Vergiss mein nicht


Tapfer im Nirgendwo präsentiert einen Text von Henriette Westphal aus der Zeitung akT26:

Warum eigentlich Neuseeland? Fragt sich Chris (Manuel Rittich) am Ende des Stücks. Aber da ist die Katastrophe schon vorbei, in Neuseeland ist ein Flugzeug in ein Hochhaus geflogen. Zwölf Monate vorher (die Regieanweisung steht auf seinem gelben T-Shirt) sitzen Chris und Sarah (Janina Schmulder), ein erwartungsvolles junges Paar, mit weißen Körpern in Liegestühlen am Strand. Dass ihre Beziehung trotzdem marode ist, spürt man schnell. Als Jüdin aus gutem Hause stört sie der Anblick seinen unbeschnittenen „Lanzelot“. Er dagegen präsentiert sich als unbedarfter Surfer-Boy, streicht sich schleimig die wasserstoffblonden Haare zurück. Partnerin Sarah scheint für ihn austauschbar.

Dann lernt das Paar Beate (Janett Bobel) und Eva (Johanna Cora Müllers) kennen, zwei Schwestern aus dem Schwarzwald, die in Neuseeland wohnen. Obwohl Eva schon 21 ist, glaubt sie, erst sieben zu sein: bei einem Tsunami verlor sie Eltern, Hund und Gedächtnis. Nur kurz nimmt sie ihre Umgebung wahr, dann ist sie wieder zurück an dem Punkt vor 14 Jahren, wo sie am Strand nach ihrem Hund sucht.

Autor und Regisseur Gerd Buurmann hat mit „Gehirne am Strand“ nicht nur einen grandios witzigen Titel gefunden, sondern auch Dialoge geschrieben, die authentisch sind, mühelos durch das Stück fließen und den Schauspielern gut im Mund liegen. Rhythmisch, mit klug eingesetzter Musik, sind die Szenen spannend aufeinander abgestimmt. Dabei spitzt sich die Erzählung immer weiter zu. Bei den vier Fremden am Strand verschwimmen die Grenzen der Moral: Darf man das hilflose Kind Eva mit der Wahrheit über den Hund quälen – auch wenn sie sie gleich wieder vergessen hat? Ist Wahrheit wichtiger als glücklich zu sein? Was bei Chris als harmloses Spielchen beginnt („Das hat sie doch eh gleich wieder vergessen“), führt zu Sadismus: brutal schlägt er Eva nieder, fesselt sie mit Klebestreifen am Bühnenboden, schleppt ihren wehrlosen Körper schließlich hinter die Bühne.

Im Vorfeld hat sich Buurmann mit den Konsequenzen von Demenz und Gedächtnisverlust beschäftigt – die solide Recherche merkt man dem Stück an, das klug große Themen wie Religion, Politik, Liebe, Wahrheit und Krankheit streift. Vorzuwerfen ist ihm vielleicht nur, dass Chris als das Böse etwas zu eindeutig ist. Er wird von Manuel Rittich mit großer Lässigkeit und Natürlichkeit als prolliger, unbedarfter Happy-Surfer gespielt – und atemlos sieht man zu, wie er sich in ein sadistisches Monster verwandelt. Auch die anderen Schauspieler überzeugen: Bobel als raue Tierpflegerin einer Vogelzucht, Schmulder als brave, aber starke Frau. Johanna Cora Müllers verwandelt sich in ein Kind, dass sie Naivität, kindlicher Freude und Trauer wunderbar darstellen kann. Besonders begeistern Buurmanns Regieeinfälle – das Ende wird mit einem Kurzfilm erzählt. Er endet spektakulär mit der Aufnahme des Flugzeuges, das direkt ins Zimmer fliegt, in dem Beate und Sarah über die Ergebnisse vor 12 Monaten sprechen. Vergessen wird man dieses psychologisch genaue und gut gebaute Stück nicht so schnell.

Bei den Bildern handelt es sich um Backstagefotos aus der Reihe „Behind the brains“ von Antonio Ruiz Tamayo.

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
Dieser Beitrag wurde unter Theater veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Sämtliche Kommentare sind nur ein paar Tage sichtbar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s