„Mein Kampf“ erklärt

Seit dem 6. März 2015 erklärt uns der Deutschlandfunk jeden Freitag um 9:55 Uhr den Koran; im rbb gibt es jeden Freitag um 18:50 Uhr das Wort zum Sabbat und im WDR gibt es jeden Sonntag um 18:40 Uhr „Das geistliche Wort“ zu hören. Eine Sendung mit dem Namen „Grundgesetz erklärt“ konnte ich bisher nicht finden.

Unsere Verfassung und die deutschen Gesetze sind die einzigen Bücher in unserer Gesellschaft, die für alle gelten. Sämtliche anderen Bücher sind reine Privatsache. Warum also wird dem Koran und der Bibel eine wöchentliche Sendung gewidmet, aber nicht dem Grundgesetz?

Wenn der Koran eine wöchentliche Sendung bekommt, warum dann nicht auch Hedwig Dohms „Schicksale einer Seele“ oder Terry Pratchetts „Scheibenwelt“? Weil der Koran von vielen Menschen in Deutschland gelesen wird? Viele Deutsche lesen heute auch Richard David Precht, mindestens so viele wie damals „Mein Kampf“ gelesen haben. Warum also gibt es keine Sendungen wie „Precht erklärt“ oder „Des Führers Wort“?

Man verzeihe mir die sündhaft schreckliche Bemerkung, die ich jetzt mache: Der Koran ist nur ein Buch! Der Koran ist ein Buch wie „Josefine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wienerischen Dirne. Von ihr selbst erzählt.“ oder „Mein Kampf“. Irgendwo zwischen Mutzenbachers und Hitlers Gedanken kann man Mohammeds Gedanken ansiedeln.

Bis zum 31. Dezember 2015 besitzt der Freistaat Bayern die Urheberrechte an „Mein Kampf“. Ab dem 1. Januar 2016 darf jeder Mensch in Deutschland das Buch vervielfältigen und feil bieten, wenn nicht irgendein deutsches Gesetz dieses Buch vorher verbieten sollte. Ich schlage daher vor, der Deutschkandfunk produziert die Sendung „Mein Kampf erklärt“. Das wird sicherlich ein großer Spaß. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie der Intendant des Deutschlandfunks diese Sendung rechtfertigen würde:

Herr Weul, was war der Anlass für die neue Sendereihe „Mein Kampf erklärt“?

Stilli Weul: Diese Überlegung habe ich mit Kollegen schon lange im Kopf und da schien es mir doch jetzt einfach durch die aktuellen Einflüsse, durch das Ablaufen des Urheberrechts, dringlich zu sein, das ein bisschen vorzuziehen. Wissen Sie, sogar am Stammtisch wird mittlerweile wieder über „Mein Kampf“ geredet. Da sollte man nicht über das Buch reden, sondern auch mal vorstellen, was ist das eigentlich.

In den Sendungen werden Auszüge aus dem Buch vorgestellt. Handelt es sich bei der jeweiligen Interpretation um wissenschaftliche oder um individuelle ideologiebezogene Auslegungen?

Weul: „Mein Kampf“ kann man nur verstehen, wenn man ihn in seinen historisch-exegetischen Zusammenhang stellt. Das ist ein sehr komplexes Werk und das kann man nicht ohne Erläuterung verstehen. In „Mein Kampf“ – wie im „Kommunistischen Manifest“ auch – finden Sie Aufrufe zur Gewalt. Nur Nationalsozialismus-Experten können uns das erklären. Wissen Sie, die Neonazis, die hier so in Deutschland unterwegs sind, das sind alles Laien, das sind Menschen, die nehmen sich „Mein Kampf“ aus dem Zusammenhang, ohne ihn eigentlich richtig zu kennen. Die Hauptaufgabe, die Hauptaufgabe auch vom Deutschlandfunk und Deutschlandradio mit seinen Programmen ist zunächst einmal Information. Also erfahren, was es ist, dann kann man anschließend diskutieren.

Wer wählt die Stellen aus, und was sind das für Experten?

Weul: Wir haben begonnen, Kontakt aufzunehmen schon vor über eineinhalb Jahren. Wir haben diskutiert mit ausgewiesenen Nationalsozialismusexperten in Deutschland. Die Überlegung ist, dass wir mindestens drei brauchen, die auch Deutsche sind, damit nicht der Vorwurf kommt, hier wird jetzt wieder über den Nationalsozialismus geredet. Das sind also auch Deutsche.

Inwiefern berücksichtigt die neue Sendung, dass es verschiedene Richtungen innerhalb des Nationalsozialismus gibt, die sich in ihrer Lehre unterscheiden?

Weul: Wir können ja kein politikwissenschaftliches Seminar veranstalten. „Mein Kampf“ und die zentralen Aussagen, die auch etwas in unseren Augen und nicht nur in unseren Augen problematisch sind – nämlich zum Beispiel der Aufruf zur Gewalt, da gibt es keine politischen Unterschiede. Wie gesagt, das ist kein politikwissenschaftliches Seminar, sondern ein Angebot an unsere Hörer.

Gibt es bestimmte Hörer oder Hörerinnen, die Sie damit erreichen wollen?

Weul: Nein. Wir haben ein anspruchsvolles Publikum. Wer uns hört, wer Deutschlandfunk hört, der ist an den Dingen dieser Welt mehr interessiert als der Durchschnitt. Und es kann auch eine Anregung sein, Leute kauft euch mal, eins, zwei, drei, vier, fünf Bücher, wenn euch das interessiert. Es ist eine Information.

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