Köln liebt Baustellen

Die Kölner lieben Baustellen. Sie hegen und pflegen sie.

Der Kölner Dom zum Beispiel war sechshundert Jahre eine Baustelle. Bevor er vollendet wurde, war ein Baukran, der auf einem der beiden unvollendeten Türme des Doms stand, das Wahrzeichen Kölns. Als der Kölner Dom im 19. Jahrhundert vollendet wurde, gab es Kölner, die sich für den Erhalt des Baukrans und gegen eine Vollendung aussprachen.

Die Mutter von Kaiser Nero war Kölnerin. Es ist nicht überraschend, dass Nero in Rom für eine der größten Baustellen der Antike gesorgt hat.

Die Kölner Liebe zu Baustellen ist so bekannt, dass man mittlerweile dazu übergegangen ist, Baustellen in den Stadtfarben Kölns zu markieren: Rot/weiß. Wenn irgendwo eine Baustelle entsteht, wird sofort rot-weißes Flatterband drumherum gezogen. Auch der 1. FC Köln führt rot und weiß als Vereinsfarben, denn wie Köln ist auch dieser Verein eine ständige Baustelle.

Kölner Baustellen sind nachhaltig. Sie sorgen für weitere Baustellen. Die Kölner Verkehrs-Betriebe zum Beispiel sorgen mit der neuen Linie 5 seit Jahren für neue Baustellen. In der Nacht des 29. September 2004 neigte sich der Turm der Kirche St. Johann Baptist, nachdem am Vortag ein Versorgungsschacht unter der Kirche vorgetrieben worden war. Im November 2004 wurden in der Kirche St. Maria im Kapitol Schäden an einem romanischen Rundbogen und der Gewölbedecke festgestellt. Der Rathausturm des Historischen Rathauses senkte sich im August 2007 um sieben Millimeter. Der Turmkeller, in dem Risse auftraten, wurde aus Sicherheitsgründen gesperrt. Im Sommer 2007 beschädigte ein Baggerfahrer am Kurt-Hackenberg-Platz eine 30 cm große Gasleitung. Im Umkreis von 1 km musste bis zur Behebung des Lecks der Strom abgeschaltet werden. Am 3. März 2009 brach für drei bis fünf Minuten Erdreich in die Baugrube des Gleiswechsels am Waidmarkt ein. In den entstehenden Krater stürzte um 13:58 Uhr das Historische Stadtarchiv. Im Januar 2013 wurde schließlich bekannt, dass es durch den U-Bahnbetrieb im neueröffneten Teilstück zu Vibrationen und Erschütterungen im Kölner Dom kommt. Es seien in der Kathedrale „Vibrationen und minimale Schallübertragung“ feststellbar.

Mit etwas Glück und Nachhilfe der Kölner Verkehrs-Betriebe bekommen die Kölner ihre sechshundertjährige Baustelle wieder zurück und der Kölner Dom stürzt ein.

Seit einigen Jahren gibt es auch vor dem Kölner Rathaus eine Baustelle. Dort, wo sich mehrere Jahrhunderte das Judenviertel befand, bevor es nachhaltig von Kölner Hand zerstört wurde, wird nun ein Museum gebaut. Endlich.

Das Museum wird die zweitausend Jahre alte Geschichte der Stadt präsentieren. Wichtigster Teil des Museums wird die Ausgrabungen des Jüdischen Viertels sein, das bis zur Vertreibung der Juden im Jahr 1424 im Herzen Kölns stand.

Es hatte lange gedauert, bis der Bau des Museums endlich beginnen konnte. Ein sogenanntes „Bürgerbegehren zur Erhaltung des Rathausplatzes der Stadt Köln“von vollkommen geschichtsvergessenen Kölnerinnen und Kölner hatte zuvor Jahre lang gegen das Museum agitiert. Ihre Hauptforderung las sich wie folgt:

„Der Rat der Stadt Köln hat beschlossen, über den Ausgrabungen auf dem Rathausplatz einen musealen Großbau zu errichten. Dieser wird mindestens 2/3 der bestehenden Fläche verschließen. Durch die geplante Bauhöhe von 15 Metern entsteht ein massives Gebäude. Der ursprüngliche Charakter des Rathausplatzes geht dadurch unwiederbringlich verloren. Der geplante Gebäudekomplex rückt unmittelbar an die Renaissancelaube heran, sodass “Ecke Unter Goldschmied / Portalsgasse” stehend, die Sicht auf das gesamte historische Rathaus verdeckt wird.“

Das Bürgerbegehren war eine einzige Fehlaussage, ruhend auf der falschen Annahme, der Ort der Ausgrabung sei der Rathausplatz! Das war der Platz jedoch nicht. Der Rathausplatz in Köln befindet sich seit der Existenz des Rathauses, das übrigens ins damalige jüdische Viertel gebaut wurde, direkt vor der Rathauslaube und dem Bürgerturm.

Mittelalterliche Urkunden belegen, dass das „domus in quam cives conveniunt“, also das Haus, in dem die Bürger zusammen kommen, im „domus inter judeos sita“ gelegen ist, also im Judenviertel. Der vermeintliche Rathausplatz war somit nie ein Platz, sondern einer der ersten Orte Kölns, die bebaut wurden. Erst der Zweite Weltkrieg machte daraus einen Platz und legte das Jüdische Viertel frei, aus dem die Juden im Jahr 1424 vertrieben worden waren.

Nicht wenige Kölnerinnen und Kölner, die in der Zeit des Nationalsozialismus vom Rassenwahn befallen waren, werden gestaunt haben, als sie durch die Aufdeckung der Bomben erkennen mussten, dass das Herz Kölns einst jüdisch war. Das Judentum ist nicht nur ein Teil der Geschichte Kölns, sondern ein elementarer Pfeiler der Stadt. Jüdisches Leben fand in Köln Jahrhunderte lang mitten im Quartier statt. Das Judentum ist die älteste noch immer praktizierte Kultur in Köln.

Im Juli 2008 sprach sich der damalige Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers Franz Sommerfeld gegen ein mögliches jüdisches Museum in Köln aus und stellte auf prominenter Seite seiner Zeitung fest:

„Jeder Versuch, städteplanerische Entscheidungen durch Hinweis auf die deutsche Schuld gegen Kritik zu immunisieren, spielt denen in die Hände, die die Vernichtung der Juden relativieren und auf antisemitische Reflexe spekulieren.“

Einige Jahr später feuerte der damalige Oberbürgermeister der Stadt Köln, Jürgen Roters (SPD), den Leiter des Projekts Archäologische Zone/Jüdisches Museum, Dr. Sven Schütte. Schütte war vielen Politkern in Köln schon lange ein Dorn im Auge. Bereits mehrfach hatte die Stadt versucht, Schütte loszuwerden, doch er klagte immer wieder erfolgreich vor dem Arbeitsgericht. Die Stadt musste ihn immer wieder als Archäologen beschäftigen. In einem Interview mit der israelischen Zeitung Haaretz sagte Schütte, es gäbe in Köln „latenten Antisemitismus“, wie er „in Deutschland immer noch üblich“ sei. Daraufhin erklärten führende Ratspolitiker: „Jetzt ist endgültig Schluss“, und: „Schütte muss weg, schon um nicht noch mehr Schaden anrichten zu können.“

Am Ende leitete Oberbürgermeister Roters sogar ein Disziplinarverfahren gegen Schütte ein. Wenn etwas in Köln groß geschrieben wird, dann Disziplin und die beste Disziplin der Kölner ist das Hegen und Pflegen von Baustellen.

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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