Keiner zitiert so wie Heiner

Schon im November 2010 hatte Heiner Geißler, der Schlichter von Stuttgart, gezeigt, wie gut er sich in der Kunst des Zitierens versteht. Damals hatte er den deutschen Philosophen Immanuel Kant zitiert – allerdings falsch!

Heiner Geißler behauptete damals, Aufklärung sei der Ausweg des Menschen aus seiner Unmündigkeit, die laut Kant „unverschuldet“ sei. Bei Immanuel Kant steht jedoch genau das Gegenteil, nämlich dass die Unmündigkeit „selbstverschuldet“ ist. Heiner Geißlers Kantzitat ist somit so korrekt, wie folgendes Jesuszitat: „Wer Dir auf die Wange schlägt, dem polier sowas von die Fresse, bis er nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist!“

Damals hat sich kaum jemand über das falsche Zitat aufgeregt. Heute jedoch ist die Aufregung groß, denn diesmal hat Heiner Geißler keinen deutschen Philosophen falsch, sondern einen deutschen Nazi mehr als korrekt zitiert.

Im verzweifelten Versuch der Schlichtung rund um Stuttgart 21, richtete sich Heiner Geißler an die Streitparteien und zitierte Joseph Goebbels:

„Wollt Ihr den totalen Krieg?“

Da es Heiner Geißler somit offenkundig eher gelingt, Nazis als Aufklärer zu zitieren, schlage ich ihm für den Verlauf der kommenden Schlichtung folgende Zitate vor:

Sollte es zu einem Kompromiss kommen, dann schlage ich folgendes Zitat vor:

„Jedem das Seine!“

Wenn die Bahn dann mit der Arbeit beginnt, wäre folgendes Zitat vielleicht angemessen:

„Arbeit macht frei!“

Mit diesem Zitat hatte schon Juliane Ziegler auf Pro7 ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht.

Sollte es dann irgendwann tatsächlich zu einer Eröffnung des neuen Bahnhofs kommen, so kann Heiner Geißler in seiner Rede selbstverständlich betonen, der heutige Tag sei für ihn ein

„Innerer Reichsparteitag“.

Mit diesem Zitat hatte bei der letzten WM ja auch Katrin Müller-Hohenstein vom ZDF Bekanntschaft geschlossen.

Und am Ende seines Lebens wird Heiner Geißler vermutlich mit folgenden Worten von uns gehen:

„Sie haben mich immer als Propheten ausgelacht. Von denen, die damals lachten, lachen unzählige nicht mehr. Die jetzt noch lachen, werden in einiger Zeit vielleicht auch nicht mehr lachen.“

Aber von wem war das noch mal?

Gleich mal Heiner fragen!

***

Zum Abschluss hier noch ein paar Highlights aus einem wunderbaren Interview von Tobias Armbrüster mit Heiner Geißler. Das komplette Interview des Deutschlandfunks ist hier zu hören.

Armbrüster: Herr Geißler, seit Tagen wird auch über eine ganz andere Äußerung von Ihnen gesprochen, am Schluss der Gespräche am vergangenen Freitag haben Sie Joseph Goebbels zitiert und die Konfliktparteien gefragt: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Was war da Ihre Absicht?

Geißler: Mal klarzumachen, was los ist. Man kann doch nicht dauernd in Entweder-Oder-Kategorien denken, sondern es gibt auch das Denken Sowohl-Als-Auch. Es ist der Kompromiss, der …

Armbrüster: Aber verharmlosen Sie damit, Herr Geißler, verharmlosen Sie damit nicht …

Geißler: … hallo, hallo, hallo …

Armbrüster: … ja, ich höre?

Geißler: Ich kann Ihre Frage ja nicht verstehen, wenn Sie mir reinreden.

Armbrüster: Ich muss Sie das …

Geißler: … ich wollte doch gerade was erläutern …

Armbrüster: … ich muss Sie das gerade fragen: Verharmlosen Sie damit die Sprechweise der Nazis?

Geißler: Ach was, das ist keine Sprechweise der Nazis. Der totale Krieg, den gibt es auch anderswo, den haben wir zurzeit in Syrien.

Armbrüster: Aber die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg“ stammt von Joseph Goebbels.

Geißler: So? Da wissen Sie mehr als ich.

Armbrüster: Noch mal die Frage, war das Ihre Absicht?

Geißler: Was war meine Absicht?

Armbrüster: Die Sprechweise der Nazis zu verharmlosen?

Geißler: Ja, ich glaube, Sie sind wohl auf dem Mond zu Hause, mir zu unterstellen, ich wollte hier die Nazis verharmlosen!

Armbrüster: Was war dann Ihre Absicht?

Geißler: Also, so eine Unterstellung! Bitte?

(…)

Armbrüster: Ist das denn totaler Krieg, der da in Stuttgart droht?

Geißler: Der droht schon seit geraumer Zeit, er ist schon seit geraumer Zeit vorhanden, es hat über 100 Verletzte gegeben, ein Mensch ist total blind geworden bei dieser Auseinandersetzung.

Armbrüster: Und das reicht …

Geißler: Ich verharmlose überhaupt nicht, ich glaube, Sie verharmlosen.

Armbrüster: Ich glaube, viele Leute fragen sich, ob man mit einer solchen Sprechweise die Situation nicht nur noch verschlimmert.

Geißler: Wer sind viele Leute, wer ist das?

Armbrüster: Zum Beispiel Hörer des Deutschlandfunks.

Geißler: Ach so. Das sind aber nicht viele Leute.

Armbrüster: Immerhin einige, glaube ich.

Geißler: Also, hören Sie mal, was ist das, machen Sie ein Interview mit mir oder was soll das?

Armbrüster: So war das verabredet, ja.

Geißler: Und läuft das jetzt live über den Sender?

Armbrüster: Ja, natürlich!

Geißler: Ja, das finde ich wunderbar! Ich glaube, Sie reden hier gar nicht über die Sache, sondern Sie reden über ein Zitat!

Armbrüster: Das Sie gebracht haben am vergangenen Freitag und über das sich viele Leute empören.

Geißler: Jetzt sagen Sie wieder, viele Leute!

Armbrüster: Herr Geißler, es steht heute Morgen auch in mehreren Zeitungen!

Geißler: Gut, okay. Also, ich kann das nicht alles lesen. Was glauben Sie, was jetzt einzelne Journalisten schreiben! Wenn ich das lesen würde, dann wäre ich auch nicht gescheiter!

Armbrüster: Herr Geißler, besten Dank für dieses Interview!

Geißler: Ja, bitte schön!

***

Es gibt Tage, da findet ein Journalist Gold und hier hat Tobias Armbrüster viel Gold gefunden. Sehr viel Gold. Glückwunsch!

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