EUROPA und ISRAEL

Ein episches Thema, facettenreich und ohne Lernkurve. Epische Splitter zur Überlegung von Naftali Neugebauer.

Warum will die EU die Teilung Jerusalems und die Zerschlagung Israels? Es ist Ökonomie! Aber dies bedarf einer gewissen Vorrede, denn es geht neben Ökonomie auch um ein kompliziertes Verhältnis, wo der eine Täter, der andere Opfer ist. Klingt simpel, ist es aber nicht.

Kein einziges Mal hatte Israel in seiner Geschichte versucht, Europa zu erobern, zu unterwerfen oder gar zu vernichten, weder im Wollen noch in Wort oder Tat, im Gegensatz zum Islam, wie man ihn beispielhaft – und in durchaus unterschiedlichen Qualitäten – durch al-Andalus, das Osmanische Reich oder aktuell den Islamischen Staat (IS), Iran oder Saudi-Arabien als repräsentiert erachten kann. Diese Reiche und ihre Praxis als nicht-islamisch zu definieren, wäre ebenso ein Unsinn, als wolle man beispielsweise das Heilige Römische Reich als nicht-christlich oder die DDR als nicht-kommunistisch ausgeben wollen.
Aber das sind wissenschaftlich-terminologische Fragestellungen, die ich hier nicht ausargumentieren, sondern nur das Resultat präsentieren möchte: Ja, man kann abstrahiert von dem Islam sprechen, ebenso wie man es vom Judentum, Christentum oder Kommunismus kann. Den Islam davon auszunehmen, wäre eine Bankrotterklärung der kritischen Wissenschaft und darf sich nicht durch den Kampfbegriff „Islamophobie“ iranischer Ajatollahs einschüchtern lassen. Dieser Begriff ist gegen Aufklärung und wissenschaftlichen Diskurs gerichtet, der jede kritische Auseinandersetzung mit dem Islam denunziert. Ein Begriff, nebst bemerkt, der in sich unsinnig ist.

Doch zurück zur Tatsache, dass das Judentum nie versuchte oder dachte, Europa oder irgendein anderes Reich erobern zu wollen. Warum? Schlicht und ergreifend, es gab keine kulturelle wie religiöse Grundlage für irgendeinen jüdischen Expansions- und Eroberungswillen! Man war ja bereits im von G’tt gegebenen gelobten Land mit Jerusalem als Sitz G’ttes und Hauptstadt Israels. Man musste nicht mehr irgendwohin. Die Grenzen sind genau definiert. Es gibt keine Legitimation in der Tora zur Expansion. Man war da, angekommen im Zuhause, in Eretz Israel und dazu kommt, dass dem Judentum die Idee der Mission fremd ist.

Umgekehrt hat das Judentum so etwas wie europäische Geistesgeschichte erst möglich gemacht. Das Judentum hat die Idee der Freiheit, des Rechts und einiges mehr nach Europa gebracht. Kein einziger zivilisatorischer Fortschritt hat in Europa ohne Juden stattgefunden. Er wurde maßgeblich mitgestaltet, wenn nicht gar initiiert. Dieses Gestalten gilt umso mehr, wenn man das Christentum als eine Religion, die sich aus dem Judentum heraus entwickelt hat, begreift.

Im Gegensatz dazu hat der Islam – politisch repräsentiert durch seine verschiedenen Reiche – bis heute kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um Europa zu erobern, zu unterwerfen oder vernichten zu wollen. Ja mehr noch, er hat sich gemein gemacht mit dem Nationalsozialismus, wie die Allianz zwischen Hitler und dem Großmufti von Jerusalem belegt. Ihr gemeinsames „Ziel“: Die Vernichtung des Judentums. Aber auch dies muss hier nicht weiter vertieft werden.

Also zurück: Warum hasst Europa und die islamische Welt die Juden? Warum ist das so? Flavius Josephus und Götz Aly, es liegen rund 2000 Jahre zwischen ihnen, haben sich, wie so viele andere auch, diese Frage gestellt: „Woher kommt der Hass auf (uns) Juden?“ Beide kamen zu derselben Antwort: Es ist der Neid auf den Erfolg und auf das Glück der Juden! Dies mag der eine Teil der Erklärung sein. Andere meinen, es gäbe gar keine Erklärung, es sei tief irrational. Man kann daher „Antisemitismus“, nennen wir ihn präziser Judenhass, nicht restlos erklären. Meiner Ansicht nach widersprechen sich beide Positionen nicht, aber das ist ebenfalls ein anderes Thema.

Der andere ergänzende Teil der Erklärung ist, dass weder Europa noch später die islamische Welt sich selbst, sprich autochthon, die Frage über die Grundlage der Souveränität gestellt haben: die Freiheit. Der Bürger kam sehr spät als souveränes Subjekt in die Geschichte Europas (Französische Revolution) und kaum fand er sich in einigen Regionen Europas, da wurde er auch schon durch den Nationalismus, Kriege und Auswanderung hinweggespült. Den Rest besorgten Hungersnöte, Epidemien und Phasen kollektiven Wahnsinns, wie z.B. die sogenannten Hexenverbrennungen und Pogrome.

Zu diesem Zeitpunkt stand der Jude schon seit rund 3.000 Jahren seinem als höchsten Herrscher und König verstandenen G’tt auf Augenhöhe gegenüber, mit dem er kämpfte, stritt und feilschte, ja sich freiwillig entschied, die Tora anzunehmen und sein Knecht zu sein. Die große Aufgabe: Gottes Werk zu vollenden. Und in der islamischen Welt wartet man noch immer, bis der Bürger und die Idee der Freiheit ihre geschichtliche Bühne finden und betreten.

Die Pflanze der Freiheit konnte in Europa kaum Wurzeln fassen, weshalb sie schwach blieb und auch rasch durch das Christentum verbogen worden ist. Juden waren und sind eine permanente Erinnerung an das eigene Scheitern an den großen Idealen, die Europa so gerne bei Sonntagsreden und anderen festlichen Anlässen vor sich herträgt, wie eben Freiheit und Rechtsstaat, so wie Juden ein massives theologisches Problem sowohl für den Islam als auch für das Christentum bis in die Moderne hinein darstell(t)en, denn es dürfte für den vor-modernen Islam und das vor-moderne Christentum den Juden gar nicht geben. Seine schiere Existenz ist Beweis für das Scheitern der jeweiligen Theologie. Wobei weder im Falle Europas noch in der Theologie Juden je dazu befragt worden sind, doch das ist ein anderes Kapitel. Ähnlich verhielt es sich mit der Modernen, wie man bei Marx und anderen gut studieren kann. Das Judentum zeigt auch da sich widerspenstig.

So kommt zum Neid die Wut und der Zorn des Abgewiesenen hinzu sowohl in Europa als auch im Islam. Neid alleine wäre nicht so schlimm, er kann sich positiv wenden, indem man vielleicht den Wunsch entwickelt, nachzuahmen und sich nachholend zu entwickeln. Kommen aber zum Neid die Wut und der Zorn hinzu, dann ist der Weg in doppelte Standards, Pogrome und Schlimmeres geebnet und der Weg hin zur Freiheit verstellt. Denn Wut und Zorn erschweren Selbsterkenntnis. Und bekanntlich ist es so, dass der zornige Mensch am Ende des Tages sich selber am meisten schadet.

Diese beiden Ausgangspositionen – Neid und Wut – führen zu einer Haltung gegenüber Juden und heute Israel, die man als Heuchelei und Inkonsistenz bezeichnen muss. Wann immer Europa versucht, eine Antwort auf die schon wahnhaft formulierte „jüdische Frage“ zu finden, misst es mit zweierlei Maß, ohne dies zu verstehen und damit zu erkennen. Wer die falsche Frage stellt, bekommt immer eine falsche Antwort. Juden und heute Israel sind der blinde Fleck Europas, worüber Europa nicht richten kann und auch nicht darf. Europa von Alexander dem Großen über das Römische Reich wie die islamischen Reiche haben versucht, das Judentum zu vernichten, bestenfalls in einer untergeordneten Rolle durfte es Phasen der Nicht-Verfolgung, der leidlichen Tolerierung erleben.

Das ist die Tragik Europas und der arabischen Welt, die mehr gemeinsam haben, als ihnen vielleicht lieb ist: Sie haben beide Angst vor der Freiheit, der Selbstbestimmung und Souveränität und hassen daher jenen Teil der Juden, die diese Ideen für sie erfolgreich repräsentieren, ohne freilich dies differenziert sehen zu können: Es ist immer imaginiert „der Jude“. Denn eines wird heute immer klarer und sollte Entscheidungsträgern zu denken geben: Keines der Reiche, die versucht haben, das Judentum auszulöschen, hat überlebt. Vom Alten Ägypten bis hin zum sogenannten „Dritten Reich“. Das Judentum schon.

Der Vernichtungsgedanke war früher kein Problem, er konnte ungeniert vorgetragen werden. Aber heute ist es ein Problem. Ein simpel vorgetragener Vernichtungswunsch würde das heutige Europa de-legitimieren, weil es sich als ein demokratisches Europa verstehen möchte. Es taumelt so zunehmend und bringt es in unhaltbare Positionen, denn der Wunsch nach Vernichtung lebt: Israel baut Häuser für seine Bürger in einem Land, welches völkerrechtlich, historisch und moralisch jüdisch ist und Teil von Israel – Jerusalem, Samaria und Judäa – darstellt, was Europa dazu treibt, Israel zu verurteilen, Botschafter einzubestellen und ein erfundenes „Palästina“ als Staat anzuerkennen. Europas Politik ist nach wie vor ein Echo der Haltung vom Römischen Reich gegenüber Jerusalem. Auf der anderen Seite feuert die islamische Terrororganisation Hamas täglich Raketen auf Israel und die PA lässt keinen Tag verstreichen, ohne nicht Hassparolen und Terror zu verbreiten. Hamas und PA sind nicht umsonst in einer Einheitsregierung; sie sind eine Einheit. Sie wollen beide die Vernichtung des Staates Israel und sind gegen Demokratie und Menschenrechte. Der Anschlag auf die betenden Juden in der Synagoge in Jerusalem im November 2014 hat es bewiesen: Vier Rabbinen wurden ermordet und zehn Menschen schwer verletzt.

Dazu schwieg Europa, ja es finanziert weiterhin diesen Terror im erheblichen Ausmaße mit und fordert sogar jüngst wieder die Teilung der jüdischen Hauptstadt Jerusalem. Es gab im November 2014 keine Einbestellung der palästinensischen Vertreter durch die europäischen Staatskanzleien und mehr noch, man versuchte mit der Terrororganisation Hamas eine Basis zu finden, um gegen Israel vorgehen zu können.

Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, aber auch die behaupteten europäischen Werte, die da Freiheit, Frieden und Rechtsstaat sein sollen, werden verraten. Dies waren nie wirklich europäische Werte, leider. Die Firniss der Zivilisation ist dünn und zerbrechlich. Es gab wohl Zentren, wo diese Ideen kurz herrschten, aber nicht flächendeckend. Europa muss sich diese Werte noch weiter erringen und nachhaltig erkämpfen und vertiefen. Sie stehen heute wieder auf dem historischen Prüfstand. Demokratie ist in Europa stets reversibel, Freiheit ist kein unumkehrbares Prinzip in Europa. Die Firniss ist dünn, wie die Schoa bewiesen hat.

Eine Lektion mag man spekulativ ziehen: Jedes Mal, wenn sich Europa gegen Freiheit und Juden gewandt hat, war es zum Nachteil Europas, hat zu Untergang, Gewalt und Elend geführt. Vielleicht lernt ja Europa diesmal und begeht nicht denselben Fehler wie seit Jahrtausenden immer wieder, nämlich zu glauben, die Idee der Freiheit missachten und zerstören zu können. Moses Mendelssohn, der große jüdische Philosoph, hat richtig geschrieben: „Despotismus jeder Art reizt zur Widersetzlichkeit.”

Die ökonomische Frage

Nach dieser umständlichen Vorrede und Einleitung, was ist heute anders? Noch immer nur Neid und Wut? Nein! Heute kommt eine neue Qualität hinzu, die es in der komplizierten Geschichte europäischer (antiker) Mächte zu Israel und später Juden nicht gab. Heute kommt noch Angst hinzu. Heute ist Israel ein potentieller Konkurrent in der Wirtschaft und Wissensproduktion, der seinen Wettbewerbsvorteil auch behaupten kann. Im Feld Wissensproduktion und Innovation ist Europa bereits hoffnungslos zur jüdischen Kultur abgeschlagen, wie die Zahl der Innovationen, Start-ups und Nobelpreise als eine mögliche Messlatte beweisen.

Dies drückt sich in harten Zahlen der Wirtschaft aus. Im zentralen Segment der Wirtschaft – Venture Capital (VC) – konnte Israel 2012 rund € 1,7 Mrd. VC an Land ziehen, die EU hingegen, so muss man sagen, „nur“ € 2 Mrd. Die Wachstumsrate für VC ist in Israel 2012 rund 17% und in Europa gerade mal 5%. Hier hat Israel schon fast in absoluten Zahlen ausgedrückt deutlich die Nase vorn, obwohl beide Hände am Rücken gebunden sind, dank einer Politik der Obstruktion durch die EU, denn es gilt, einen Konkurrenten um das stets knappe und umkämpfte Gut „Geld“ auszuschalten.

Aber nicht nur jetzt und hier liegt ein Problem für die EU, sondern auch in Frage der Zukunft und dem Potential als Wirtschaftsraum. Netanjahu hat in einer Grundsatzrede 2014 vor dem AIPAC ein Angebot an die arabische Welt gestellt, das in Kurzform lautet: Wenn ihr Demokratien werdet, dann machen wir einen gemeinsamen Wirtschaftsraum. Eine Botschaft, die Panik nicht nur bei den islamistischen Diktatoren, sondern auch in Teilen der Entscheiderkreise der EU und der USA hat auslösen lassen.

Ein wirtschaftlich vereinter Naher Osten! Denkbar nur mit der Übergangsphase der Spaltung arabischer Staaten in demokratische und islamistische Staaten; so wie einst Europa in demokratische und kommunistische Staaten gespalten war. Für lupenreine arabische Demokratien gibt es einen Marshallplan de-luxe und für die anderen: „No Deal, No Appeasement“. Ich denke, der Islamismus erledigt sich dann rasch. Menschen wollen Frieden, Wohlstand und Demokratie und keine Armut, keine Scharia und islamischen Diktaturen, wenn sie denn wählen könnten. Die Innovationskraft Israels und das arabische Kapital und ein Markt von ca. 400 Millionen Menschen können einen prosperierenden Markt unter dem Vorzeichen Demokratie schaffen. Diese Vision ist für eine EU, wie sie jetzt aufgestellt ist, eine Bedrohung. Die EU handelt im Reflex: Israel und weitere demokratische Staaten (Kurden) und damit Frieden im Nahen Osten zu verhindern. Die EU hat bei einem Frieden im Nahen Osten kurzfristig am meisten zu verlieren. Aber langfristig am meisten zu gewinnen. Es ist so von den USA völlig rational, den Frieden zu obstruieren. It’s the economy, stupid! Es hat nichts mit Verschwörung, sondern alles mit Wirtschaft zu tun. Aber man kann eine win-win Situation herstellen, wenn die EU ihren Neid, Wut und Angst überwindet und rationale Politik beginnt zu betreiben.

Aber noch setzt man alles dran, dass der Judenhass bleibt, der Frieden wird durch die USA und EU hintertrieben und an-sich unhaltbare Diktaturen mit ihren unhaltbaren Forderungen (Vernichtung des Staates Israel und aller Juden) an der Macht gehalten und appeast so weit es eben geht, denn es sollen ganz sicher keine weiteren Demokratien im Nahen Osten (Kurden) entstehen, so der Eindruck, den man aus den Politiken der EU schließen muss. Europa zahlt lieber jeden Preis, als einen Mitbewerber vor der Haustür zu haben. Die arabisch-islamische Welt, ihre Bürger hätten es so in der Hand: Wohlstand und Demokratie oder Hass und Krieg zu dem Preis ihrer anhaltenden Verelendung fortzusetzen. In jedem Fall ist der arabische Bürger für den Zustand mitverantwortlich.

Ein rasender, tobender Islamismus vernichtet mit jedem Tag mehr und mehr die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Man kann dies sehr gut aktuell studieren anhand des IS und dem zaghaften, ja sanften Agieren der NATO gegenüber dem IS auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Verhinderung eines demokratischen Kurdistans durch die NATO, die EU und USA. Die EU hat ein strategisches Ziel: Israel, demokratische Staaten und damit einen Frieden im Nahen Osten zu verhindern, denn die EU hätte bei einem Frieden im Nahen Osten am meisten zu verlieren. It’s the economy, stupid!

Doch vielleicht kann Europa seinen Neid, seine Wut und seine Angst überwinden und Teil dieser demokratischen Perspektive werden. Die EU agiert irrational. Sie hält islamische Diktaturen an der Macht und will mit Palästina eine weitere schaffen. Die EU hat es mit in der Hand, eine neue Wachstumsphase möglich zu machen. Auch zu ihrem eigenen Wohl. Eine Art Marshallplan (ERP) für die Demokratien im Nahen Osten ist gefordert. Aber nur für Demokratien. Das geht freilich nicht mit Judenhass, der Jerusalem teilen und Israel vernichten will. Und das geht nicht ohne eine Demokratisierung der EU.

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