Ich hab mich auch gefreut

Wenn ich einmal tot bin, darf sich ruhig jeder über meinen Tod freuen sollte. Ich bitte sogar inständig darum, auf eine moralische Diskussion zu verzichten, sollte es tatsächlich Menschen geben, die sich über mein Ableben freuen, denn ein Respekt, der eingefordert wird, ist mir mehr als peinlich.

Ich möchte, dass mich Menschen betrauern, weil sie mich vermissen, mich lieben und finden, dass für sie die Welt ohne mich ein bisschen weniger schön geworden ist. Ich möchte, dass mir die letzte Ehre erwiesen wird, weil ich sie mir verdient habe und nicht weil irgendein komischer Befehl im Namen des Anstands, des Glaubens, des guten Tons oder des Erzoberosterhasen es von uns einfordert.

Die Forderung, meinen Tod nicht zu bejubeln, weil es der Anstand gebietet, finde ich sogar fast beleidigend. Ich möchte, dass sich Nazis, religiöse Fundamentalisten, Antisemiten, Sexisten und Faschisten freuen, wenn ich tot bin. Von diesen Arschlöchern möchte ich nicht mal nach dem Tod etwas geschenkt bekommen.

Ich möchte von aufgeklärten, zivilisierten, emanzipierten und modernen Menschen betrauert werden und genau diese Trauer will ich mir verdienen. Das restliche Pack soll ruhig tanzen, denn auch das wird mich ehren, wie ich finde.

Vielleicht ist ja gerade deshalb die Empörung über Angela Merkels und Barack Obamas Verweigerung der Trauer so groß: Jeder dahergelaufene Wichser, der sich über den Tod von Osama bin Laden gefreut hat, war nicht das Problem, aber das zwei gewählte Köpfe einer demokratischen und modernen Welt keine Trauer, ja sogar das Gegenteil empfunden haben, das löste bei einigen schieres Entsetzen aus. Ich aber hätte es schlimm gefunden, wenn sie aus Anstand ihre Freude verheimlich hätten. Kaum etwas ist widerlicher als geheuchelter Respekt.

Das ist doch genau der Unterschied zwischen jenen, die sich offen freuen über den Tod des Massenmörders und jenen, die ihre Freude nur nicht zeigen: Ehrlichkeit! Ist Ehrlichkeit nicht auch ein christliches Gebot? Von daher war Angela Merkels Freude doch sehr christlich, oder? Geheuchelter Respekt jedenfalls kann mir gestohlen bleiben!

Man kann nun sagen, Obama und Merkel hätten die Freude gar nicht erst empfinden dürfen, aber dazu muss ich sagen, dass ich es erstens für sehr gefährlich halte, Menschen dazu zu zwingen, ihre Gefühle zu unterdrücken, weil sowas nur in gewaltigen Explosionen endet, und dass ich mich zweites bei einer Abwesenheit von Freude bei Obama und Merkel schon gefragt hätte, warum sie junge Männer und Frauen ihres Landes in einen Krieg schicken und sie der Gefahr des Todes aussetzen, wenn sie nicht mal die Eliminierung des Menschen, der für diesen Krieg durch die Planung von Massenmorden hauptverantwortlich ist, gut heißen können.

Wer als Oberbefehlshabender Soldaten und Soldatinnen in einen Krieg schickt, der der eigenen Meinung nach leider geführt werden muss, kann nicht glaubhaft in Trauer ausbrechen, wenn ein Grund für die Existenz des Krieges beseitigt wurde. Um es ganz klar zu sagen: Mit dem Verschwinden von Osama bin Laden ist auch ein Kriegsgrund verschwunden. Ja, das freut mich.

Zudem wurde der Kriegsgrund Osama bin Laden zivilisiert beseitigt. Noch bis in die jüngste Geschichte wurden alle Kriege so geführt, dass wahllos auf alles gebombt und geschossen wurde. Diesmal aber hat die USA in einem Krieg, der von Osama bin Laden durch einen ausgeführten Massenmord in New York erklärt wurde, nicht auf’s Geratewohl gebombt und geschossen, in der Hoffnung, „die Richtigen“ zu treffen, sondern diesmal hat die USA nur den Kriegstreiber und religiöse Hetzer selbst eliminiert.

Obwohl also die Terroristen an der alten Kriegsführung festhalten und wahllos mit entführten Flugzeugen und Anschlägen in die Menge bomben und ganz bewusst so viele zivile Opfer wie möglich provozieren, um Angst und Schrecken zu verbreiten, nutzt Obama die Taktik des gezielten Angriffs um zivile Opfer zu vermeiden.

Als freie Bürgerinnen und Bürger sollte uns dieser zivilisatorische Fortschritt freuen. Unsere gewählten Regierungen und ihre Mitarbeiter sorgen heute dafür, dass sie unvermeidbare Kriege unter sich klären. Sie machen die Kriege zu einer Sache zwischen sich und den Despoten von der anderen Seite. Sie halten ihre Köpfe für unseren Frieden hin. Sie schützen uns, aber auch die Zivilbevölkerung der anderen Seite. Das ist „Liebe Deine Nächsten“ in Reinkultur! Ja, sogar der Forderung „Liebe Deinen Feind“ ist Obama durch seine Kriegsführung so nah gekommen, wie vor ihm noch kein anderes Staatsoberhaupt.

Barack Obama hat sich geweigert, der Logik zu folgen, man müsse Menschen töten, nur weil der Kriegstreiber Osama bin Laden dies wünscht – und genau das freut mich!

Natürlich hätte auch ich Justiz und ein Gerichtsverfahren besser gefunden, aber wenn Justiz eben nicht geht, weil leider ein Krieg herrscht und dieser Krieg die geliebte Justizia gefangen hält, ein Krieg, den man nicht verhindern kann, weil er aufgezwungen wird, ein Krieg, der nicht aufhört, nur weil man sich enthält, ein Krieg, der vielleicht sogar noch mehr Tote fordert, wenn man sich enthält, wenn eben ein solcher Krieg herrscht, dann finde ich die Kriegsführung der Obama-Administration ist das Zivilisierteste, was man in einer solchen Situation überhaupt nur machen kann, nämlich zivile Opfer zu vermeiden, statt wegzuschauen und im Glauben, ein Pazifist zu sein, das Böse zu hohen Jahren kommen lassen und so Mord und Totschlag Tür und Tor zu öffnen. Obama hat nicht weggeschaut, er ist ein Samariter, der seinem Nächsten zur Hilfe eilt. Das freut mich!

Die Schuld an dem Vorhandensein meiner Freude über den Tod Osama bin Ladens tragen einzig und allein Osama bin Laden und ich! Ich kann mit dieser Schuld leben. Osama bin Laden nicht! Auch das freut mich!

Dieser Beitrag wurde unter Amerika, Deutschland, Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Sämtliche Kommentare sind nur ein paar Tage sichtbar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s