Der Sprung in die Tiefe

Es gibt Menschen, die erst dummes Zeug von sich geben und dann einen Fallschirmsprung machen und es gibt Leute, die erst einen Fallschirmsprung machen und dann dummes Zeug reden. Zu der zweiten Gruppe gehört Felix Baumgartner.

Zwei Wochen nachdem er die Rekorde der höchsten Ballonfahrt und des höchsten Fallschirmsprungs gebrochen und mit seinem Sprung aus der Stratosphäre den Überschallsprung geschafft hat, äußert er sich nun auch politisch. Es scheint als drohe uns nach Ärtze ohne Grenzen und Schriftsteller für den Frieden nun auch Fallschirmspringer gegen Demokratie. Seine Aussage lautet:

„Du kannst in einer Demokratie nichts bewegen. Wir würden eine gemäßigte Diktatur brauchen, wo es ein paar Leute aus der Privatwirtschaft gibt, sie sich wirklich auskennen.“

Ich wette, für diese Aussage wird Felix Baumgartner einiges an Hohn und Spott einstecken müssen. Ein shit storm ist garantiert. Ich möchte in diesem drohenden Sturm jedoch nicht einstimmen, sondern stattdessen zeigen, dass es in Deutschland bereits Strukturen gibt, die dem „glückseligen“ Prinzip Felix‘ folgen. Dabei werde ich einfach zwei Beispiele aus der Kultur nehmen, die zeigen, dass in den meisten deutschen Dichtern und Denkern kleine Baumgartners aus Österreich stecken.

Beispiel 1: „Du kannst in einer Demokratie keine Kunst machen. Wir brauchen eine gemäßigte Diktatur, wo es ein paar Leute aus der Kultur gibt, sie sich wirklich auskennen.“

Noch heute entscheidet die Politik mit der Vergabe von Subventionen darüber, was gute Kunst sein soll und was nicht. Das Nachsehen haben dabei alle die Künstlerinnen und Künstler, deren Kunst als nicht förderwürdig erklärt wurde, da sie dennoch in der Publikumsgunst mit den Eintrittspreisen der geförderten Kunst konkurrieren müssen. Ein Theater wie das Metropol Theater in Köln, das keinen Cent an staatlichen Förderung bekommt, kann es sich einfach nicht erlauben, höhere Preise zu nehmen als das Theater der Keller ein paar Meter weiter, das sich die günstigen Eintrittspreise jedoch nur leisten kann, da es mit über 100.000 Euro im Jahr gefördert wird. Das Resultat: Preisdruck, Wertrückgang und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen entstanden durch die Ideologie, ein kleines Diktat könne die Kultur besser führen als die Demokratie es zum Erblühen bringen kann. Aber auch die Qualität der Kunst leidet unter dem Diktat. Allerdings verschlechtert sich nicht die Qualität der unsubventionierten Theater, da dort Menschen mit Herzblut und Hingabe arbeiten, die beiden einzigen Gründe, warum Theatermenschen ohne Subventionen überhaupt noch in den Käfig der subventionierten Theaterlandschaft steigen; die Qualität der subventionierten Theater nimmt rapide ab. Subventionierte Theater bekommen ihr Geld von jenen Leuten, die nicht in ihr Theater gehen. Ihre Produktionen sind schon bezahlt bevor der erste Vorhang überhaupt auf geht. Diesen Theater kann das Publikum scheißegal sein. Und so ist es in den meisten Fällen auch.

Nun kann eingewendet werden, nur der Staat könne elitäre Kunstwerke fördern. Nein! Wenn es eine Gruppe gibt, die elitäre Kunst fördern kann, dann die Elite selbst. Ich habe in meinen fast zwanzig Jahren Kulturerfahrung erlebt, dass jene Menschen, die einen hohen künstlerischen Anspruch haben, sich in der Regel auch einen hohen Lebensstandard leisten. Ich finde es einfach unanständig, wenn sich Menschen in exklusiver Abendgarderobe nach dem Abendessen in einem Sterne-Restaurant mit einem Luxusauto vor die Oper fahren lassen, um dann dort Karten zu erhalten, die zum großen Teil von der Gemeinschaft bezahlt wurden. Wenn eine Karte für das Musical „Rent“ auf den billigsten Plätzen teurer ist, als Plätze im Parkett in der Millionsten Inszenierung von der Oper „La Bohème“, dann haben wir eine unerträgliche Ungerechtigkeit in der Kultur erreicht.

Beispiel 2: „Du kannst in einer Demokratie kein Fernsehen machen. Wir brauchen eine gemäßigte Diktatur, wo es ein paar Leute gibt, sie sich wirklich auskennen.“

Die öffentlichen-rechtlichtlichen Anstalten sind das einzige Pay-TV in Deutschland, das von allen Bürgerinnen und Bürgern des Landes, die einen Fernseher besitzen, verlangen, dass sie das „Angebot“ kaufen. Diese Bezahlsender haben es somit geschafft, für sich einen Kaufzwang in Deutschland zu erstreiten. Aus dem „Angebot“ wird somit ein Gebot und die Politik fördert diese Erpressung auch noch. Die Absurdität dieser Politik wird allein dann schon deutlich, wenn man nur einmal annimmt, es gäbe für andere Medien, für die es einen Zwang zum Kauf gibt. Stellen wir uns also mal vor, jede Person, die ein Buch liest oder auch nur besitzt, müsse dadurch schon Geld an einen öffentlich-rechtlichen Verlag bezahlen oder eine Person, die eine Zeitung liest oder nur abonniert hat, müsste dadurch schon Gebühren an eine öffentlich-rechtliche Zeitungsanstalt leisten. Absurd!

Begründet wird dieser Zwang zum Kauf unter anderem mit der Notwendigkeit von staatlich organisiertem Fernsehen zur Förderung von Programmen, die zwar qualitativ hochwertig seien, aber bei der Masse nicht ankämen. Mal ganz abgesehen davon, dass wir hier von Sendern sprechen, die sich in Anbetracht von “Wetten, dass”, dem “Musikantenstadl”, “Monitor”, “Verbotene Liebe” und dem “Tatort” bei der Frage der Qualität doch sehr weit aus dem Fenster hängen, ist dies genau die Rethorik wie wir sie von Fürsten und Königen der Monarchie kennen. Das Volk sei in der Mehrheit zu dumm, um sich für das Wahre, Schöne und Richtige zu entscheiden und brauche deshalb einen edlen Fürsten, der das Elitäre verteidigt und die Masse zwingt, diese Elite zu finanzieren!

Währenddessen sind alle anderen Sender in Deutschland dazu verdammt, so billig wie möglich zu produzieren, da sie sonst nicht gegen das Staatsfernsehen bestehen können. Pay-TV hat überhaupt keine Chance, selbst Qualität zu produzieren, da die allmächtige Müllhalde der öffentlich-rechtlichen Sender alle Möglichkeiten des privat produzierenden Pay-TVs verschlingt. Das weltweit für seine Mittelmäßigkeit bekannte deutsche Fernsehen hat nur deshalb keine HBO-Qualität oder Kunstwerke im Stil von „Lost“ oder „HIMYM“, weil es den Gebührenzwang gibt.

Das meiste Geld fließt auch bei dem Staatsfernsehen nicht in Qualität. Wer einfach so Geld in den Arsch gesteckt bekommt, der scheißt auf Qualität. Soll ich Ihnen mal zeigen, wo das meiste Geld der Gebühreneinzugszentrale hingeht? In die monströse Bürokratie, die es braucht, um dieses kafkaeske Wirrwarr zu verstehen:

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Das sind genau die Mäuler jener Ungeheuer, die gestopft werden müssen, wenn eine kleine Diktatur glaubt, sie müsse für das Gute, Schöne und Wahre kämpfen, da es die Demokratie angeblich nicht könne.

Genau deshalb regt mich auch die momentane Debatte um die Notwendigkeit von staatlich vorgeschriebenem Mindestlohn auf, da es unzählig viele Akteuere in der Debatte gibt, die behaupten, es gäbe Politiker in Deutschland, die gegen Mindestlohn seien. Blödsinn! Newsflash: Ich habe noch nie auch nur ein Mitglied einer Partei, die im deutschen Bundestag vertreten ist, getroffen, der oder die behauptet, es wäre akzeptabel, wenn ein Mensch weniger Geld für seine Arbeit bekommt als ihm oder ihr zusteht. Alle sind für Mindestlohn! Wir reden hier aber von staatlich vorgeschriebenen Mindestlohn und da sind einige dagegen und das aus guten Gründen.

Grund 1: Ein Staat, der er sich anmaßt, darüber zu entscheiden, was für ein Lohn einem Menschen reichen muss, ist derselbe Staat, dessen sozialdemokratische Partei dann einen Sarrazin hervorbringt, der kalt vorrechnet, warum und wie man sich mit 3,76 Euro am Tag „völlig gesund, wertstoffreich und vollständig ernähren“ kann.

Grund 2: Wenn ein Staat zu sehr eingreift, profitieren am Ende nur jene, die wohlhabend genug sind, sich einen Expertenstab zu leisten, der sich im Wust der Sonderregelungen zurechtfindet.

Grund 3: Je mehr sich die Politik kümmert, je höher steigt die Gefahr, dass die Umkümmerten in eine Abhängigkeit geraten, aus der sie irgendwann nicht mehr selbstständig herausfinden.

Grund 4: Es st doch geradezu pervers, wenn ein Staat zunächst mit seinem Eingreifen in den Wettbewerb dafür sorgt, dass es zu einer himmelschreienden Ungerechtigkeit kommt, um dann jene Akteure, die nicht von der staatlichen Führung profitieren und so zu einem Preisdruck gezwungen wurden, nun dazu zu verpflichten, ebenso schnell zu laufen wie jene, die mit staatlichen Mitteln gedopt wurden.

Ich finde es einfach unanständig davon auszugehen, die Friseurmeisterin würde ihren Angestellten nur deshalb so wenig Lohn geben, weil sie eine böse Ausbeuterin ist. Es stimmt einfach nicht, dass ich als Schauspieler teilweise deshalb für Hungerlöhne arbeite, weil meine Regisseurinnen und Produzenten Schweine sind. Sie zahlen nur aus einem Grund so wenig: Weil sie das Geld einfach nicht haben!

Wenn Sie also für Mindestlohn sind, dann gehen Sie einfach öfter in kleine unsubventionierte Theater und zahlen dort statt den ausgewiesenen 16 Euro pro Karte einfach mal 25 Euro. Stimmt so! Oder bei der Friseurin, die Ihnen für 6 Euro die Frisur gemacht hat, geben Sie 10 Euro Trinkgeld. Stimmt so! Eine Chefin kann eben nicht mehr Lohn zahlen als sie einnimmt. Rufen Sie also nicht nach dem Staat, der ja für diese Misere mitverantwortlich ist, gehen Sie einfach öfter raus, wenn Sie es sich leisten können und sagen: Stimmt so!

Wer in der momentanen Situation ernstlich dem Staat das Recht geben möchte, Mindestlohn festzulegen, holt zum Todesstoß gegen all jene Menschen aus, die von eben jenem Staat in eine himmelschreiende Ungerechtigkeit geworfen wurden. Sowas geschieht eben, wenn eine kleine Gruppe von vermeintlichen Experten glaubt, sie könne jenseits der Demokratie Dinge besser machen.

Im Grunde steckt in so manchem Menschen ein kleiner Felix Baumgartner, jedoch leider nicht der fallschirmspringende sondern der politische.

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