Schlimmer als Bush

Als am 11. September 2001 islamistische Terroristen die USA angegriffen und einen Massenmord in New York, Pennsylvania und dem Pentagon begingen, da besuchte der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George Walker Bush, nicht nur Ground Zero, sondern wie selbstverständlich auch eine Moschee, um dort zu betonen, dass sich die USA nicht im Krieg mit dem Islam befände, sondern ausschließlich mit den Verantwortlichen des Anschlags, die seiner Meinung nach nichts mit der Religion des Islams zu tun hätten, da der Islam für Frieden und Mitgefühl stehe.

Obwohl der Islam, wie so ziemlich jede Religion Abrahams, nicht immer ganz auf der Linie der Aufklärung steht und sich besonders schwer tut in der Akzeptanz solch humanistischer und feministischer Errungenschaften wie der Gleichheit der Geschlechter und der Religions-, Meinungs- und Kunstfreiheit, hat George W. Bush sich geweigert, eine Religionskritik am Islam zu üben. Ihm war klar, dass es in diesem Moment auf die Wahrung des amerikanischen Glaubens an die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens innerhalb einer multikulturellen Gesellschaft ankam.

Das Recht auf eine kritische Auseinandersetzung mit Religionen gehört zum Fundament einer jeden freien Gesellschaft. Dies bedeutet aber nicht, dass es angemessen ist, jedes Ereignis zu nutzen, um von diesem Recht Gebrauch zu machen.

Manche religiöse Gebote stehen im klaren Widerspruch zu den Rechten, die von vielen Feministinnen und Humanisten erkämpft wurden. Das Bilderverbot im Islam und im Judentum, sowie das Tanzverbot im Christentum zu Karfreitag stehen im klaren Gegensatz zu der Kunstfreiheit; und was die Gleichheit der Geschlechter angeht, da hat sich bisher keine dieser Religionen einen Blumenstrauß verdient. Religionskritik ist wichtig, mag sie nun den Islam, das Christentum oder das Judentum betreffen, aber es gehört sich einfach nicht, dafür einen Anschlag wie den vom 11. September 2001 als Trumpf zu gebrauchen.

Ich brauche den Anschlag vom 11. September 2001 und das Schweigen und die Zustimmung vieler Muslime nicht, um zu erklären, was mir am Islam missfällt. Ich brauche auch nicht den Holocaust und das Schweigen und die Zustimmung vieler Christen, um zu erklären, was mir am Christentum nicht gefällt.

Der Gründer des Protestantismus Martin Luther war ein brutaler Judenhasser, der in seinem Pamphlet „Von den Juden und ihre Lügen“ die Zerstörung der Thora, das Niederbrennen von Synagogen und die Tötung von Juden empfiehlt. Auch der Koran sieht nur in der Vernichtung der Juden die Möglichkeit zum Frieden:

„Die Stunde wird nicht kommen, bis die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich der Jude hinter dem Stein und dem Baum versteckt. Da sagt der Stein oder der Baum: O Muslim! O Diener Allahs! Dieser ist ein Jude hinter mir, so komm und töte ihn!“

Dies all kann ich kritisieren ohne die Anschläge und Pogrome für mich zu instrumentalisieren. Ich brauche diese Verbrechen auch nicht, um die Diskriminierung der Geschlechter innerhalb der Religionen kritisieren zu können. Der Glaube von der Unreinheit der Frau bei der Menstruation, der Glaube von der Unfähigkeit der Frau, Gott als Priesterin oder als Rabbinerin dienen zu können und die Überzeugung von der Notwendigkeit der Verschleierung der Frau gehören nicht zu meinen Überzeugungen und ich finde sie falsch, jenseits aller Taten durchgedrehter Fundamentalisten.

Ich bin froh, dass es in der Geschichte Menschen gab, die dieser religiösen Sexualfeindlichkeit den Kampf angesagt hatten. Ich bin froh darüber, dass Uta Ranke-Heinemann mit ihrem Buch „Eunuchen für das Himmelreich“ das Christentum an den Pranger gestellt hat, genauso froh wie ich darüber bin, das Necla Kelek mit „Die fremde Braut“ und Seyran Ates mit „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ den Islam an den Pranger gestellt hat. Das bedeutet jedoch nicht, das Ates und Kelek islamfeindlich sind. Uta Ranke-Heinemann ist schließlich auch keine Antichristin! Sie kritisieren die Religion nur – und vollkommen zu Recht, wie ich finde. Es wäre somit absurd, Ates oder Kelek eine Mitschuld zu geben, zum Beispiel an den Massenmord des wahnsinnige Anders B. Breivik in Norwegen, aber genau das tut Ercan Tekin auf der Seite „Turkishpress“ unter der Überschrift „Wilders, Sarrazin, Broder – geistige Brandstifter?“:

„Wilders, Sarrazin und Broder mitsamt der Euterclique können Stolz darauf sein, diese Brut mit ihrer „Streitkultur“ aufgezogen und gehätschelt zu haben, die im Namen der Freiheit, der christlich-demokratischen Nächstenliebe, alle „Gutmenschen“, Linke, Liberale und Muslime die nicht mit dieser kranken Gedankenwelt d’accord sind, zur Zielscheibe manifestiert haben. Das was in Oslo passierte, ist einzig auf das Konto dieser angestoßenen „Schicksalsfrage“ zuzuschreiben, die durch Kleingeister genährt und in ihrer Überzeugung bestätigt wurden.“

Allein schon die sexistische Diffamierung von schreibenden Frauen als Euterclique beweist, dass der Autor dieser Zeilen einen vermutlich religiös begründeten Hass auf Frauen hegt; allerdings zeigt er damit auch, dass er seinem Hauptfeind Geert Wilders im Grunde doch sehr viel ähnlicher ist, als im lieb sein dürfte. Während Geert Wilders nämlich den Koran verbieten will, weil der Koran seiner Meinung nach Menschen zum Frauen-, Schwulen-, und Judenhass verführen könne (was nicht ganz abwegig ist), sieht Ercan Tekin in den Schriften von Henryk M. Broder, Seyran Ates und Necla Kelek einen Auslöser für den Massenmord in Norwegen (was vollkommener Humbug ist).

Die Tatsache, dass Henryk M. Broder in dem 1500 Seiten umfassenden Manifest des Massenmörders einmal zitiert wird, reicht für Ercan Tekin schon aus, um in Broder einen Mitschuldigen an der Tat zu finden. In dieser Logik müsste Tekin auch Immanuel Kant, John Stuart Mill, Adam Smith und Jesus für den Mord verantwortlich machen, denn all diese Menschen werden von dem Massenmörder in seinem irren Manifest zitiert.

Es ist vollkommen unangemessen, aus der Tatsache heraus, dass Autoren von dem Massenmörder zitiert werden, gleich eine Mitverantwortung der Autoren an diesen Verbrechen zu konstituieren. Es ist schon allein deshalb eine Frechheit, weil zum Beispiel Henryk M. Broder so ziemlich für all das steht, was Anders B. Breivik abgrundtief hasst. Henryk M. Broder hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er ein klarer Verfechter der Aufklärung ist und die Gleichberechtigung der Geschlechter und sexuellen Identitäten, sowie die Religions-, Meinungs- und Kunstfreiheit hoch hält. Das Recht von Muslimen, in Deutschland Moscheen zu bauen, ist für ihn so selbstverständlich wie das Recht von Angela Merkel, Kanzlerin zu sein und das Recht von Hella von Sinnen, die Tochter eines Bundespräsidenten zu heiraten. Das hindert ihn zwar nicht daran, manchmal derbe Witze zu machen, aber die Grundlage seines Schaffens ist für jeden, der lesen kann, unübersehbar die Überzeugung von der Überlegenheit der Prinzipien der Aufklärung mit ihrer Freiheit und der Liebe zu Vernunft.

Ercan Tekin weiß das, muss das wissen, wenn er die Werke von Broder wahrlich gelesen hat und genau deshalb braucht er auch eine andere Waffe, um den unliebsamen Broder nieder zu strecken. Weil er Henryk M. Broder nicht nachweisen kann, dass er so über Muslime schreibt, wie Martin Luther und Mohammed über Juden geschrieben haben, weil Broder eben offenkundig kein Hassprediger ist, braucht Tekin die Schützenhilfe eines Wahnsinnigen. Genau diesen Wahnsinnigen findet er in Anders B. Beivik. Mit seinem Vorwurf, Broder wäre im Grunde für Beiviks Verbrechen mitverantwortlich, macht sich Tekin Beivik zum Verbündeten.

Ercan Tekin erklärt Anders B. Beivik zu seinem Verbündeten im Kampf gegen seine politischen Gegner und genau das macht ihn ideologisch deutlich schlimmer als George W. Bush.

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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