Schnapp den Juden

Am 11. Januar 2013 traf ich Tuvia Tenenbom spätnachmittags in Köln. Das Magazin ttt machte eine Bericht über ihn und sein Buch „Allein unter Deutschen“ und suchte dafür einen deutschen Theatermacher, der bereit war, sich mit ihm vor der Kamera zu unterhalten. Die Wahl fiel auf mich. Es war ein kurzes aber intensives Gespräch. Drei Zigarettenlängen haben wir miteinander geredet und gelacht. Es waren seine Zigaretten. Er raucht Menthol.

Leider war Tuvia Tenenbom in Eile. Er musste noch den Zug nach Magdeburg bekommen, weil er dort am nächsten Tag eine angemeldete Nazidemo besuchen wollte. Ich versuchte, ihm abzuraten, die Nazishow in Deutschland sei nicht mehr das, was sie mal war, sagte ich, die Choreographie sei schlampiger und die Kostüme hässlicher geworden, aber er wollte unbedingt hin. Ich wünschte ihm also viel Spaß und wir verabschiedeten uns. Das Gespräch endete mit dem Satz „Finally, someone who’s read my Book.“

Was Tuvia Tenenbom am nächsten Tag in Magdeburg erlebte, kann er am Besten selbst erzählen:

„Ich versuchte, die Neonazidemo zu infiltrieren. Ich mischte mich unter die Neonazis. Die Kameras des Bayrischen Rundfunks und den Produzenten wusste ich hinter mir. Ich machte zunächst den „Heil Hitler“, aber sofort kamen ein paar Neonazis auf mich zu und versuchten, mich zu beschützen. Sie sagten mir, dass es besser sei, den Gruß nicht in der Öffentlichkeit zu machen. Die Polizei, derer viele, sahen zu, intervenierten aber nicht. Ich wiederum argumentierte mit meinen neuen Freunden, dass in einer Demokratie jeder machen könne, was ihm gefällt.

Im Verlauf des Gesprächs versuchten einige Nazis das Team des Bayrischen Rundfunks am Filmen zu hindern. Es folgte eine Auseinandersetzung. Plötzlich erkannte einer meiner neuen Freunde das kleinen Mikrofon an meinem Kragen, das ich für das Team des Bayrischen Rundfunks tragen musste und realisierte, dass das Team und ich Teil der selben Gruppe waren. Sie versuchten mich wegzustoßen, aber ich wehrte mich. Die Polizei sah zu. Dann aber rief einer der Nazis zur Polizei: „Er hat den Hitlergruß gemacht!“ Er wollte, dass die Polizei sich um mich kümmert. Die Polizei kümmerte sich. Sie nahm mich fest.

Von der Gruppe entfernt sagte ich der Polizei: „Kommt schon, ich bin jüdisch!“ Ihre Reaktion: „Sie sind also ein Linker, ein Agent Provokateur. Ihren Ausweis, bitte!“ Das Gespräch nahm seinen Lauf, während mein Ausweis einem Kollegen gereicht wurde, um mein Vorstrafenregister zu überprüfen. Schließlich wurde ich frei gelassen.“

Das war vor über zwei Wochen. In der Zwischenzeit war die Polizei von Sachsen-Anhalt nicht untätig. Sie hat Ermittlungen aufgenommen. Folgenden Brief hat Tuvia Tenenbom inzwischen erhalten:

„Sehr geehrter Herr Tenenbom,

im Polizeirevier Magdeburg wird unter der Tagebuch-Nummer: MD RKD SG5 1/827/2013 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachtes des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gemäß § 86a StGB (Strafgesetzbuch) gegen Ihre Person durchgeführt. Demnach stehen Sie im dringenden Tatverdacht, am Samstag, 12.01.2013 gegen 12:55 Uhr in der Landeshauptstadt Magdeburg, Schilfbreite, in einer Menschengruppe, die an dem angemeldeten, rechts orientierten Aufzug “Ehrenhaftes Gedenken…” teilnehmen wollte, den so genannten „Hitlergruß“ gezeigt zu haben!

Hiermit erhalten Sie die Gelegenheit, sich auf den beigefügten Formularen, siehe Dateianhang „Tevia_Tenenbom.PDF“ zum Sachverhalt zu äußern. Bitte beachten Sie, dass Sie keine Angaben zur Sache machen müssen, jedoch verpflichtet sind, die erforderlichen Angaben zu Ihrer Person zu machen!

Ich bitte Sie um eine Bestätigung des Eingangs dieser eMail und um eine zeitnahe Beantwortung der oben genannten Beschuldigtenanhörung.

Mit freundlichem Gruß
Im Auftrag
Tonak, KHK
PD Sachsen-Anhalt Nord
PRev. Magdeburg
RKD / SG 5 – Ermittlungen“

Bevor ich jetzt was zu dieser Farce sage, möchte ich erst einmal Tuvia Tenenbom zu Wort kommen lassen:

„So ist es nun mal: Club 88 und viele ähnliche Gruppierungen stehen groß und aufrecht für Jahre und Jahre und Jahre. Aber sagen Sie nicht, die Behörden in Deutschland täten nicht ihr Bestes im Kampf gegen Nazis. Sie tun es. Sie haben mich geschnappt.“

Das ist Deutschland. Nicht der Hass auf Juden, der meistens durch den Hitlergruß artikuliert wird, ist verboten, sondern der Gruß an sich. Wer einen anderen Weg findet, seinen Hass auf Juden zu artikulieren, muss in Deutschland nichts befürchten.

Ich muss bei dieser Farce an eine Entscheidung der Kölner Staatsanwaltschaft denken. Sie hat 2010 eine Karikatur, auf der ein Mann mit Davidstern auf der Brust abgebildet war, der ein Kind verspeiste, als nicht antisemitisch eingestuft, weil die Figur auf dem Bild keine Krummnase hatte und deshalb nicht eindeutig als Jude zu erkennen gewesen sei. „Einer solchen Bildsprache wird sich vorliegend nicht bedient.“

In Deutschland sind also Bilder, Symbole und Grüße verboten, nicht aber der Hass, für den diese Bilder, Symbole und Grüße meistens stehen. Die absurde Logik in Deutschland lautet also: Nicht der Hass auf Juden ist verboten sondern Hakenkreuze. Und wenn ein Jude glaubt, sich in Deutschland über Nazis lustig machen zu können, indem er den Hitlergruß macht, dann geht der Nazi eben zur Polizei und sorgt dafür, dass der Jude verschwindet.

Man muss somit nur ein neues Bild, ein neues Symbol, eine neue Sprache oder ein neues Umfeld finden und schon darf fröhlich weiter gehasst werden. Ein judenreines Deutschland geht gar nicht, aber ein judenreines Palästina, das ist was anderes. Wenn Horst Mahler sagt, Berlin beuge sich dem Willen Jerusalems, ist es ein Skandal, wenn Jakob Augstein das sagt, bloße Kritik. Die Ideologie der Nationalsozialisten wird verabscheut, aber wenn der selbe Hass von Nationalislamisten gepredigt wird, ist das Folklore.

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