Selber Schuld, Charlie!

Auf WDR5 fand nicht mal vierundzwanzig Stunden nach dem mörderischen Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo ein Tagesgespräch statt, bei dem erklärt wurde, warum wir „uns nicht wundern dürfen“, dass in Paris gemordet wurde, weil wir nämlich irgendwie selber Schuld seien am Hass und einfach mal gewisse Dinge nicht mehr kritisieren sollten. Am Ende verstieg sich die Sendung darin, dass Israel an allem Schuld sei. Abgesegnet wurde das alles vom ruhigen Ton des Selbsthasses, sonor geschnurrt vom eingeladenen Experten Hajo Funke.

Hier ein paar Höhepunkte der Sendung:

Der erste Anrufer erklärte: „Wir sollten mit der Meinungsfreiheit bewusst umgehen und sie nicht überstrapazieren“, denn auch Worte könnten töten. Hajo Funke erklärte daraufhin: „Ich stimme dem Herrn ausdrücklich zu. Das ist ein sehr differenzierter Beitrag, mit dem Sie die Sendung begonnen haben!“

Keine vierundzwanzig Stunden nach dem Mord an mehrere Karikaturisten, die abgeschlachtet wurden, weil sie Bilder gemalt und Witze gemacht hatten, stimmte ein Experte des WDR dem „differenzierten Beitrag“ zu, man solle die Meinungsfreiheit „nicht überstrapazieren“.

Der Höhepunkt des zweiten Anrufers war dieser Ausspruch: „Wir müssen uns alle ändern. Wir müssen Minderheiten schützen, und zwar alle Minderheiten. Wir müssen zum Beispiel den Pädophilen helfen, diesen 800.000 Menschen, die eigentlich nichts dafür können.“

Keine Ahnung, was das sollte, aber am Ende sagte er noch: „Wir müssen die Befindlichkeiten der Muslime bedenken“, und war sich daher nicht sicher, ob Mohammad gezeichnet werden dürfe.

Mit Befindlichkeiten konnte der Experte sofort was anfangen. Er erklärte Islamisten zu einer verzweifelten „lost generation“, die im Dschihad eine Perspektive fänden. Schuld war für ihn zunächst nicht der Islamist, sondern die Gesellschaft und das „koloniale Erbe“.

„In diesen vielen Schritten bis zur Tat, zur brutalen Tat, hätte es womöglich Interventionschancen gegeben.“

Die Möglichkeit des Vorhandenseins von Vernunft und Menschlichkeit im Geiste des Täters scheint für den Experten ausgeschlossen. Im Grunde ist dies eine tiefe rassistische Sicht auf den Islam. Muslime werden zu traumatisierten und schuldunfähigen Unzurechnungsfähigen erklärt, für die geringere Maßstäbe gelten sollen als für vollwertig vernünftige Menschen.

Kennen Sie diesen Satz?

„Ich bin kein Nazi, aber …“

Einen ähnlichen Satz haute die nächste Anruferin raus:

„Ich finde die Gewalttaten furchtbar und lehne sie ab, aber ich versuche auch immer, die Menschen zu verstehen.“

Sie verstand.

Wir sind selber schuld! Wir lassen es zu, dass manche Menschen keine Arbeit finden. Das grenzt sie aus und gibt ihnen Zeit, über „dumme Dinge nachzudenken!“

„Dumme Dinge“!

Ja, das waren echt dumme Lausbubenstreiche, die da am 7. Januar 2015 in Paris begangen wurden.

Der nächste Anrufer forderte, man solle den Islam mit den Werten der Aufklärung kompatibel machen, so wie einst das Christentum mit der Aufklärung kompatibel gemacht worden sei. Der Experte behauptete, der Islam in Deutschland sei bereits kompatibel mit der Aufklärung. Daraufhin warfen sich Experte und Anrufer gegenseitig „Blauäugigkeit“ vor und die Moderatorin sagte: „Gut!“

Schon beim nächsten Anrufer kamen die Aber-Geister wieder. Auch er verurteilte „auf das Schärfste“ den Anschlag, aber „wir wissen seit Jahren, dass die islamische Kultur sehr empfindlich auf Karikaturen dieser Art reagiert. Ich denke mir, können wir in der sogenannten westlichen Welt nicht etwas großzügiger sein oder von mir aus auch klüger sein und nicht ständig Öl ins Feuer gießen?“

Charlie Hebdo hat einfach zu viel Ölfarbe ins Feuer gegossen! Dem Experten gefiel diese Frage. Er sprach von einer „Kette der Demütigungen“, die die Täter erlebt hätten und gestand:

„Ich teile den Impuls, den er eben formuliert hat. Ich mache so etwas nicht! Und zwar im Wissen um die diplomatischen Notwendigkeiten in einer Welt der islamischen Eskala…, äh, nicht islamischen“ (da hätte er sich doch fast verplappert) „Eskalation in Ländern des Nahen und Mittleren Ostens.“

Schöner wurde „Selber Schuld“ selten formuliert! Hajo Funke kann aber auch grob:

„Die Präsentation Frankreichs als besetzt und unterworfen dem Islam, das ist sozusagen, wenn es nicht satirisch gemeint ist, Islamophobie. Und deswegen kann es sein, dass die, wie soll ich sagen, also wenn, die gleiche Zeitung genauso sich selbst aufs Korn genommen hätte, mit ihrer Überzeichnung, der satirischen Überzeichnung, dann wäre da ein anderer Schuh draus geworden.“

So aber wurde ein Mord an zwölf Menschen draus. Schuhe halt!

Tiefer geht es nicht mehr, sollte man denken, aber man darf nie die Zuhörer vom WDR unterschätzen. Die letzte Anruferin machte alles klar:

„Ich würde die Sache ganz gerne noch mal ein wenig von der Frage Ursache und Wirkung betrachten und auch die Frage beleuchten, was können wir eigentlich als westliche Demokratie versuchen, dagegen zu tun (…) weltweit werden Muslime verfolgt und denunziert (…) gucken Sie sich Israel-Palästina an (…) immer schlimmer (…)“

Der Experte antwortet: „Ja, die Frau hat recht!“ Die Frau erwiderte: „Wir müssen uns nicht wundern (…) Wenn in Palästina sich nicht endlich was verändert, man gräbt den Leuten dort das Wasser ab (…) und da wird nicht drüber berichtet (…) dann müssen wir uns nicht wundern (…) und es wird noch schlimmer, das fürchte ich auch.“

Der Experte sagte daraufhin: „(…) Israel-Palästina (…) Zweistaatenlösung.“

Ende der Show!

Sollten Sie mich, Gerd Buurmann, in meiner Arbeit als Autor, Künstler oder Betreiber von „Tapfer im Nirgendwo“ unterstützen wollen, überweisen Sie gerne einen Betrag Ihrer Wahl auf mein Konto oder nutzen Sie PayPal.

https://www.paypal.me/gerdbuurmann

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Literatur, Politik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Sämtliche Kommentare sind nur ein paar Tage sichtbar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s