Wenn Theater provoziert

Es ist ein Zeichen von Schwäche, wenn Kunst verboten wird. Ein Regime, das glaubt, Theater könne ihm gefährlich werden, hat bereits verloren und kann sich nur noch durch blanke Unterdrückung halten.

Der Mensch unterscheidet sich von all den anderen Wesen dieser Erde dadurch, ein Künstler zu sein. Mit der Höhlen- und Grabkunst wurde die Kunst geboren und mit ihr der Homo Sapiens. Kunst und Menschen sind eins. Daher gilt: Da wo man Kunst verbietet, da werden auch Menschen verboten!

Am 4. April 2011 wurde das Leben eines Künstlers verboten und beendet. Der israelische Schauspieler, Regisseur und Aktivist Juliano Mer-Khamis wurde an diesem Tag vor den Augen seines sechsjährigen Sohnes in Dschenin im Westjordanland von einem maskierten Mann ermordet, weil er gewagt hatte, in seinem „Theater der Freiheit“ die wahren Unterdrücker und Ausbeuter der Palästinenser zu kritisieren: die Hamas. Nach Angaben der ARD, die sich auf palästinensische Ermittler beruft, gilt ein mittlerweile festgenommenes Hamas-Mitglied als Hauptverdächtiger.

Der Mord zeigt wieder einmal, wie schwach die Ideologie der Hamas ist. Sie basiert auf den Hass auf Israel und der Unterdrückung des Freiheitswillen des palästinensischen Volkes. Wo immer sich ein freier Wille bei einem Palästinenser regt, sei es nun im privaten oder im politischen Bereich, sei es, weil ein Mann einen Mann liebt, eine Frau sich emanzipieren möchte, ein Mensch seine Religion wechselt oder eine Person Frieden mit Israel schließen möchte, alles unterdrückt die Hamas mit brutaler Gewalt.

Juliano Mer-Khamis wurde der Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung zum Verhängnis. Schnell geriet er in Konflikt mit religiösen und konservativen Palästinensern. Er erhielt Drohanrufe und auf Flugblättern wurde Stimmung gegen sein Theater gemacht. Zwei Mal wurden sogar Brandanschläge auf sein Theater verübt. Das letzte Projekt, dass Mer-Khamis verwirklichen wollte, war das gesellschaftskritische Drama Frühlings Erwachen von Frank Wedekind.

Natürlich kam in seinem Schaffen auch Kritik an die Politik seiner Heimat Israel vor, waren doch auch Flüchtlingslager, Konflikte, Grenzkontrollen und militärische Operationen aus der Sicht von Palästinensern Teil seines Wirkens, aber niemals geriet er deshalb mit der Regierung Israels so existentiell in Konflikt wie mit der Hamas. In Israel wurde er geschätzt und kritisiert, bewundert und beleidigt, aber verboten wurde seine Kunst nie. In Israel war seine Kunst Teil einer Gesellschaft, die wie alle modernen Gesellschaften zwar fehlerhaft, aber stark genug ist, um Kunst und die darin enthaltene Kritik, aber auch das darin enthaltene Lob zu ertragen. Mögen auch die palästinensischen Gebiete zu eben jener Stärke gelangen.

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