FAZ ist ein Vorabruck von Patrick Bahners Buch „Die Panikmacher“ erschienen. Zu den angeblichen „Panikmachern“ zählt Patrick Bahner unter anderem Henryk M. Broder. Im Untertitel heißt es: „Muslime können Revolutionen machen. Das hat die Welt gesehen. Muslime können keine Demokraten werden. Das redet uns die Islamkritik ein.“

Damit lügt die FAZ schon im Untertitel. Niemals hat Broder behauptet, Muslime könnten keine Demokraten werden – im Gegenteil: Als Muslime in den letzten Wochen zu Millionen auf die Straße gingen, um für Freiheit zu demonstrieren, da war Broder einer der ersten, der sich für die Demonstranten stark machte und in Deutschland verzweifelt nach Solidaritätsbekundungen suchte. Es genügt schon ein kleiner Blick zu Maybrit Illner, um Patrick Bahners Worte Lüge zu strafen.

„Auch der Journalist und Israel-Kenner Henryk M. Broder zeigt „großen Respekt“ vor den Menschen in Ägypten, die „ihr Leben riskierten“. Er habe daher nur „Verachtung“ für die „Bedenkenträger in Deutschland“. Natürlich könne die Revolution scheitern, aber „versuchen muss man es“, so Broder. Kritisch fragte er, warum 30 Jahre „nichts zu Ägypten gesagt“ wurde. Der Nahost-Konflikt sei jahrzehntelang auf Israel und Palästina beschränkt worden. Nun könne „der Westen“ nur „falsch oder verkehrt“ reagieren. Für die aktuellen Lage in Ägypten seien allerdings „die Leute, die dort leben, verantwortlich.“

Henryk M. Broder weigert sich schlicht, Muslime als hilfsbedürftige Opfer zu sehen! Für ihn sind Muslime selbstverständlich in der Lage, aufgeklärte Menschen und Demokraten zu sein. Aufklärung im Sinne von Immanuel Kant bedeutet: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Die Unmündigkeit ist immer selbst verschuldet; sie muss es sein! Wäre die Unmündigkeit nur fremd verschuldet, so hätte das Individuum keine Möglichkeit, sich selbstbestimmt aus seiner misslichen Lage zu befreien und bräuchte stets einen Führer. Genau hier liegt wohl die Motivation für Patrick Bahners Pamphlet. Im tiefsten Innern wünscht er wohl, ein Führer zu sein. Es gibt immer wieder Menschen, denen es ein inneres Bedürfnis ist, hilfsbedürftige Mündel zu finden, wie Frauen, Arme, Kranke, Schwache, Muslim, Schwarze, Indianer, eben alle, denen sie es nicht zutrauen, sich ihres Verstandes selbst zu bedienen. Am liebsten setzen sie sich für Tiere ein, denn die können sich nicht mal gegen die Hilfe verwehren.

Patrick Bahners befindet sich mit diesem Verhalten in guter Gesellschaft mit Thomas Steinfeld und Andrian Kreye von der SZ, Claudius Seidl von der FAZ und Thomas Assheuer von der ZEIT. Mit der selben kunstfertigen Rhetorik mit der sie auf der einen Seite für den Dialog der Kulturen und den Respekt untereinander argumentieren, ätzen sie die Worte „Hassprediger“ oder „heilige Krieger“ über Necla Kelek, Seyran Ates, Ayaan Hirsi Ali und Henryk M. Broder.

Die selben Journalisten, die bei Menschen, die mit der Empörung des Beleidigtseins gegen Künstler Sturm laufen, Morde ausrufen, planen und ausführen, den denkbar sanftmütigsten Blick anwenden, geraten in Zorn, wenn es Menschen wagen, ihr Beleidigtsein mit der Feder zu dokumentieren. Dabei wäre es für diese Journalisten nur konsequent zu fragen, warum Broder, Kelek, Ates und Ali beleidigt sind, wenn es ihnen doch auch nicht schwer fällt, die Psyche und Seelenlage von Islamisten zu verstehen.

Kelek, Ates, Ali und Broder sind beleidigt, weil es ihren Verstand beleidigt, wenn Menschen ungleich behandelt werden. Es beleidigt sie, wenn es eine Religion als Kultur versteht, Frauen und Andersgläubige als minderwertige Wesen zu bezeichnen. Es beleidigt sie, wenn arrogante Menschen des Westens glauben, es läge in der „Natur“ von Muslimen, so zu denken, ganz so als wären Muslime keine vernunftsbegabten Menschen, die das moralische Für und Wider Ihrer Handlungen abwägen können, um sich dann für das Gute und gegen das Schlechte zu entscheiden. Im Grunde sind es Kelek, Ates, Ali und Broder, die Muslime mit Anstand und Respekt behandelt, da sie Muslime, wie jedem Menschen, die Fähigkeit zusprechen, sich ihres Vestandes bedienen zu können.

Jeder Versuch des Verstehens von Taten wie dem Mordversuch auf Kurt Westergaard, dem Mord an Theo van Gogh oder den Anschlägen in London, Madrid und New York sind ein Schlag ins Gesicht aller jener Menschen, die gleiches oder ähnliches Leid ertragen mussten, aber moralisch integrer blieben. Statt immer nur verstehen zu wollen, warum Menschen zu Terroristen werden, sollte öfters gefragt werden, warum Menschen trotz erfahrenem Leid nicht zu Terroristen werden.

Allein das Leben von Ayaan Hirsi Ali würde manchem Helden der Feder reichen, sie als Terroristin zu entschuldigen. Ayaan Hirsi Ali aber beschloss, selbst eine Heldin der Feder zu werden. Hier scheint das eigentliche Problem zu liegen: Die genannten Helden der SZ, FAZ und ZEIT nehmen es Ayaan Hirsi Ali vermutlich übel, dass sie, statt Terroristin zu werden und so Futter für journalistische Verständnisarbeit zu geben, selbst angefangen hat zu schreiben und so in Konkurrenz mit den Herren tritt. Statt einfach feuilletonistisches Futter zu bieten, schickt sich die Frau an, am selben Tisch wie die Herren zu essen. Es ist wohl nur purer Futterneid, der jene Herren gegen „Broder und seine Schwestern“ wie es Claudius Seidl sagt zu schreiben. Mit dem Ausdruck „Broder und seine Schwestern“ trägt Seidl dabei noch ganz nebenbei seinen Sexismus zur Schau, denn er nicht die Frauen nicht beim Namen nennen, sie sind für ihn nur Anhängsel eines Mannes.

Ayaan Hirsi Ali hat sich geweigert, sich auf die Couch der schreibenden Herren zu legen, damit sie sie verständnissvoll analysieren können. Ayaan Hirsi Ali entschied sich dafür, für sich selbst zu sprechen, ebenso wie Necla Kelek, Seyran Ates und Henryk M. Broder. Für Thomas Steinfeld, Andrian Kreye, Claudius Seidl und Thomas Assheuer sind sie jedoch „Hassprediger“ und „Heilige Krieger“.

Eugen Röttinger von der Südwestpresse schrieb nur fünf Tage nach dem Mordversuch an den Karikaturisten Kurt Westergaard:

„Westergaard wollte bewusst provozieren. Und er provoziert, fern jeder Verantwortung unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit, munter weiter: Für ihn sponsort pauschal der Islam den Terror. Er ist mindestens (sic!) so verblendet wie sein Attentäter. Deshalb sind beide gefährlich.“

Für Röttinger ist also ein Künstler unter Umständen gefährlicher als ein Mörder. Daniel Bax von der taz schrieb einst: „Der Erfolg von Necla Kelek und Seyran Ates beruht darauf, dass sie ein klares Feindbild haben.“ Daniel Bax verschweigt jedoch, dass Frau Kelek und Frau Ates lediglich gegen ihre Feinde anschreiben. Kelek und Ates jedoch werden von ihren Feinden mit dem Tod bedroht! Feridun Zaimoglu schrieb einst: „Die Hysterie und die Polemik, mit der heute fremdstämmige deutsche Frauenrechtsaktivisten die Ressentiments schüren, vergiftet das soziale Klima. Ich finde sie erbärmlich. Sie ducken nach oben und treten nach unten. Es gibt ein schönes Wort dafür: Opportunismus.“

Herr Zaimoglu kann froh sein, dass es sich bei den „fremdstämmigen deutschen Frauenrechtsaktivisten“ um aufgeklärte Menschen handelt. Manch anderer Mensch würde sich bei diesen Worten Zaimoglus so beleidigt fühlen, dass er vesuchen würde, Zaimoglus Kopf mit einer Axt zu spalten. Aber Zaimoglu muss nichts befürchten, denn seine Kritikerinnen und Kritiker greifen lediglich zur Feder. Es sind vielmehr die angeblichen „Panikmacher“, deren Köpfe viele Fanatiker spalten wollen.

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