TTIP – Eine Gefahr für was?

Als Heinrich Heine im Jahr 1843 ein (vor)letztes Mal in Deutschland unterwegs war, machte es sich sehr über den Zollverein lustig. Für ihn manifestierte sich in der preußischen Liebe zu Zöllen eine Sehnsucht nach deutscher Einheit in Ablehnung allen Fremdens aus dem Ausland.

„Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte, ich hätte
Jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
Die große Douanenkette.

»Der Zollverein« – bemerkte er –
»Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.

Er gibt die äußere Einheit uns,
Die sogenannt materielle;
Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
Die wahrhaft ideelle –

Sie gibt die innere Einheit uns,
Die Einheit im Denken und Sinnen;
Ein einiges Deutschland tut uns not,
Einig nach außen und innen.«“

Wer damals eine Abschaffung des Zollvereins verteidigte, hatte schnell eine große, nationale, preußische Koalition gegen sich. Dann kommt der Schimmelkäse aus Frankreich, unkten die Einen; die bösen Banken aus England werden uns knechten, wussten die Anderen. Manchen einen trieb die Angst vor gepanschtem Bier aus Belgien, andere fürchteten die Äpfel aus Russland, die dort von Pfröpflingen kamen, also von Pflanzen, die aus zwei genetisch unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt und zusammengewachsen sind. Das ist bestimmt gefährlich, raunte die deutsche Seele in ihrer Angst vor allem Neuen und hatte besonders Furcht vor dem in Luxemburg von einem Typen namens Étienne Lenoir erfundenen sogenannten Verbrennungsmotor. Zurück zur Natur, rief die preußische Ökofraktion. Pferde statt Motoren! Pfröpflinge? Nein, Danke! Deutsche, esst nur konventionelle Äpfel aus Preußen!

Die Argumente gegen TTIP sind heute nicht minder absurd. Die Absurdität mancher TTIP-Gegner wird besonders an der Panik um das Chlorhühnchen deutlich, oder wie ich die Chlorhühnchen nenne: saubere Hühnchen! Wer sich über Chlorhühnchen aufregt, muss sich auch über Chlor in Freibädern aufregen: „Die tun Chlor in unsere Freibäder! Skandal! Ich verlange gutes, deutsches, chlorfreies Wasser in deutschen Schwimmbädern!“ Nur kontaminierte Bäder sind echte deutsche Bäder!

Das Ziel des transatlantischen Freihandelsabkommens ist nichts weiter als der Abbau von Handelshemmnissen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten von Amerika! Es geht schlicht um eine Freihandelszone zwischen der E.U. und den USA, zwei Staatenbünde, die sich in entscheidenen Fragen des menschlichen Zusammenlebens kaum unterscheiden und in der Kunst und Philosophie eine gemeinsame Tradition pflegen.

Das Leben in Deutschland wird nicht unsicherer, wenn die E.U. ein Freihandelsabkommen mit den USA eingeht! Im Gegenteil: Es ist der freie Handel, der seit Jahrzehnten den Frieden in Europa sichert!

Ein zentraler Gründungsmoment der Europäischen Union bilden die sogenannten Römischen Verträge von 1957. Mit diesen Verträgen unterzeichneten die sechs Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ein Handelsabkommen mit dem Ziel der Schaffung eines gemeinsamen Marktes, in dem sich Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräfte frei bewegen können. Um nichts anderes geht es bei TTIP.

Ich verstehe nicht, warum gerade jene, die in der Freihandelszone der Europäischen Union eine friedenssichernde und friedensnobelpreiswürdige Institution sehen, so wertvoll, dass sie unter keinen Umständen scheitern darf, in einem Freihandelsabkommen mit den USA das Ende der Welt am Horizont aufgehen sehen. Das macht keinen Sinn!

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