Nicht verwechseln

Deutschland in den 1930ern:

Deutschland heute:

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Am 4. Oktober 2012 gab der israelische Givatron-Chor im Rahmen einer Veranstaltung des größten israelischen Umweltorganisation ein Konzert in der evangelischen Pauluskirche in Berlin, als plötzlich rot-schwarz gekleidete Pro-Palästina-Aktivisten aufsprangen, brüllten, Transparente entrollten und Flugblätter unter die Menge streuten. Sie konnten es einfach nicht ertragen, dass Juden in Deutschland auftraten, ohne dabei Israel zu kritisieren.

Ich habe schon zwei Mal Veranstaltungen des Jüdischen Nationalfonds moderiert, einmal in Köln im Rahmen einer Geburtstagsfeier des Kölner Kunstwerks Ma’alot und einmal in Gießen im Rahmen eines Konzerts von Esther Ofarim. Bei beiden Veranstaltungen habe ich im Vorfeld erschreckend viel Hass erleben müssen. Immer wieder wurden Sympathisanten der Veranstaltung angeschrieben, sich von der Veranstaltung zu distanzieren, Schirmherren bekamen den Rat, ihre Schirmherrschaft zurückzunehmen, Medien wurden aufgerufen, die Veranstaltungen „kritisch zu begleiten“ und alle Teilnehmer wurden Ziel übelster Unterstellungen. Der Hauptvorwurf: Wie können Juden und Israelis feiern und sich nicht kritisch zu Israel äußern.

Ich muss an dieser Stelle unweigerlich an den sozialdemokratischen Bürgermeister von Malmö, Ilmar Reepalu, denken, der ernsthaft empfahl, die Jüdische Gemeinde in Malmö könne den Hass, der ihr entgegenschlage, dadurch erheblich abschwächen, dass sie deutlich genug Abstand nähme von Israels Gewalt gegen die zivile Bevölkerung im Gazastreifen.

Als der Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch die Schirmherrschaft einer Kunstaktion des Jüdischen Nationalfonds übernahm, da sah er sich plötzlich einer organisierten Briefkampagne ausgesetzt, die ihn aufforderte, Abstand von der Schirmherrschaft zu nehmen. Er blieb! Bevor er aber bei der Auktion in der Bonner Kirche St. Remigius seine Rede begann, fragte er sicherheitshalber ins Publikum: „Ich wollte nachfragen, ob einige der Briefeschreiber anwesend sind.“ Eine ältere Dame meldete sich: die ehemalige Lehrerin Edith Lutz. „Da nur einer der Kritiker anwesend ist“ sagte Nimptsch, „stehe ich Ihnen nach meiner Eröffnungsrede für ein persönliches Gespräch zur Verfügung.“ Was er wohl gemacht hätte, wenn es mehr Kritiker gegeben hätte.

In den frühen 1930er durften Juden wie die Mitglieder der Comedian Harmonists in Deutschland noch singen, solange sie einfache, schlichte und alberne Lieder sangen, dann waren sogar die Nazis milde gestimmt. Heute aber müssen sich Juden in Deutschland schon dezidiert israelkritisch geben, sonst werden ihre Auftritte gestört und verhindert. Das ist wohl der Unterschied zwischen Deutschland in den Dreißigern und Deutschland heute.

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