Eine Anregung zur Erziehungsfrage

Eine Glosse von Hedwig Dohm aus dem Jahr 1900. Die kursiv geschriebenen Stellen tauchten erst 2014 Tapfer im Nirgendwo auf.

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Als Hauptargument gegen die Frauenbewegung wird wieder und wieder – in neuester Zeit sogar mit galliger Vehemenz oder hymnischer Begeisterung – die Mütterlichkeit des Weibes auf den Schild gehoben, und die Verkümmerung der Kinder malt man als Menetekel den Emanzipationsbeflissenen an die Wand.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zum Beispiel stellt fest, dass der Islam die Rolle der Frau als Mutter betone. Als Kind, so erklärt er, habe er seiner Mutter oft die Füße geküsst und verweist auf einen überlieferten Ausspruch des Propheten Mohammed, der gesagt haben soll: „Der Himmel liegt zu Füßen deiner Mutter.“ Erdogan fährt fort: „Meine Mutter zierte sich, aber ich sagte ihr immer: ‚Mutter, zieh deine Füße nicht weg, dort ist der Duft des Himmels.‘ Manchmal weinte sie, wenn ich das sagte“.

Ach, ist er nicht rührend. Habt Ihr Frauen denn gewusst, wie heilige Wesen Ihr seid? Und bläht Ihr Euch nun vor Stolz? Riecht Ihr unwillkürlich den Duft Eurer Füße, und schnüffelt danach, ich fürchte etwas maliziös, an den Füßen Eurer Mitschwestern?

Mit den sublimsten, innig poetischen Worten psalmiert Erdogan das hohe Lied von der Mutterherrlichkeit des Weibes. Und mit denselben literarisch wirkungsvollen Wiederholungen, wie er der Frau die Gleichberechtigung abspricht, ätzt er das einschmeichelnde Märchen von des Weibes Natur in das Gehirn der Zuhörer. Erdogan, der Herrenmensch, befiehlt: “Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen. Das ist gegen die Natur!”

Aber nicht nur aus den Reihen der Gegner der Frauenbewegung, auch von Seiten derjenigen, die, bis zu einem gewissen Grade wenigstens, Förderer der Bewegung sind, ertönen Warnungs- und Alarmrufe.

Neben der Mutterliebe und -Fürsorge ist es vornehmlich die erziehliche Tätigkeit der Mutter, die man durch die Unterminierarbeit der Frauenrechtlerinnen bedroht sieht. Die Erziehung der Kinder soll die eigentliche Tätigkeitssphäre der Frau sein.

Je älter ich werde, je mehr staune ich über die menschliche Virtuosität im Erträumen, Erdichten und freien Erfinden von Zuständen und Verhältnissen, die kaum irgendwo existieren, ich staune über die unverfrorene Dreistigkeit im Ableugnen und Hinwegsehen, Tatsachen gegenüber, die offen vor aller Welt liegen.

Dass die Mütter die geborenen und notwendigen Erzieherinnen ihrer Kinder sind, gehört zu den Erlogenheiten, die überall Kurs haben, und die man als Trumpf gegen die moderne Frauenbewegung ausspielt. Und doch bedarf es hier nicht einmal eines tieferen Nachdenkens – ein flüchtiges Hineinblicken in das positive Leben genügt, um zu erkennen, dass im Großen und Ganzen die Mütter die schlechtesten Erzieherinnen ihrer Kinder sind. Man frage nur die eine Mutter, was sie von der Erziehung der anderen Mutter hält, und man wird die härtesten und schroffsten Urteile hören.

Ja, nimmt man denn an, dass auch die vielen, vielen Frauen, die als Nichtmütter kaum den bescheidensten Ansprüchen an Moral und Klugheit genügen, als Mütter sich in Tugendspiegel und geistige Potenzen verwandeln? Dass sie, plötzlich von einem Drang zum Idealismus befallen, herrlich erzieherisch auf ihre Kinder wirken werden?

Ist es nicht wahrscheinlicher, dass Frauen als erziehende Mütter dieselben Eigenschaften an den Tag legen werden, die auch sonst im Leben an ihnen zu schätzen oder zu verwerfen sind? Eine oberflächliche törichte Frau wird ihre Kinder töricht erziehen, und es wäre in diesen Fällen ein Segen für die Kinder, wenn ihre Kraftentfaltung woanders als in der Kinderstube vor sich ginge.

Wo und wie soll denn auch die Frau – falls nicht die Kraft des Mutterinstinkts Wunder in ihr wirkt – die eminenten Fähigkeiten, die das Erziehungswerk erfordert, erwerben? Etwa in der höheren Töchterschule? Die Apologetinnen der Mütterlichkeit sperren sie ja schon von der Geburt des ersten Kindes an (das sie naturgemäß in jungen Jahren zur Welt bringt) in die Kinderstube, noch dazu mit der ungebildeten Kinderfrau zusammen.

Die meisten Mütter erziehen ganz willkürlich, regellos, in Anfällen, mit Plötzlichkeiten, je nach ihren Impulsen, ihrer subjektiven Stimmung. Zum Erziehungswerk aber gehören nicht nur die auserlesensten Geistes- und Gemütsqualitäten, es muss auch noch ein spezifisch pädagogisches Talent dazu kommen.

Warum hat Rousseau, der eins der epochemachendsten Bücher über Kindererziehung schrieb, seine fünf Kinder ins Findelhaus gegeben?

Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass er es tat, weil die Mutter der Kinder, Therese Lavasseur, nicht eine einzige der Eigenschaften hatte, die zur Erziehung taugen, und er die ungewisse Möglichkeit, die das Findelhaus bot, der gewissen Unmöglichkeit der mütterlichen Aufziehung vorzog.

Die Emanzipationsbestrebungen tragen kaum seit einem Jahrzehnt Früchte. So war ja wohl bisher dem Erziehungsdrang der Mutter keine Schranke gezogen. Und die Resultate?

Müsste nicht jede Mutter, die einen Sohn hat, schaudernd erbeben, wenn sie von der Wüstheit des Studentenlebens erfährt, von dem Sauf- und Raufreglement (noch viel Schlimmeres gar nicht zu nennen), dem die meisten dieser kaum flüggen Knaben verfallen?

Wo waren die mütterlichen Erzieherinnen, die eine Saat in die jungen Seelen streuten, der solches Unkraut nie hätte entsprießen dürfen?

Nein, die Mutterliebe wirkt auf dem Felde der Erziehung keine Wunder. Gerade sie ist es, die die Erziehung eher hemmend als fördernd beeinflusst, die der Mutter das klare, objektive Urteil über den Charakter ihrer Kinder raubt, das die Vorbedingung jedes fruchtbaren erziehlichen Wirkens sein muss.

Die fast absolute Unkenntnis der meisten Mütter, was den Charakter ihrer Kinder betrifft, ist angetan, Staunen und Mitleid zu erregen. Das Mitleid freilich ist unangebracht, denn wüssten die Mütter oft, wer und was ihre Kinder sind, es öffnete sich ihnen eine unversiegbare Quelle des Grams. Wer wagt es, einer Mutter die Wahrheit über ihre Kinder zu sagen (und wäre es auch nur die, dass ihre kleinen Genies kaum Dutzendgeschöpfchen sind)? Nur wer sich nicht scheut, Wunden zu reißen, aus denen Herzblut quillt. Und sie wären auch unnütz, diese grausamen Verletzungen. Zeichne selbst der klügsten Frau ein treffendes Charakterbild ihres Kindes – sie wird es für eine unverschämte, lieblose Karikatur halten; dieselbe Frau, die vielleicht, wo es sich um die schlimmen Eigenschaften fremder Kinder handelt, den denkbar schärfsten Blick hat. Diese Klugen wären möglicherweise befähigt, fremde Kinder zu erziehen, ihre eigenen – nicht.

Aber nicht nur durch Verblendungen der Liebe, auch durch Härte und Strenge sündigen Mütter oft genug an den Kindern. Wehe den Kindern, wenn ihre strengen, energischen Mütter nicht zugleich mit starker Intelligenz, mit Güte und feinstem Verständnis für die Kindespsyche begabt sind. Sind sie es nicht, so fällt ihre Prinzipienstrammheit vergällend und vergiftend auf die zarten Jugendblüten, macht die derber Gearteten dickfellig, die zarter Organisierten werden verschüchtert oder gebrochen. Solche hartnervigen Damen mit plumpen Händen und groben Seelen verwechseln Abrichtung mit Erziehung, und verraten nicht selten eine gefährliche Neigung zur Prügelpädagogik, die scheußlichste aller Erziehungsmethoden, die einen Stich ins Henkerhafte hat. Schon die Vorstellung davon müsste jeder Mutter Blut zum Zorn aufpeitschen, und ich begreife nicht, dass die Mütter, deren Kinder in den Schulen von Lehrern grausam gemisshandelt wurden, diesen Lehrern nicht an die Kehle springen und sie würgen, würgen bis sie – halbtot sind.

Kann man verhindern, dass die Mutter, die jedes pädagogischen Talents bar ist, erzieherisch auf die Kinder einwirke?

Nein – das kann man nicht. Ob sie will oder nicht will, ob sie dem Kinde schadet oder nützt, sie tut es in jeder Stunde ihres Lebens, in der sie mit den Kindern zusammen ist.

Es gibt eine Art der Erziehung, die von einer Kraft und Wirksamkeit ohnegleichen ist, die keine direkte Tätigkeit erfordert, kein pädagogisches Talent, keine Zeit, keine Mühe. Es ist das Beispiel der Eltern. Wer je über Erziehung ein Wort gesagt oder geschrieben, hat auf dieses stärkste aller Erziehungsmittel hingewiesen. Es liegt auf der Hand, es drängt sich dem Gedankenlosesten auf. Kinder sind oft geradezu die Affen der Eltern.

Und was ist daraus zu folgern? Das liegt auch auf der Hand: die Selbsterziehung der Mutter. An jedem Guten, das die Mutter in sich entwickelt, haben die Kinder teil, an jedem Bösen auch. Die Mutter ernährt gewissermaßen das Kind geistig mit sich selbst.

Oft wird für eine systematisch gute Erziehung gehalten, was einfach die Eigenart des Vaters oder der Mutter an den Kindern bewirkt hat. Ich weiß ein markantes Beispiel:

Die Kinder der Frau, von der ich sprechen will, erregen das Erstaunen aller Welt und den Neid der Mütter durch die Reife ihrer Intelligenz, die Selbständigkeit und Klarheit ihres Denkens. Man findet nicht Worte genug, um die ausgezeichnete mütterliche Erziehung, der man diese Resultate zuschreibt, zu rühmen. In Wahrheit aber lag nicht die geringste bewusste erzieherische Absicht der Mutter vor. Diese Mutter ist eine Frau von starker Intelligenz und schärfster Logik. Faseleien, leeres Geschwätz, selbst nur konventionelles Hinreden sind ihr nicht nur bei ihren Kindern, auch bei allen Personen ihres Umgangskreises unerträglich. Durch ihr schroffes Zurückweisen von Urteilen und Behauptungen, die nicht begründet werden, von Banalitäten, schüchtert sie die Selbstbewusstesten ein und zwingt sie zu denken, ehe sie reden, oder – zu schweigen. Und allein der Persönlichkeit, der Wesensart dieser Mutter, der ein bewusster Erziehungsplan fern lag, verdanken die Kinder ihre Intelligenzqualitäten, ihre frühzeitige Vernunft- und Denkentwicklung.

Wohl kann ich mir die Kindeserziehung als einen Daseinszweck des Weibes denken, als eine produktive Schöpfung ersten Ranges, eine Schöpfung, die aus dem Kindmaterial mit seinen Künstlerhänden ein bis in die subtilsten Details ausgeführtes Meisterwerk emporwachsen lässt. Die Pädagogin aber wird wie die Künstlerin geboren.

Ich kenne kaum eine Frau (aus der Geschichte höchstens die Mutter der Gracchen oder die der Makkabäer), die dieser hohen künstlerisch-ethischen Aufgabe gewachsen wäre oder die sie nur auf sich genommen hätte.

Wenn nun in der Regel nicht die Mütter, nicht die Väter, nicht die Lehrer (Lehrer sind nur ausnahmsweise Erzieher) die rechten Jugendbildner sind, wo finden wir sie?

Vorläufig kaum irgendwo, es sei denn, dass ein Glück wie aus der Götter Schoß (es heiße Vater, Mutter oder Lehrer) dem Kinde hold ist.

Im Schoß der Zukunft aber ruhen noch soviel Erleuchtungen, zu erhellen, was uns heut noch dunkel ist. Einen Schimmer dieses Lichts der Zukunft zu erspähen, bin ich nicht die erste. Ich sehe eine priesterliche Kaste von Erziehern erstehen, Erziehern, wie ähnlich der Griechenjüngling sie in Plato und Sokrates fand, wie sie vorläufig nicht existieren, aber in Zukunft existieren können und werden. Der Stand der Erzieher müsste der vornehmste der Nation sein, ein ehrfurchtheischender. Soll der Dichter mit dem König gehen, um wie viel mehr der Jugendbildner, denn ein Seelenschöpfer ist er, dem kein größter Dichter sich vergleichen darf.

Es schweben mir ideale Erziehungshäuser vor – es können auch Villen oder Paläste sein, säulengetragene meinetwegen, hohe, sonnige Räume mit großen Gärten, die Wände mit edlen Kunstwerken bedeckt, Fresken, die zugleich als Lehrmittel für die Geschichte dienen könnten.

Es brauchte nicht gerade eine Massenerziehung zu sein. Den subtilsten Gliederungen wäre freier Spielraum zu lassen.

Bei der Erziehung im elterlichen Hause sind die Kinder der Willkür Einzelner preisgegeben, sie mögen sein, wie sie wollen, bös oder gut, dumm oder klug, und wären sie auch gut und klug, sie könnten dennoch – selbst im Verein mit der Schule – der Vielseitigkeit einer idealeren Erziehungsweise nicht entsprechen, einer Erziehung, die im Kinde gleichzeitig Sinne und Seele für Schönheit und Natur, für Wissen und Adel der Gesinnung erschließen soll. In den meisten Fällen dürften schon zu karge Mittel Fürsorge und Erziehung im Elternhause nach allen Richtungen hin hemmen.

Wahrlich, die Zahl der Elternhäuser ist klein, von denen wir sagen möchten: hier ist das Milieu, wie es sein muss, um dem Kinde zu geben, was des Kindes ist, auf dass der Wahrspruch: „Das Beste ist gerade gut genug für die Kinder“ (eins der beliebtesten Zitate) sich erfülle.

In Erziehungsstätten würden die Kinder nach den höchsten Erkenntnissen, die die Zeit überhaupt zu bieten imstande ist, erzogen werden, immer unter der Voraussetzung, dass ihre Leiter auf der Menschheit Höhen wandeln, dass ihr Gemüt groß und rein, und liebevoll wie ihr Geist frei und hoch ist, dass sie echt Jünger Christi sind, der da sprach: „Lasset die Kindlein zu mir kommen.“

Gewiss kann nicht jeder einzelne Lehrer oder jede Lehrerin den höchsten Anforderungen entsprechen, aber der Geist des Ganzen wird jedes einzelne Glied durchdringen. Der Leiter oder die Leiterin wird dem Kapellmeister gleichen, der dem Orchester Ton und Rhythmus gibt.

Eine Utopie? Ja! aber Utopie ist alles, was jenseits eines Berges von Schwierigkeiten liegt. Die größten Hindernisse aber werden genommen, Berge werden abgetragen von dem unaufhaltsam fortschreitenden, allgewaltigen Stürmer „Zeit“.

Als ich mit einer Mutter von dieser Erziehungsweise reden wollte, unterbrach sie mich: „Ich habe meine Kinder geschaffen, und ich will auch meine Freude an ihnen haben“, eine Meinungsäußerung, die wohl so ziemlich allen Müttern aus der Seele gesprochen ist.

Darauf wäre der Mutter zu erwidern: Erstens: An deinem Schaffen und Gebären der Kinder kommt dir kein Verdienst zu. Du folgtest damit nur dem Naturtrieb der Fortpflanzung, ob feinere oder gröbere Erotik ihm zugrunde lag.

Zweitens: Ein Teil der Mutterfreuden besteht darin, dass die Kinder Tätigkeitsobjekte für die Mutter sind. Unser Herz wächst allmählich in unsere Tätigkeit hinein. Wenn ich als Malerin meine Kräfte der Aufgabe widmete, Kinder zu malen, anstatt sie zu gebären, würde ich auch die gemalten Kinder zärtlich im Gemüte hegen. Ich kenne Frauen, die Kinder adoptiert haben, ihre Freude an dem fremden Kinde gab der Freude, die eine Mutter an dem eigenen hat, nichts nach.

Das krasseste Beispiel eines leidenschaftlichen Genießens der eigenen produktiven Arbeit liefert jener Goldschmied, der die Käufer seiner Schmucksachen ermordete, weil er sich von seinen Schöpfungen nicht trennen vermochte.

Drittens: Müsste die Mutterfreude nicht wachsen im Verhältnis zum intellektuellen und seelischen Wachstum des Kindes?

Ist die Freude am Kinde nur auf die räumliche nächste Nähe beschränkt? Und lebt sie nur von der Vorstellung: Das ist dein Fleisch und Blut?

Preist man nicht in allen Zungen die Opferfreudigkeit der Mutter, ihre Bereitwilligkeit, selbst für ihre Kinder in den Tod zu gehen!

Wie? und diese Opferfreudigkeit versagt bei dem Kernpunkt, da, wo es sich darum handelt, der Entwicklung des Kindes einen grenzenlosen Spielraum zu gewähren? Sie versagt, weil die Mutter eine Beeinträchtigung ihres Genusses an dem Kinde fürchtet?

Steht das Recht der Kinder an der denkbar vornehmsten Kultur höher, oder der Genuss der Mutter an ihrem Kinde!? Antworte – Mutter!!

Viertens. Die Beeinträchtigung der Mutterfreuden durch die Erziehungsanstalt ist möglich, sicher und unvermeidlich ist sie nicht. Es kann keine Rede davon sein, dass durch die Erziehungsstätten die Eltern außer Verkehr mit ihren Kindern gesetzt werden. In welcher Art dieser Verkehr zu regeln wäre, wer wollte das heute sagen! Ich meine aber, wo ein natürliches, gerechtes und starkes Bedürfnis vorliegt, werden sich Organisationen schaffen lassen, die diesem Bedürfnis entgegenkommen. Müssen nicht auch jetzt schon Eltern, die auf dem Lande oder in kleinen Städten leben, ihre Knaben vom zehnten oder elften Jahr an in größere Städte auf ein Gymnasium und in Pensionen schicken? Wurden die Familienbande dadurch gestört oder auch nur gelockert? Im Gegenteil, die Ferienbesuche, die Briefe, die man schreibt und empfängt, das Abschicken der kleinen Kisten mit Naschwerk und anderem hübschen Kram, der Wechsel von Trennung und Wiedersehen – das alles knüpft die Familienbande nur umso fester und inniger. In England ist es selbstverständlich, dass ein Knabe schon vom siebten Jahr an einem Institut übergeben wird.

Ein winziger Anfang für die ideale Erziehungsart, die ich im Sinne habe, wird gegenwärtig in einer Anstalt in Ilsenburg, nach dem Muster der englischen Erziehungsanstalt Emlostobea, gemacht. Sie besteht seit kaum drei Jahren. Ob sie den Intentionen des edlen Stifters entsprechen wird, ist abzuwarten. Immerhin stehen einem Privatunternehmen nicht annähernd die Mittel zur Verfügung, um Kinderstätten in dem großen Stil, der allein ihnen ziemt, ins Leben zu rufen.

Woher aber alle diese priesterlichen Erzieher, diese Weisen (sieben hatte ja nur das Morgenland) nehmen?

Man hat die Buchdruckerkunst erfunden, weil die Menschheit sie brauchte, man wird in Zukunft die Erzieher haben, weil sie das Recht der Kinder sind. Jugenderziehung ist Menschheitserziehung. Der Jugendbildner hält die Zukunft in der gesegneten Hand.

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