Was geschwiegen werden muss

Ein Gedicht von Ganter Grüss.

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
nordkoreanische Volk zum Verhängnis werden könnte,
weil in dessen Machtbereich
eine Atombombe steht.

Doch warum untersage ich mir,
zu jenem Land ein Gedicht zu schreiben,
in dem seit Jahrenzehnten – vollkommen isoliert –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Uninteressant“ ist geläufig.

Warum also schweige ich bislang?

Ja, scheiße noch eins,
was fragst Du denn so blöd?
Weil keine Juden im Spiel sind!
Mir geht doch der Frieden
am Arsch vorbei!
Ich will Juden kritisieren
und zwar mit letzter Tinte.
Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden!
So sieht das nämlich aus.

Nordkorea, leck mich Arsch.
Syrien, geh mir weg.
Das Leid der Palästinenser ist mir schnuppe!
Ich spuck Israel in die Suppe!

Jawohl, ein Reim!
Ist ja ein Gedicht.

Und weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte,
sage ich es frei heraus.

Zugegeben: Wer will, dass ich ihn kritisiere, muss erst Jude werden!

Ich schweige weiter,
weil ich Deutscher und
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele dem Schweigen anschließen.

Nur so ist allen, den Nord- und Südkoreanern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.