Köln findet die Antisemitismuskeule

Die Kölner lieben Baustellen. Sie hegen und pflegen sie. Der Kölner Dom war sechshundert Jahre eine Baustelle. Bevor er vollendet wurde, war ein Baukran das Wahrzeichen Kölns. Kaiser Neros Mutter war Kölnerin. Es ist nicht überraschend, dass er in Rom für eine der größten Baustellen der Antike gesorgt hat. Im ganzen Land ist man mittlerweile dazu übergegangen, Baustellen in den Stadtfarben Kölns zu markieren: Rot/weiß. Wenn irgendwo eine Baustelle entsteht, wird sofort rot-weißes Flatterband drumherum gezogen. Sogar der Erste Fußball-Club Köln 01/07 e. V. ist eine ständige Baustelle und führt natürlich die Vereinsfarben rot und weiß.

Das Schöne an Kölner Baustellen ist, dass sie für weitere Baustellen sorgen. Die KVB zum Beispiel sorgt mit der neuen Linie 5 seit Jahren für neue Baustellen. In der Nacht des 29. September 2004 neigte sich der Turm der Kirche St. Johann Baptist, nachdem am Vortag ein Versorgungsschacht unter der Kirche vorgetrieben worden war. Im November 2004 wurden in der Kirche St. Maria im Kapitol Schäden an einem romanischen Rundbogen und der Gewölbedecke festgestellt. Der Rathausturm des Historischen Rathauses senkte sich im August 2007 um sieben Millimeter. Der Turmkeller, in dem Risse auftraten, wurde aus Sicherheitsgründen gesperrt. Im Sommer 2007 beschädigte ein Baggerfahrer am Kurt-Hackenberg-Platz eine 30 cm große Gasleitung. Im Umkreis von 1 km musste bis zur Behebung des Lecks der Strom abgeschaltet werden. Am 3. März 2009 brach für drei bis fünf Minuten Erdreich in die Baugrube des Gleiswechsels am Waidmarkt ein. In den entstehenden Krater stürzte um 13:58 Uhr das Historische Stadtarchiv. Im Januar 2013 wurde schließlich bekannt, dass es durch den U-Bahnbetrieb im neueröffneten Teilstück zu Vibrationen und Erschütterungen im Kölner Dom kommt. Es seien in der Kathedrale „Vibrationen und minimale Schallübertragung“ feststellbar. Mit etwas Glück bekommen die Kölner somit ihre sechshundertjährige Baustelle wieder zurück und der Kölner Dom stürzt ein.

Seit einigen Jahren gibt es auch vor dem Kölner Rathaus eine Baustelle. Dort, wo sich mehrere Jahrhunderte das Judenviertel befand, bevor es nachhaltig von Kölner Hand zerstört wurde, befindet sich heute eine archäologische Zone, in der nach den Spuren jüdischen Lebens in Köln gegraben wird. Unter anderen wurde während der Grabung die älteste Mikwe nördlich der Alpen entdeckt. In Köln ist seit dem Jahr 321 jüdisches Leben dokumentiert und vor dem Rathaus befindet sich das historische Herz. Der Grabungsleiter, Sven Schütte, macht sich deshalb seit Jahren dafür stark, in die archäologische Zone vor dem Rathaus ein jüdisches Museum zu integrieren, da es kaum irgendwo sonst in Deutschland eine so lange jüdische Tradition gibt wie in Köln. Im Juli 2008 sprach sich allerdings der damalige Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers Franz Sommerfeld gegen ein mögliches jüdisches Museum in Köln aus und stellte auf prominenter Seite seiner Zeitung fest:

„Jeder Versuch, städteplanerische Entscheidungen durch Hinweis auf die deutsche Schuld gegen Kritik zu immunisieren, spielt denen in die Hände, die die Vernichtung der Juden relativieren und auf antisemitische Reflexe spekulieren.“

Warum nur sehen manche Menschen immer und überall Antisemitismuskeulen und ducken sich, wenn sie an Juden denken?

Am 11. Oktober 1998 wurde in Frankfurt am Main eine der bedeutendsten Funde in der Geschichte Deutschlands gemacht. Unter allgemeiner Begeisterung grub Dr. Martin Walser in der Paulskirche die Keule aus. „Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule.“ Seit dieser Entdeckung, die in ihrer Bedeutung der Entdeckung Trojas in nichts nachsteht, hat sie einen Siegeszug durch ganz Deutschland angetreten. Heute gibt es kaum noch eine Person in Deutschland, die sich vor ihr fürchtet. Bekannt wurde unter anderem der TAZ-Journalist Bodemann mit folgenden Worten: „Vor allem in Deutschland kann der Antisemitismusvorwurf tödlich sein, und so hüten sich viele Juden wie Nichtjuden davor, den Mund aufzumachen.“

Zehn Jahre nach der Ausgrabung der Antisemitismuskeule durch Dr. Martin Walser in der Paulskirche zu Frankfurt am Main kam die Keule also auch in der Chefredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers an und verbreitete dort Angst und Schrecken. Die Antisemitismuskeule hat gesiegt! Überall in Deutschland sitzen verzweifelte Menschen, die gerne etwas Kritisches sagen würden, aber aufgrund der über ihnen schwebenden Keule daran gehindert werden. Millionen mundtot gemachte Bürgerinnen und Bürger sitzen in den Exilen ihrer Deutschen Wohnzimmer und haben keine Möglichkeit, ihrer Meinung Gehör zu verschaffen. So jedenfalls fürchten es viele.

Kann es jedoch sein, dass Franz Sommerfeld und all die anderen Geängstigten weniger Furcht vor der Antisemitismuskeule haben als Sehnsucht? Ist es möglich, dass sich manche Leute in Köln in Wahrheit danach sehnen, einen Antisemitismusvorwurf zu bekommen, um sich dann publikumswirksam echauffieren zu können? Es sieht ganz so aus. Vor fünf Jahren duckte sich der damalige Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers vor der Keule. Heute rechtfertigt der Oberbürgermeister Kölns eine politische Entscheidung mit einer nicht geschwungen Keule.

Vor einigen Tagen feuerte Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) den Leiter des Projekts Archäologische Zone/Jüdisches Museum, Dr. Sven Schütte. Schütte war vielen Politkern in Köln schon immer ein Dorn im Auge. Bereits mehrfach hatte die Stadt versucht, Schütte loszuwerden, doch er klagte immer wieder erfolgreich vor dem Arbeitsgericht. Die Stadt musste ihn immer wieder als Archäologen beschäftigen. Jetzt aber scheint die Kölner Politik einen Weg gefunden zu haben, ihn loszuwerden: die Antisemitismuskeule.

In einem Interview mit der israelischen Zeitung Haaretz sagte Schütte, es gäbe in Köln „latenten Antisemitismus“, wie er „in Deutschland immer noch üblich“ sei. Daraufhin erklärten führende Ratspolitiker: „Jetzt ist endgültig Schluss“, und: „Schütte muss weg, schon um nicht noch mehr Schaden anrichten zu können.“ Oberbürgermeister Roters hat sogar ein Disziplinarverfahren gegen Schütte eingeleitet. Ein Disziplinarverfahren, weil er es gewagt hat zu behaupten, in Köln gäbe es latenten Antisemitismus. Dafür wurde er jetzt gefeuert.

Das ist die Kölner Politik: Überall werden Antisemitismuskeulen vermutet, aber der tatsächlich vorhandene Antisemitismus in der Stadt wird ignoriert!

Im Kölner Büro für internationale Angelegenheiten arbeitet ein Mann mit dem Namen Frieder Wolf. Ja, die Stadt Köln gönnt sich einen eigenen Außenminister. Den kölschen Außenminister besuchte einst Tuvia Tenenbom, da sich des Wolfes Frieder als Mann vorgestellt hatte, dessen Aufgabe unter anderem darin bestünde, Juden zu retten. „Ein Judenretter“, dachte sich Tenenbom und entschied: „Ich möchte sehen, wie das Büro eines städtisch angestellten Judenretters in Köln aussieht.“ Er ging ins Büro von Frieder Wolf und war überrascht über das Bild, dass er in dem Buro vorfand. Frieder Wolf zusammen mit Mahmud Abbas von der Fatah!

Am Tag der 47-Jahr-Feier der Fatah hielt Mufti Muhammad Hussein eine Predigt. Er wurde von Mahmud Abbas persönlich zum “geistigen Führer der palästinensischen Autonomie” ernannt und sprach: „Die Stunde der Auferstehung wird nicht kommen, solange wir die Juden nicht vernichtet haben. Die Juden werden sich hinter Steinen und Bäumen verstecken. Dann werden die Steine und Bäume zu uns rufen: ‚Oh Moslem, Diener Allahs, da versteckt sich ein Jude hinter mir, komm und töte ihn.‘“

Mit einem Vertreter dieser Bewegung lässt sich also der Außenminister von Köln stolz ablichten. Wird er wenigsten dafür gerügt? Nein! Sven Schütte aber spricht von einem latenten Antisemitismus in Köln und was geschieht? Der Oberbürgermeister feuert ihn und leitet ein Disziplinarverfahren ein!

So langsam habe ich das Gefühl, dass tatsächlich ein latent vorhandener Antisemitismus für die starke Ablehnung des jüdischen Museums verantwortlich ist. Viele Kölner möchten das einst zerstörte Judenviertel eben wieder unter der Erde begraben! Es scheint, als mögen viele Kölner Juden am liebsten, wenn sie unter der Erde liegen. Sie lieben es, Stolpersteine für tote Juden am Boden zu verlegen, damit sie sie dann blank polieren können. Aber ein jüdisches Museum, das sich über der Erde befindet und dann auch noch an dem Ort, wo Juden Jahrhunderte lang gelebt haben, das geht zu weit!

Köln kann einiges tolerieren einen kölschen Außenminister, der mit der Fatah liebäugelt und eine grüne Stadtdezernentin, die den Holocaust als „Ausrutscher“ verharmlost, aber einem Grabungsleiter, der es wagt, vom einem latenten Antisemitismus in Köln zu reden, der wird versetzt und mit einer Disziplinarverfahren überzogen.

Köln kann eben handeln, wenn es gegen den Ruf geht, aber noch besser kann Köln schweigen, wenn es gegen Juden geht.

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