An allem ist der Broder Schuld!

Theodor W. Adorno hat einst folgendes über den Antisemitismus geschrieben:

“Darauf spekuliert tatsächlich einer der wesentlichen Tricks von Antisemiten heute: sich als Verfolgte darzustellen; sich zu gebärden, als wäre durch die öffentliche Meinung, die Äußerung des Antisemitismus heute unmöglich macht, der Antisemit eigentlich der, gegen den der Stachel der Gesellschaft sich richtet, während im allgemeinen die Antisemiten doch die sind, die den Stachel der Gesellschaft am grausamsten und am erfolgreichsten handhaben.”

Das Satiremagazin Titanic hat es auf folgende schlichte Formel gebracht:

“Dass die Juden uns den Mund verbieten, ist das Gerücht über die Juden, das nach Adorno der Antisemitismus ist. Wer glaubt, dass es wahr sei, ist ein Antisemit. Augstein ist einer.”

Nicht nur die Titanic sieht in Augstein einen Antisemiten, das Simon Wiesenthal Center hat ihn sogar in die Top Ten der Antisemiten 2012 aufgenommen. Seit dem steht die deutsche Medienlandschaft Kopf. Wie konnte es nur soweit kommen? Wer trägt Schuld an diese Situation? Vielleicht Jakob Augstein selbst? Wenigstens ein bißchen? Einiges spricht dafür. Das Simon Wiesenthal Center gibt mehrere Zitate Augsteins zur Begründung an, darunter eine Äußerung, in der der Journalist eine Gruppe von ultraorthodoxen Juden in Israel, die zehn Prozent der Bevölkerung ausmachten, mit islamischen Fundamentalisten vergleicht. Rabbi Abraham Cooper vom Simon Wiesenthal Center sagt dazu:

„Wenn man das Bild von islamischen Extremisten heraufbeschwört, deren wesentlicher Beitrag zur Welt aus Selbstmordbombenanschlägen, Extremismus und Hass besteht, und dann eine gesamte religiöse Gemeinschaft nimmt und sie so stereotypisiert, dann hat das nichts mehr mit Journalismus zu tun. Damit wird eine Grenze überschritten.“

Tatsächlich hat Jakob Augstein mehrfach die Grenze zum Antisemitismus überschritten. Frank Olbert schreibt dazu im Kölner Stadt-Anzeiger:

„Für den Rabbiner Abraham Cooper, der die Liste beim Wiesenthal-Center erstellt, hat Augstein die Grenze der drei „D“ überschritten, die zwischen Israelkritik und Antisemitismus verläuft: Doppelter Standard bei der Beurteilung Israels im Vergleich zu anderen Ländern, Dämonisierung und Delegitimierung Israels. So hatte Augstein in seiner Kolumne auf „Spiegel Online“ Günter Grass applaudiert, der in seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ von einem atomaren Erstschlag Israels gegen den Iran fabuliert. Überhaupt setzt sich Augstein häufig und, wie er findet, kritisch mit Israel auseinander, wobei sich seine Einsprüche mitunter durch Ahnungslosigkeit disqualifizieren. So schreibt er am 19. November 2012 über „Ultraorthodoxe oder Haredim“: „Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache.“

Nun mögen Haredim mit ihren Stirnlocken, Bärten und der mittelalterlichen Kleidung in Augsteins Augen vielleicht rückständig wirken – Bombenleger sind diese äußerst frommen Juden ganz sicher nicht. Sie gehen oft nicht einmal zum Militär, und einen Staat Israel kann es für viele von ihnen erst geben, wenn der Messias erscheint. Den sehen sie in Netanjahu eher nicht. Indem er sie alle in einen Topf wirft, die Haredim, die Ultraorthodoxen, die Islamisten, bedient Augstein ein auch im linken Milieu gepflegtes Klischee, wonach in jedem Strenggläubigen ein Gotteskrieger steckt. Ob das gleich antisemitisch ist?“

Die konkret schreibt:

„Augstein wird bestreiten, ein Antisemit zu sein. Aber die phantasierte jüdische Weltherrschaft, die Weltkriegsgefahr, die Aufregung über eine Fiktion und die Gleichgültigkeit gegenüber realen Kriegen und Kriegstoten, die Insinuationen, daß Israel hinter dem Mohammed- Film, dem Krieg in Syrien und der iranischen Bombe stecke und die Toten in den innerarabischen Machtkämpfen zu verantworten habe, die Wiederholung der Lüge vom Juden, der aus dem Antisemitismus Profit schlage, diese ganze Sammlung perfider Projektionen zeigt eine Verblendung, die mit einer Kritik an Aspekten israelischer Politik nichts mehr zu tun hat. „Wenn der Bürger schon zugibt, daß der Antisemit im Unrecht ist, so will er wenigstens, daß auch das Opfer schuldig sei“ (Adorno).“

Jennifer Nathalie Pyka schreibt ähnlich in The European:

„Schließlich weiß der aufrichtige Deutsche ganz genau, woran man den gemeinen Antisemiten erkennt: an Thor-Steinar-Klamotten, Glatze und NPD-Mitgliedsausweis. Und an Gaskammern, zweifellos. Doch damit hat ein Jakob Augstein, dieser gebildete und gut gekleidete Mann, geradezu das Aushängeschild der links-intellektuellen Elite, nichts am Hut. Seine Spezialität besteht dagegen in Kolumnen, die gemeinhin das Label „Israelkritik“ tragen und laut landläufiger Meinung einen wichtigen Beitrag zur deutsch-israelischen Freundschaft leisten.

Kein Wunder also, dass Augsteins Entourage nun völlig aus dem Häuschen ist. Tatsächlich ließ der Kolumnist kaum eine Gelegenheit aus, um perfide Gaza-Ghetto-Analogien zu konstruieren, Israel für den Terror verantwortlich zu machen, es zur Bedrohung des Weltfriedens zu ernennen und wirre Verschwörungstheorien zu spinnen. Dass darin sehr wohl eine ganze Menge Antisemitismus steckt, übersteigt nicht nur das Vorstellungsvermögen der Massen. Die meisten wollen Augsteins antisemitisches Potenzial schlicht nicht erkennen, weil sie es mit ihm teilen. Schließlich kennen sie selbst es nur allzu gut: dieses Kribbeln, sobald sich irgendwo der Hauch einer Chance bietet, den erhobenen Zeigefinger in Richtung Israel zu schwenken. Und selbst Antisemit zu sein, nun, das ist seit ein paar Jahrzehnten wirklich nicht mehr schick. Es gilt, den Antisemiten trotz Augstein und Wiesenthal wieder säuberlich als „Israelkritiker“ zu etikettieren.“

Für einige Medienvertreter ist es also unvorstellbar, dass ein gebildeter Linker antisemitische Gedanken haben kann. Der Schuldige muss einfach jemand ganz anderes sein. Glücklicherweise gibt es da jemanden, den man zum Sündenbock erklären kann und er ist auch noch ein Jude. Wunderbar. Schuld hat Broder! Jawohl! Hier ein paar Auszüge aus der Presse:

„Auch wenn H. M. Broder damit aktuell, geruchsmordend, über den Literatur Nobelpreisträger, Günter Grass, den Herausgeber des Freitag, Jakob Augstein, richten will, gerät ihm dieser Satz doch eher, erhellend, zur Selbstanzeige des Verlustes seines persönlich publizistischen Geruchssinns.“ (Freitag)

„Der Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland, Klaus Holz, warf dem Wiesenthal-Zentrum dagegen vor, den Antisemitismus-Vorwurf zu einer “pauschalen Keule” zu machen. Den Augstein-Kritiker Broder bezeichnete er laut Deutschlandradio Kultur als “Pöbler”. Viele Intellektuelle duckten sich bei solchen Debatten weg und räumten damit das Feld für “die Broders dieser Welt”, sagte Holz.“ (n-tv)

Aber den Vogel schießt Christian Bommarius in der Frankfurter Rundschau ab: „Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk M. Broder bis heute frei herumläuft, aber es spricht gegen das Simon-Wiesenthal-Center, dass es den Lügen und Verleumdungen dieser trostlosen Witzfigur aufgesessen ist. Wer Broder Glauben schenkt, der vertraut auch einem Bankräuber sein Bargeld an und einem Kannibalen die Ehefrau.“

Da hat Broder ja noch mal Glück gehabt, im neuen Deutschland zu leben. In der BILD schrieb F. J. Wagner vor einigen Monaten: “Wir sind ein besseres Deutschland geworden.” Seine Begründung: “Früher wurden Homosexuelle in Deutschland zu Gefängnis verurteilt. Was für eine glorreiche Zeit für Euch. Niemand steckt Euch ins Gefängnis.” Da wächst zusammen, was zusammen gehört. Laut Wagner von der BILD sollen nervende Schwule und laut Bommarius von FR nervende Juden froh sein, nicht ins Gefängnis geworfen zu werden. Wir sind echt ein besseres Deutschland geworden.

Was wäre Augstein, was wäre Deutschland nur ohne Broder? Ohne Broder hätte man sich doch tatsächlich mit den Aussagen Augsteins beschäftigen müssen. Jetzt aber kann sogar die Freitag Community aus der Augstein-Affäre eine Broder-Affäre machen und orthographisch leicht daneben spotten:

„Eigentlich wii Henry M. Broder wohl nur mahnend ansagen, dass Jakob Augstein als Herausgeber des Freitag und vielgelesener S.P.O.N. Kolumnen SPIEGEL Autor, ein, heillos, zu grosser Freigeist Meinungssinn im Lande der Dichter und Denker umwehe, weil es, anders als zu Zeiten da Jakob Augstein Redakteur “DER ZEIT”, “Der Sueddeutschen” war, Niemanden mehr gebe, der, vorab, hegend und pflegend, zensierend, auf dessen Zeilen schaue. J. Pwtrick

Nein, für Broder ist man schon Antisemit, wenn man sagt: Ich habe Urlaub in Israel gebucht. Dann muss man sich von diesem Manne unter Umständen demnächst vermutlich fragen lassen, ob man Katstrophentourist sei, dann schon muss man sich rechtfertigen können. Ein deutscher Tourist eben alleine aus dem Zweck heraus nur nachzählen zu wollen, um wie viele Menschen das kleine Israel seit seiner Gründung nach dem Holocaust gewachsen sei. Für Broder ist man Antisemit, wenn man das Wort Israel als Deutscher überhaupt in den Mund nimmt. Ginge es nach Broder, würde er auch der Bundeskanzlerin das vorwerfen, was er Augstein vorwirft.“

Am Antisemitismus ist also Broder Schuld, vermutlich weil er mit seinen jüdischen Superkräften die Medien beeinflussen kann. Wenn Broder nicht Schuld ist, dann ist das Simon Wiesenthal Center Schuld und wenn das Simon Wiesenthal Center nicht Schuld ist, ist Israel Schuld. Schuld ist auf jeden Fall ein Jude. Soviel ist klar. „An allem sind die Juden Schuld!“ Wie nennt man das nochmal, wenn man glaubt und behauptet, an allem und vor allem am Antisemitismus seien die Juden Schuld?

Jakob Augstein hätte diese Frage beantworten können in einem Gespräch mit Henryk M. Broder. Da beide für den Radiosender RBB arbeiten, wurden auch beide zu einem Gespräch mit dem RBB eingeladen. Broder sagte zu. Augstein sagte ab. Daraufhin beurlaubte der RBB Broder für eine Woche und nutzte die dadurch frei gewordene Zeit um über Jakob Augstein zu sprechen. Broder urteilt über dieses Verhalten des RBB vollkommen zurecht:

„Das sei keine gute Idee, sagte ich, wenn der Kommentar ausfällt, würden die Zuhörer das als eine Distanzierung des Senders von mir verstehen. Davon könne keine Rede sein, sagte der Redakteur, man könne nur „an so einem Tag nicht über ein x-beliebiges Thema“ mit mir reden, da würden sich die Zuhörer fragen, „warum sagt er nichts über Augstein?“ – „Weil ich mich in dem Freitagskommentar noch nie zu einer Sache geäußert habe, in die ich selber verwickelt war“, sagte ich. Der Redakteur machte wieder eine Pause. Das Argument schien ihm einzuleuchten. „Wir bereden das noch mal in der Redaktion, und ich melde mich wieder bei Ihnen.“

Eine Stunde später rief der Redaktionsleiter Broder an und teilte ihm mit: „Wir lassen den Kommentar mit Ihnen ausfallen und reden stattdessen mit einem Antisemitismusexperten.“

An allem ist der Broder Schuld!

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