Jedem Jeck sing Pappnas

„Ich denke da an ein Buch von einem ganz bekannten Buchautor, erklärte Cem Özdemir (Bündnis 90 / Die Grünen) in der Talkshow von Günter Jauch bei der Frage nach dem Ursprung des Hasses rechtsradikaler Terroristen und fragte sich, ob es nicht „dazu beiträgt, dass mancher Jugendliche dann glaubt: Ich tu, was andere nur sagen.“

Cem Ozdemir tritt mit diesem Ausspruch in die Fußstapfen von Sigmar Gabriel, der einst im Juli 2011 behauptete: „In einer Gesellschaft, in der Anti-Islamismus und die Abgrenzung von anderen wieder hoffähig wird, in der das Bürgertum Herrn Sarrazin applaudiert, da gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich letztlich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden.“

Es ist schon wirklich spannend, für welche Verbrechen Thilo Sarrazin alles verantwortlich gemacht wird. So langsam habe ich das Gefühl, Thilo Sarrazin hat nicht ein Buch mit dem Titel „Deutschland schafft sich ab“ geschrieben, sondern ein Pamphlet mit dem Titel „Die Protokolle der Weißen um Thilo“.

Wo immer ein rechtsradikales Verbrechen geschieht, fallen hier und da Politiker und andere Helden der Feder (ich sage nicht Zeitungsschreiber) welchen Ranges und welcher Partei auch immer über Thilo Sarrazin her, als hätte er sich höchstpersönlich vor jeder grausamen Tat nachts mit den wahnsinnigen Mördern auf einem Friedhof getroffen, um die Taten zu planen.

Der Vorsitzenden des Liberal-Islamischen Bundes, Lamya Kaddor, schreibt zum Beispiel zum Fall des rechtsradikalen Massenmörders aus Norwegen: “Die Islamkritiker sind nicht schuld an der Tat, aber sie haben sie begünstigt. Sie diffamieren den Islam pauschal und schüren damit Ängste. Broder und Co. haben dafür gesorgt, dass die antimuslimische Stimmung gesellschaftsfähig wird. Breivik hat sich durch sie bestätigt gesehen. Damit sitzt Broder mit im Boot.”

Das ist nun wirklich komisch. Die Feststellung, dass der Koran eine nicht geringe Mitverantwortung an dem heute noch herrschenden Judenhass hat, wird nicht selten als Islamophobie gegeißelt, aber von Broder und Sarrazin darf behauptet werden, von ihren Büchern führe ein direkter Weg in den Massenmord. Dabei ist ein kein Geheimnis, dass sich judenfeindliche Ressentiments im Islam und vor allem auch im Koran finden und in gewissen Strömungen des Glaubens sogar eine fundamentale Rolle spielen. Im Koran heißt es:

„Die Stunde wird nicht kommen, bis die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich der Jude hinter dem Stein und dem Baum versteckt. Da sagt der Stein oder der Baum: O Muslim! O Diener Allahs! Dieser ist ein Jude hinter mir, so komm und töte ihn!“

Im Gegensatz zu dem Koran und vieler islamischer Prediger ist Henryk M. Broder ein blühendes Beispiel der Toleranz. Für ihn steht fest: „Ich habe nichts gegen Moscheen und ich habe nichts gegen gleiche Rechte für Immigranten. Ich hätte in der Schweiz auch gegen das Minarett-Verbot gestimmt.“

Als im Frühjahr jedoch in der Alten Synagoge in Essen im Rahmen der dort stattfindenden „Donnerstagsgespräche“ die Tatsache thematisiert werden sollte, dass einige Prediger des Islams den traditionellen Judenhass als politisches Instrument nutzen, wurde dem Vorstand der Alten Synagoge von dem Chef des Integrationsbeirats, Muhammet Balaban, eine Herabsetzung des Islams vorgeworfen. Balaban behauptete, die Forschung über den Antisemitismus im Islam sei eine Beleidigung des Islams und fügt hinzu: „Das treibt uns doch nur auseinander.“

Man stelle sich nur mal vor, was los wäre, bezeichnete Angela Merkel heute die Ursachenforschung des rechtsradikalen Terrors als Beleidigung Deutschlands. Ein Aufschrei ginge durch die Republik. Was bei rechtsradikalen Terror jedoch ein Skandal wäre, gehört beim islamistischer Terror zum guten Ton. Als Muhammet Balaban in Essen versuchte, die Antisemitismusforschung in Deutschland mundtot zu machen, fand er Unterstützung beim Essener Oberbürgermeister, Reinhard Paß.

Er bezeichnete den Ankündigungstext der Alten Synagoge als „unglückliche Formulierung“ und erklärte in einem Brief an Balaban: „Ich bedauere sehr, dass bei Ihnen der Eindruck entstanden ist, dass die Alte Synagoge islamfeindlichen Tendenzen Anschub leistet und Rückhalt bietet und bin der Auffassung, dass ein solcher Eindruck nicht entstehen darf.“ Paß erwartete sogar, „dass die neue Leitung der Alten Synagoge sich den Integrationsgedanken deutlich mehr zu eigen macht als dies bisher der Fall war.“

Für Paß war somit nicht der Antisemitismus selbst das eigentliche Problem, sondern die Antisemitismusforschung an sich, so wie in der Türkei nicht der Massenmord an den Armeniern kritisiert wird, sondern bereits die bloße Forschung an dem Massenmord kurzerhand zur „Beleidigung der türkischen Nation“ erklärt wird.

Es beruhigt mich, dass im Umfeld der braunen Banden und Mörder in Deutschland bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, die Ursachenforschung an Rechtsradikalismus als deutschlandfeindlich zu bezeichnen. Ich wundere mich jedoch, dass die Ursachenforschung des islamistischen Terrors immer wieder und nicht selten als islamophob bezeichnet wird. Könnte es eventuell daran liegen, dass es sich bei den Neonazis offensichtlich nicht um verfassungstreue Deutsche handelt, während sich die Islamofaschisten durchaus als korantreue Mörder verstehen können?

Ursachenforschung für rechten, linken und religiösen Terror gehört zu den notwendigen Disziplinen einer freien Gesellschaft. Die Möglichkeit der Kritik an Ideologien und Religionen ist dabei besonders wichtig. Ich bin daher froh darüber, in einem Land zu leben, in dem jeder Protestant aber auch Nicht-Protestant offen den Religionsstifter des Protestantismus kritisieren kann, ohne dabei in der Ruf zu kommen, ein schlechter Protestant oder Evangelophober zu sein. Der Gründer des Protestantismus, Martin Luther, war ein glühender und brutaler Judenhasser, der in seinem Pamphlet „Von den Juden und ihre Lügen“ die Zerstörung der Thora, das Niederbrennen von Synagogen und die Tötung von Juden empfiehlt. Es ist und bleibt wichtig, dies nicht zu vergessen.

Ich bin froh darüber, dass Uta Ranke-Heinemann mit ihrem Buch „Eunuchen für das Himmelreich“ das Christentum scharf kritisiert, genauso froh wie ich darüber bin, das Necla Kelek mit „Die fremde Braut“ und Seyran Ates mit „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ die Sexualfeindlichkeit im Islam thematisieren. Das bedeutet jedoch nicht, das Ates und Kelek islamfeindlich sind. Uta Ranke-Heinemann ist schließlich auch keine Antichristin! Es wäre schlichtweg absurd, Uta Ranke-Heinemann als antichristliche Rassistin zu bezeichnen und ihr eine Mitschuld an der Christenverfolgung zu attestieren, nur weil sie sie starren Regeln und das ethische Gebäude des christlichen Glaubens kritisiert. Genau dies aber geschieht nicht selten den Kritikern des Islams und es ist schlichtweg eine Schande, dass sie dafür in eine Ecke mit Terroristen und Rassisten geschoben werden.

Wer Kritik am Islam verbieten oder in Verruf bringen will, weil es auf der Welt Breiviks und rechte Terroristen gibt, der kann auch gleich die Bücher von Uta Ranke-Heinemann mit dem Verweis auf die Christenverfolgung auf die Scheiterhaufen werfen. Das Hilfswerk Open Doors schätzt, dass zur Zeit 80 bis 120 Millionen Christen weltweit verfolgt oder diskriminiert werden. Ich höre bei dieser erschreckenden Zahl direkt Sigmar Gabriel unken:

„In einer Welt, in der Christenverfolgung und die Abgrenzung von anderen wieder hoffähig wird, in der das Bürgertum Frau Ranke-Heinemann applaudiert, da gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich letztlich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden.“

Sigmar Gabriel hat das natürlich nicht gesagt, aber etwas sehr ähnliches, als er Thilo Sarrazin im Juli eine Mitverantwortung an den Massenmörder von Norwegen gab. Nichts anderes macht auch Cem Özdemir, wenn er im Umfeld des rechtsextremen Terrors in Deutschland erklärt, an ein Buch von einem ganz bekannten Buchautor zu denken, dass dazu beitragen könne, dass mancher Jugendliche glaubt: „Ich tu, was andere nur sagen.“

Im Grunde machen Cem Özdemir und Sigmar Gabriel mit ihren Worten genau das, was der Massenmörder Anders Breivik vorgemacht hat. So wie Breivik christliche Denker wie Kant, Smith und Mill, sowie jüdische Denker wie Jesus, Kafka und Broder zu Kronzeugen seiner kranken Weltanschauung erklärt hat, so machen Özdemir und Gabriel nun die rechtsradikalen Mörder zu den Kronzeugen ihrer Abneigung. Wobei es einen entscheidenden Unterschied gibt: Breivik missbrauchte Broder, Jesus und Kant, um sie für seine Ideologie passend zu machen, Özdemir und Gabriel jedoch gebrauchen Breivik und die rechtsradikalen Terroristen. Sie nutzen ihre Taten ganz bewußt zur Verstärkung ihre Broder- und Sarrazin-Kritik.

„Seht ihr,“ scheinen sie zu rufen, „sowas kommt von sowas!“ Breivik und die rechtsradikalen Terroristen sind somit nichts weiter als die mörderischen Narren, die Özdemir und Gabriel brauchen, um ihren Unmut über Sarrazin und Broder zu verteidigen.

Mir fällt da nur das Motto des diesjährigen Kölner Karneval ein: „Jedem Jeck sing Pappnas!“

***

Als Zugabe präsentiert Tapfer im Nirgendwo noch ein paar weitere Höhepunkte des Broder-Bashings der letzten Monate:

In einem Leserbrief in der Badischen Zeitung war zu lesen: „Ich frage mich, wie weit haben rassistische Brandstifter oder Hassprediger wie Henryk M. Broder, Thilo Sarrazin und die Springer-Presse schon die öffentliche Meinung beeinflusst? Die Medien scheinen in Deutschland auf dem rechten Auge blind zu sein.“

Christoph Giesa schrieb in The European: „Zu diesen besonders Verantwortlichen gehören neben Thilo Sarrazin auch prominente Vertreter der Euro- bzw. europakritischen Fraktion, aber auch Publizisten wie Hans-Olaf Henkel oder Henryk M. Broder, weil sie, ob gewollt oder ungewollt, zu Ikonen der neuen deutschen Rechten geworden sind.“

Claus Ludwig von der Partei DIE LINKE in Köln schrieb: „Wenn Breivik für geistesgestört und in die Psychiatrie eingewiesen wird, dann müssten konsequenterweise Sarrazin, Broder, die Macher von PI, die „Pro“-Leute, FPÖ-Politiker und viele andere den gleichen Weg antreten. Sie vertreten und befördern wahnhafte rassistische Vorstellungen.“

In der Frankfurter Rundschau schreibt Christian Bommarius: „Henryk M. Broder ist – neben Thilo Sarrazin – die lauteste Stimme der Islamophobie in Deutschland, aber keineswegs die einzige. Der Antiislamismus als Ressentiment, wie er sich in der Mitte der deutschen Gesellschaft herausgebildet hat, ist nicht zum Geringsten Broders Verdienst.“

In der Süddeutschen Zeitung stand am 26.7.2011: „Viele Anti-Islamisten arbeiten aktiv in der Politik, engagieren sich in Europas populistischen Parteien… Zu ihren Stichwortgebern zählen Publizisten wie Henryk M. Broder, die zum Teil noch in den verhassten ‘Mainstream-Medien’ veröffentlichen…“

Den Vogel aber schießt die Frankfurter Rundschau ab. Dort lesen wir:

„Es genügt nicht, dass der Staat sich im Kampf gegen Rechtsterroristen zur Ordnung ruft – das darf die Gesellschaft von ihm erwarten. Umgekehrt muss der Staat von der Gesellschaft verlangen, dass sie das zivilisatorische Minimum beachtet, ohne das eine Gemeinschaft nicht möglich ist, die die Achtung der Menschenwürde zum Höchstwert erklärt. Es ist nicht leicht, mit den Teilen der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen, die sich daran berauschen, wie ein Thilo Sarrazin seine ausländerfeindlichen Ressentiments mit Zahlen spickt und ein Henryk M. Broder seinen monomanischen Hass auf den Islam mit Halbwahrheiten und diffamierenden Pointen garniert. Einfach ist es nicht, aber dringend geboten. Anderenfalls ist der Kampf gegen die Rechtsextremisten kaum zu gewinnen. Scheitert das Gespräch, kapituliert Deutschland vor dem Hass.“

So steht es, das zivilisatorische Minimum missachtend und Unwahrheiten statt Halbwahrheiten über Broder und Sarrazin verbreitend, in der Frankfurter Rundschau, die damit eindringlich beweist, dass sie schon längst vor dem Hass auf Broder kapituliert hat und das Gespräch und das verfassungsmäßig garantierte Recht auf eine kritische Auseinandersetzung mit religiösen Weltanschauungen für gescheitert erklärt hat.

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