Cristina Fernandez de Kirchner versteht Shakespeare nicht!

Am 2. Juli 2015 schlug die argentinische Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner zehnjährigen Schülerinnen und Schülern in Buenos Aires vor, William Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ lesen. „Ihr müsst den ‚Kaufmann von Venedig‘ lesen, um die Geierfonds zu verstehen“, erklärte sie und fügte später hinzu: „Wucher und Blutsauger wurden in der größten Literatur der Jahrhunderte verewigt.“ Ihre Empfehlung veröffentlichte Kirchner ebenfalls auf ihrem Twitter-Account. Zwei Millionen Menschen folgen ihr dort.

Cristina Fernandez de Kirchner kann nur hoffen, dass niemand ihrer Empfehlung nachkommen wird, das Stück zu lesen, denn wer „Der Kaufmann von Venedig“ liest, erkennt schnell, dass es in dem Stück nicht um Wucher und Blutsauger geht, sondern um das Wesen des Judenhasses, das William Shakespeare in seiner Brillanz bereits vor über 400 Jahren richtig erkannt hat:

Es ist Judenhass, wenn ich von einem Juden mehr erwarte als von einem anderen Menschen und es ist Judenhass, wenn ich an Juden etwas kritisiere, dass ich bei allen anderen Menschen durchgehen lasse!

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William Shakespeare zeichnet in seinem Stück „Der Kaufmann von Venedig“ den Juden Shylock als ganz gewöhnlichen Menschen mit Stärken und Schwächen, der sich irgendwann schlicht weigert, die Schmach der Unterdrückung einfach hinzunehmen. Shylock ist ein Mensch, dem Unrecht geschieht und er wehrt sich!

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Während die Christen in Shakespeares Stück nicht in der Lage sind, ihre eigenen christlichen Prinzipien zu leben, fordern sie von dem Juden genau diese Verhaltensweise und bestrafen ihn umso heftiger, als sich herausstellt, dass er den christlichen Geboten nicht mehr folgen möchte und kann als jeder andere Christ. Shylock will und kann nicht besser sein als alle anderen Menschen. Er ist kein Übermensch und bringt dies mit folgenden Worten auf den Punkt:

Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir’s euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muss seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache.

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Shylock ist ein Mensch mit Gefühlen und Ängsten. Wie jeder Mensch, der bedroht oder angegriffen wird, verteidigt er sich, schützt sein Leben und versetzt zur Not auch seine Umwelt in Angst und Schrecken, so dies die einzige Möglichkeit ist, das eigene Leben zu bewahren. Natürlich macht Shylock auch Fehler bei seiner Verteidigung. Er überzieht sogar. Er ist ein Mensch!

Genau diese Menschlichkeit wird Juden heutzutage verwehrt. Es reicht schon ein Blick in die Organisation der Vereinten Nationen. Ein Drittel aller Resolutionen und Entscheidungen, die der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen seit seinem Bestehen verabschiedet hat, richtet sich gegen Israel. In einer manischen Fixiertheit auf nur 0,1% der gesamten Weltbevölkerung, denn dies ist der prozentuelle Anteil der Israelis auf der Erde, sehen die Vereinten Nationen ein Volk, dem ganz besondere Aufmerksamkeit zu Teil werden muss.

Solange sich Juden schön abschlachten lassen, werden sie von allen geliebt; aber wehe, sie fangen an, sich zu wehren, dann hört der Spaß auf. Der Journalist Henryk M. Broder hat es auf diese einfache Formel gebracht:

„Es ist einfacher, Kränze vor toten Juden abzuwerfen, als sich mit lebenden auseinanderzusetzen.“

Juden dürfen auf keinen Fall auffallen. Zur Not müssen sie ganz einfach verschwinden, wie Shylock. Als Shylock sich weigert, das Prinzip der Vergebung zu leben, wird er von Portia, die ebenfalls jede Vergebung fahren lässt, brutal bestraft. Im vierten Akt von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ spricht Shylock seine letzten Sätze und taucht im fünften und finalen Akt nicht mehr auf. Ein Jude hat zu verschwinden, wenn er ein Shylock ist, ein Mensch!

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Um in der Welt einer Cristina Fernandez de Kirchner als Jude leben zu dürfen, müssen Juden vermutlich wie „Nathan der Weise“ sein. Der Nathan von Gotthold Ephraim Lessing ist ein Jude, wie ihn sich die Kritiker Israels wünschen. Er ist aufgeklärt, gut, verständnisvoll, vergebend und vor allem unreligiös. Nathan der Weise ist kein echter Jude. Er ist vielmehr ein Traumjude der Israelkritiker! Wäre Nathan ein echter Jude mit menschlichen Zügen, hätte er Gefühle, die sich auch mal in Zorn und Rache äußern können, die Liebe der Israelkritiker verflöge schnell! Juden müssen ideal sein. Der Rest der Menschheit darf ruhig real bleiben!

Solange Juden Gewalt ablehnen und zu Opfern werden, solange sie wie Nathan höchstens ihre Rhetorik als Waffe einsetzen, wenn ihnen die Worte Tut nichts! Der Jude wird verbrannt!“ entgegengeschmettert werden, solange sie ganz friedlich bleiben, sind sie willkommen. Sobald sie aber beginnen, sich zu wehren, schlägt die angebliche Sympathie in bittere Antipathie um. Dann wird man sich unter Freunden aber mal was sagen dürfen, zum Beispiel, dass Juden auch nicht besser sind als Nazis und rachsüchtig, habgierig und unversöhnlich sowieso!

Das Problem an der hiesigen Debatte rund um den Konflikt im Nahen Osten ist, dass ein israelischer Politiker bereits kritisiert wird, wenn er kein Nathan der Weise ist, ein arabischer Politiker jedoch schon gelobt wird, wenn er kein Adolf Hitler ist.

Cristina Fernandez de Kirchner jedenfalls hat mit ihrer Empfehlung bewiesen, dass sie Shakespeare deutlich weniger versteht als sie Juden nicht mag!

***

(Die Bilder stammen aus Burkhard Schmiesters Inszenierung von William Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ im Severins-Burg-Theater in Köln mit Gerd Buurmann als Shylock.)

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6 Antworten zu Cristina Fernandez de Kirchner versteht Shakespeare nicht!

  1. Kuhrahn schreibt:

    Ihr macht euch Gedanken über irgendwelche Fernandezes oder Pappschausteller… schaut lieber hier rein https://www.facebook.com/Anonymous.Kollektiv
    Über 850.000 Trollen gefällt die Seite. DAS ist eine wirkliche Gefahr!

    Lese-Empfehlungen: (Tausende Likes, Tausende shared links)

    „Über den Krieg äußerte sich Adolf Hitler 1940 wie folgt: »Meine Absicht war es nicht, Kriege zu führen, sondern einen neuen Sozialstaat von höchster Kultur aufzubauen. Jedes Jahr dieses Krieges raubt mich dieser Arbeit.« Angesichts dessen was uns die etablierte Geschichtsschreibung, zum Beispiel durch Schulbücher lehrt, passt ein solcher Satz nicht zur Person Adolf Hitler. Oftmals unberücksichtigt bleibt dabei, dass Geschichte immer in zwei Versionen erzählt wird, die des Besiegten und die des Siegers, wobei letztere immer die Version ist, die den Weg in die gängige Geschichtsschreibung findet und somit der nachfolgenden Generation erzählt wird. Egal ob richtig oder falsch, sie wird damit zum Faktum. Dieser Kurzfilm baut auf einer Vielzahl neuer Dokumente, Informationen und Erkenntnisse auf….. Der Film macht deutlich, warum man seit Jahrzehnten versucht, diesen Teil der Geschichte aus dem Gedächtnis der Deutschen zu tilgen…………..

    >>>unbedingt lesen und wer kotzen möchte, Video dazu anschauen.

    Ich picke mal einige Kommentare stellvertretend für die „Stimmung“ dort raus:

    Simone Kröhn: Mehmetaj, man könnte sehr viele Videos zeigen, wo JUDEN Millionen unschuldige Palästinenser, Syrer, Libanesen usw. kaltblütig ermorden, erst kürzlich haben diese Unmenschen spielende Kinder, Mütter , ganze Familien umgebracht, in Gaza !!!

    Anonymous: Wir haben dazu ein weiteres Video in der Pipeline, indem wir belegen, dass der Ami tode deutsche Soldaten, die zu zig hunderttausenden in den Rheinwiesenlagern starben, der Öffentlichkeit im Nachgang als ermordete KZ-Häftlinge präsentierte. Mehr dazu in den kommenden Tagen…

    Enrique Seitz: den 2ten weltkrieg hat England, Frankreich und Polen angefangen, genau wie der 6Tage krieg in israel.

    Die Kommentatoren nennen sich übrigens selber „Antifaschisten“ SIC! und wer sich gegen sie stellt, wird als „Rassist“ oder „Nazi“ verunglimpft SIC^2 , strafrechtlich relevant könnten allerdings die zahllosen Holocoust Leugnungen sein! Unglaublich das die sowas öffentlich auf Facebook von sich geben.

    • unbesorgt schreibt:

      Ich guck da nicht rein…hab grad gegessen.

    • Gutartiges Geschwulst schreibt:

      @Kuhrahn (zitierend): “Über den Krieg äußerte sich Adolf Hitler 1940 wie folgt: „Meine Absicht war es nicht, Kriege zu führen, quak, quak, quak …“ “

      Erstmal vielen Dank, Kuhrahn, für Ihren lesenswerten Kommentar.
      Was immer der einseitig Eierlose (Hitler genannt) 1940 verrülpste, seine Aussage in „Mein Krampf“, 1925 veröffentlicht, enthielt bereits auf der ERSTEN Seite des ERSTEN Kapitels folgende Sätze:
      “Erst wenn des Reiches Grenzen auch den letzten Deutschen umschließt, ohne mehr die Sicherheit seiner Ernährung bieten zu können, ersteht aus der Not des eigenen Volkes das moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens. Der Pflug ist dann das Schwert, und aus den Tränen des Krieges erwächst für die Nachwelt das tägliche Brot.”

  2. Hein schreibt:

    Dietrich Schwanitz hat dieses Thema in seinem Roman „Das Shylock-Syndrom oder Die Dramaturgie der Barbarei“ bearbeitet. Aus dem Inhaltsverzeichnis:
    „Luther und die Juden
    Die Juden in Hamburg
    Das Geld und der Geist der Moderne
    Der Kaufmann von Venedig und der Vertrag mit dem Pfund
    Das Antisemitismusproblem
    Die Heine-Universität Düsseldorf oder Die verfehlte Taufe“
    Neugierig geworden? Da Buch ist als Diana Taschenbuch Nr. 62/0002 erschienen und hat die ISBN-Nummer 3-453-15010-4

  3. unbesorgt schreibt:

    Gut dargelegt.
    Jetzt bitte noch ins Spanische übersetzten und an info@cristina.com.ar schicken.

  4. jsbielicki schreibt:

    Hat dies auf psychosputnik rebloggt.

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