Was hat Rösler gesagt?

Mitte August führte die taz ein Interview mit Vize-Kanzler Philipp Rösler. Gesprächsgegenstand waren dabei neben gängigen Wahlkampfthemen, die sechzig Prozent des Interviews ausmachten, auch Röslers Umgang mit rassistischen Vorurteilen.

Ende August schickte die taz ihre Druckversion des Interviews zur Autorisierung. In dieser Fassung jedoch waren die vierzig Prozent des Interviews, die sich mit Röslers Äußerlichkeiten beschäftigten, plötzlich zum fast ausschließlichen Thema des Interviews hochgejazzt worden. Die FDP-Pressestelle erklärte daraufhin, dass Rösler das Interview nicht freigibt. Daraufhin entschloss sich die taz, das Interview ohne die Antworten zu publizieren.

Der Vize-Kanzler Deutschlands ist bekannt dafür, dass er sein Äußeres ungern zum Thema machen lässt, schon gar nicht im Wahlkampf. Es versteht sich eigentlich von selbst und gehört zum Anstand, den Wunsch eines Menschen zu respektieren, nicht über Äußerlichkeiten zu sprechen, vor allem wenn er aufgrund seines Äußeren öfter Opfer rassistischer Übergriffe wurde. Wer diesen Wunsch nicht respektiert, und ihn dennoch immer wieder auf sein Äußeres anspricht und reduziert, ist ein Rassist! Die taz hat sich geweigert, dem Wunsch nachzukommen und hat Philipp Rösler in fast atemberaubender Unverschämtheit auf sein Äußeres reduziert.

Die taz hat von Philipp Rösler verlangt, sich zum Thema Rassismus zu äußern, weil er, ja warum eigentlich? Etwa weil Rassisten behaupten, er sei von „einer anderen Rasse“? Reicht das für die taz etwa schon aus? Was erwartet die taz eigentlich von unserem Vize-Kanzler? Soll er einen Migranten mimen, wie ihn sich die taz wünscht?

Tapfer im Nirgendwo präsentiert die Antworten, die Rösler zwar nicht gegeben hat, die ich aber gegeben hätte, wäre ich Vize-Kanzler von Deutschland:

***

Herr Rösler, wir möchten mit Ihnen über Hass sprechen.

Hass ist ein hartes Wort.

Ihr Pressesprecher will auch lieber, dass wir das Thema “Stil und Anstand im Wahlkampf” nennen.

Wäre mir auch lieber.

Herr Rösler, welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, dass andere Probleme mit Ihrem asiatischen Aussehen haben?

Wer hat Probleme mit meinem Äußeren?

Sie bekommen immer wieder Hassmails. Weil Sie FDP-Chef sind? Oder weil man Ihnen Ihre nichtdeutschen Wurzeln ansieht?

Welche nichtdeutsche Wurzeln?

Warum werden Sie gehasst?

Ich werde gehasst? Von wem?

In Niedersachsen, wo Sie herkommen, wurden Sie häufig als “der Chinese” bezeichnet. Ist das aus Ihrer Sicht Ausdruck von Hass oder Ressentiment?

Wer nennt mich „Chinese?“ Das spielt doch keine Rolle!

An Wahlkampfständen scheint das eine andere Rolle zu spielen. Dort bekommen FDP-Mitglieder zu hören: “Ich würde euch wählen, wenn Ihr nicht diesen Chinesen an Eurer Spitze hättet.”

Von wem bitte bekommen wir FDP-Mitglieder das zu hören? Und warum sollten ich mich mit diesen Rassisten groß befassen?

Traditionell wichtigstes FDP-Thema sind die Steuern. Dafür wird die Partei gewählt, aber auch gehasst. Können Sie das nachvollziehen?

Endlich, die erste Frage an mich als Politiker. Ich dachte schon, sie fangen gar nicht mehr damit an. Meine Haltung ist da recht klar. Wir leben in Zeiten, in denen Deutschland die höchsten Steuereinnahmen der Geschichte hat. In so einer Zeit ist es wohl eher am Staat, besser zu wirtschaften als am Bürger, mehr zu zahlen. Die Politik muss sich ändern, nicht die Bürgerinnen und Bürger.

Die FDP als Mövenpick-Partei, die steuerlich die Hoteliers-Klientel entlastet?

Zum Beispiel!

Warum glauben Sie Angela Merkel Ihre Beteuerung, erneut mit der FDP regieren zu wollen?

Weil Sie eine zuverlässige Partnerin ist.

Wie gut verstehen Sie sich mit der Kanzlerin?

Sehr gut. Sie ist eine gute Kanzlerin und wird es bleiben.

Mit einem Vizekanzler von der FDP, von den Grünen oder von der SPD?

Nicht von den Grünen und der SPD!

Sondern?

Von der FDP!

Herr Rösler, zurück zu Ihnen.

Wie, zurück zu mir? Waren die letzten Fragen nicht zu mir?

Wann haben Sie bewusst wahrgenommen, dass Sie anders aussehen als die meisten Kinder in Deutschland?

Zurück zu mir heißt also: zurück zu dem Mann, der nicht aussieht wie die meisten anderen Deutsche? Wie sehen eigentlich die meisten Deutschen Ihrer Meinung aus?

Sind Sie als Kind deswegen diskriminiert worden?

Ich würde es begrüßen, wenn mein Äußeres im Wahlkampf nicht zum Thema gemacht wird.

Würden Sie sich selbst als Migrant bezeichnen?

Nein!

Sie waren mit 33 Jahren zum ersten Mal in Vietnam, auf Initiative Ihrer Frau. Warum interessiert Sie persönlich das Land Ihrer leiblichen Eltern nicht?

Warum sollte ich? Ich bin kein Vietnamese. Deutschland ist meine Heimat. Wollen Sie etwa unterstellen, Vietnam sei meine wahre Heimat und nicht Deutschland?

Sie haben das Bild vom Bambus, der sich im Wind biegt, aber nicht bricht, in die politische Diskussion eingeführt. Was wollten Sie damit ausdrücken?

Dass es in der Politik manchmal klug ist, sich wie Bambus zu verhalten.

Als Politprofi dürfte Ihnen klar gewesen sein, dass ein solches Bild von einem asiatisch aussehenden Politiker auf diesen bezogen wird. Das soll keine Rolle spielen, sondern Zufall sein?

Mein Äußeres sollte keine Rolle spielen. Genau!

Rainer Brüderle hat dieses Sprachbild mehrfach aufgegriffen und gesagt: “Glaubwürdigkeit gewinnt man nicht, indem man wie Bambusrohr hin und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche. Deshalb ist die Eiche hier heimisch und nicht das Bambusrohr.” Warum sagt Ihr Fraktionschef so etwas?

Weil es manchmal in der Politik auch klug ist, wie eine Eiche zu sein.

Warum waren Sie dann bei der Einlassung von Peer Steinbrücks Pressesprecher Rolf Kleine nicht entspannt? Kleine hat sich mit einem Facebook-Eintrag über Sie lustig gemacht und sie mit einem nordvietnamesischen General in Verbindung gebracht. Daraufhin haben Sie in einem Interview gesagt: “Wer so handelt, muss für sich entscheiden, ob er noch Anstand hat und die richtigen Konsequenzen daraus zieht.”

Muss ich Ihnen echt erklären, was an diesem Vergleich geschmacklos ist? Sie sind aber schon von der taz, oder? Ich bin Vize-Kanzler Deutschland und empfinde den Vergleich mit einem General eines undemokratischen Regimes als recht unangemessen.

Man muss sich nicht sehr anstrengen, um bei Brüderles Aussage eine ganz ähnliche Konnotation herauszuhören. Dass Sie das eine – zumindest öffentlich – ganz entspannt sehen und das andere als latenten Rassismus kritisieren, lässt sich schwer nachvollziehen.

Sie müssen sich vielleicht nicht anstrengen, um bei Brüderle Rassismus rauszuhören. Ich muss mich dafür bei Ihnen nicht anstrengen. Ihr Interview ist mit der schlimmste Rassismus, den ich in letzter Zeit von Journalistinnen erlebt habe. Sind Sie wirklich von der taz?

Was meinen Sie, brauchen wir in Deutschland eine breitere Debatte über Rassismus?

Nach diesem Interview fürchte ich schon!

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.