Prinzipielle Verhaltensregel für Rezensenten

Nachdem ich den brillanten Roman „The Circle“ von Dave Eggers im Urlaub am Strand von Callantsoog gelesen hatte, machte ich mich auf der Suche nach Rezensionen. Dabei bin ich über eine Rezension gestolpert, die mich dazu bringt, hier jetzt eine prinzipielle Verhaltensregel für Rezensenten zu formulieren. Die Rezension stammt von Dr. Susanne Rikl. Sie schreibt:

„‚WAHNSINN, DACHTE MAE. Ich bin im Himmel.‘ So beginnt die deutsche Übersetzung von Eggers’ Roman. In diesem harmlosen Satz deutet der Autor auf geniale Weise an, was mit seiner weiblichen Hauptfigur passieren wird. Wahnsinn bedeutet “Geisteskrankheit, geistige Umnachtung, Torheit, Unsinn, abwegiger und meist auch gefährlicher Einfall” (frei nach Wahrig), ist aber auch – und hier so gemeint – ein Ausruf der Begeisterung.“

Der Autor deutet also mit dem Wort „Wahnsinn“ etwas auf geniale Weise an. Dave Eggers ist auch meiner Meinung nach ein hervorragender Autor, allerdings nicht wegen der Benutzung des Wortes „Wahnsinn“ im ersten Satz, denn er hat dieses Wort nicht benutzt!

Im Original heißt es: „MY GOD, MAE thought. It’s heaven.“ Das bedeutet: „MEIN GOTT, dachte MAE. Das ist der Himmel.“ Da steht nichts von Wahnsinn. Zwar hebt die Großschreibung „MY GOD, MAE“ einen Satzteil hervor, der „MEIN GOTT, MAE“ bedeutet, eine Betonung, die in der direkten Übersetzung verloren geht, aber ein „Wahnsinn“ ist selbst dort nicht zu finden.

Die „geniale“ Andeutung stammt somit nicht von dem Autor Dave Eggers, sondern von den Personen, die den Roman in die deutschen Sprache übersetzt haben. Sie heißen Ulrike Wassl und Klaus Timmermann. Daher hier eine prinzipielle Verhaltensregel für Rezensenten:

Wer einen Autor rezensieren will, muss seinen Text in seiner Sprache gelesen haben!

In dem Wikipedia-Artikel zu dem Roman steht:

„In den Buchbesprechungen wird durchweg die literarische Qualität des Romans bemängelt.“

Das mag für die deutsche Presselandschaft stimmen, in der englischsprachigen Presse jedoch wurde die litererarische Qualität durchweg hervorgehoben.

„Eggers at his fluent best.“ (Observer)

„Fluent prose, instinctive storytelling, wonderful comic.“ (New York Times)

„Prescient, scary, unputdownable.“ (The Times)

„An elegantly told, compulsively readable parable for the twenty-first century.“ (Vanity Fair)

Diesem Lob schließe ich mich uneingeschränkt an und sage mal so: Wenn das englische Original eines Romans als elegant erzählt und fließende Prosa vom Besten mit wunderbarer Komik bezeichnet wird, die literatische Qualität der deutschen Übersetzung jedoch bemängelt wird, liegt die Vermutung nahe, dass das Versagen nicht beim Autor liegt, sondern beim Übersetzer. Ich wiederhole daher meine Verhaltensregel:

Wer einen Autor rezensieren will, muss seinen Text in seiner Sprache gelesen haben!

Das gilt vermutlich auch für Sascha Lobo, der folgende Rezension rausgehauen hat:

„Die derzeitige Nummer eins der Bestsellerliste, „The Circle“, ist ein lesenswertes, mit klug konstruierten Mini-Dystopien durchsetztes Buch. Leider bedient es in voller Absicht die herumwabernde Vermutung, hinter den Siegeszügen von Google, Facebook, Apple, Amazon stehe ein technofaschistoides Menschenbild. Und nicht etwa der Kapitalismus selbst.“

Ich weiß nicht, in welcher Sprache Sascha Lobo „The Circle“ gelesen hat, aber das Original kann es nicht gewesen sein. Dort nämlich findet sich keine „herumwabernde Vermutung“ eines „technofaschistoiden Menschenbilds“.

Wer den Roman noch nicht gelesen hat, bitte jetzt nicht weiter lesen. SPOILERALARM!

In dem Roman wird der Circel als Unternehmen beschrieben, das von drei Männern geleitet wird. Sie werden durch drei Meerestiere symbolisiert: Seepferdchen, Oktopus und Hai. Ein Mann ist der Erfinder der Circle-Technologie, der die Welt einfacher machen will, der zweite Mann ist ein humanistischer Idealist, der die Welt verbessern will und der dritte Mann ist ein Kapitalist, der die Welt genießen will. Es ist der Erfinder, der sich irgendwann gegen seine eigene Erfindung wendet und sie kritisiert, weil er erkennt, dass fundamentalistische Idealisten in Kooperation mit hedonistischen Kapitalisten die Idee seiner Erfindung pervertiert haben. Der Erfinder wird daraufhin von seinen beiden Kollegen auf Eis gelegt, da er ausgerechnet von der Frau veraten wird, die die Erfindung als Himmel bezeichnet hat. MAE!

Am Ende wird zudem angedeutet, dass der Idealismus irgendwann vom Kapitalismus gefressen wird, denn der Hai frisst am Ende den Oktopus und das Seepferdchen und drei Mal darf man raten, welches Tier den Kapitalismus symbolisiert.

Es stimmt somit nicht, der Autor deute an, hinter „den Siegeszügen von Google, Facebook, Apple, Amazon stehe ein technofaschistoides Menschenbild. Und nicht etwa der Kapitalismus selbst.“ Im Gegenteil! Die Kritik an dem Versuch, die Welt nur über die Prinzipien des Idealismus‘ und des Kapitalismus‘ begreifen zu können, besonders wenn dadurch die Menschlichkeit zum Problem gemacht wird, macht Dave Eggers mehr als deutlich – allerdings erst auf den letzten 30 Seiten seines fast 500 Seiten umfassenden Romans. Vermutlich hat es Sascha Lobo einfach nicht bis dahin geschafft.

tl;dr

Daher hier noch eine weitere, nicht ganz so strenge Verhaltensregel:

Wer einen Roman rezensieren will, muss ihn zu Ende gelesen haben!

Vanessa Giese wiederum schreibt:

„Der Charakter der „Mae“ ist dümmlich und naiv – ein unreifes, oberflächliches Mädel, das nicht in einer einzigen Szene eigenständig denkt.“

Hier ist mir völlig schleierhaft, in welcher Sprache sie den Roman gelesen hat und vor allem, welche Stellen sie alle nicht gelesen hat. Mae ist nämlich nicht dümmlich und naiv und denkt sehr wohl eigenständig. Das ist gerade die Stärke des Romans, dass dort düster logisch gezeigt wird, dass die dystopische Aufgabe der Freiheit für Mae nicht im Widerspruch steht zu ihren hohen Idealen von Aufklärung, Humanismus, Demokratie, Bürgerbeteiligung und Gleichberechtigung. Im letzten Kapitel begeht Mae, gerade weil sie an das menschliche Potential zur guten Tat glaubt und eine selbstüberzeugte Gegnerin von Lobbismus ist, Verrat an den Erfinder des Circle. Wenn etwas für einen Verrat nötig ist, dann eigenständiges Denken!

Zudem ist Mae bestechend humorvoll und an keiner einzigen Stelle bloßes Objekt, was leider oft geschieht bei weiblichen Figuren in Romanen. Sie handelt als Subjekt, lügt und verrät sogar manchmal und handelt somit nicht im Sinne der meisten Leserinnen und Leser, dafür aber willkürlich, was bedeutet: Ihre Handlungen sind vom Willen gekürt! Mae hat den freien Willen einer Täterin. Vanessa Giese findet das nicht gut:

„Sie wäre ungleich spannender, wenn im Mittelpunkt der Story jemand stünde, der kritisch denkt und meint, sein digitales Leben im Griff zu haben – und am Ende überrascht wird, wie wenig seine Vorkehrungen nützen. Also jemand, mit dem ich mich tatsächlich hätte identifizieren können.“

Mit anderen Worten: Als Opfer hätte Vanessa Giese die Frau mehr gefallen. Opfer aber waren Frauen schon oft genug. Sie dürfen auch mal Täterinnen sein, mit denen man sich nicht uneingeschränkt identifizieren können muss, auch nicht als Frau. Frauen dürfen mies sein in Romanen. Das nennt sich Emanzipation und Feminismus. Daher noch eine weitere vollkommen subjektive Verhaltensregel:

Wer einen Roman rezensieren will, muss seine Kritik nicht davon abhängig machen, ob ihm die Protagonistin gefällt. Romane wie „American Psycho“ und „Die Verteidigung der Kindheit“ hätten dann nämlich große Probleme, denn dort sind die Protagonisten alles andere als sympathisch, aber dafür Männer. Die dürfen das. Frauen nicht!

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12 Antworten zu Prinzipielle Verhaltensregel für Rezensenten

  1. American Viewer schreibt:

    Volle Zustimmung Herr Buurmann! Die Originalversion von Büchern, Filmen und anderen Werken sollte wenn möglich immer in Anspruch genommen werden, wenn man sich wirklich für eine Sache interessiert.

    Von daher finde ich zum Beispiel die 13-17jährigen Mädchen, die extra Japanisch lernen, weil sie Anime so toll finden, ehrlicher und konsequenter als alle lausigen SpOn- und SZ-Rezensenten zusammen.

  2. Rainer schreibt:

    Seit einer Weile lese ich hier still und mit oft großem Gewinn mit. Lieber Herr Buurmann, danke für Ihren Einsatz insbesondere hinsichtlich des in D persistierenden und des importierten Antisemitismus. Nein, ich habe nahezu 100% preußische Gene, der Italiener im 18. Jhdt. macht den Kohl nicht fett.
    Da ich zu den hier üblicherweise verhandelten Themen inhaltlich nichts beizutragen habe, belasse ich es – wie gesagt – beim mitlesen.
    Dieser Blogbeitrag enthielt für mich zwei kleine Zufälle. Als Grundschüler habe ich mit meinen Eltern drei Sommerurlaube in Callantsoog verbracht – und das leider(!) fast vergessen. Danke für den Anstoß zum Ausgraben schöner Kindheitserinnerungen.
    Außerdem habe ich „The Circle“ auch gerade „in Arbeit“ – natürlich das Original, welches mir sprachlich sehr gut gefällt. Zu den inhaltlichen Punkten kann ich noch nichts sagen, da noch nicht durch damit.

  3. Eliyah schreibt:

    Ist das so ueberraschend fuer Dich als „Kulturschaffenden“, der der Haehme und dem Lob von Zeitungsschreibern ausgeliefert ist? Der Output an Zeilen, den ein Rezensent an seine Publikation liefern muss, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, ist mit intensivem Faktencheck nicht mehr machbar.
    Dazu kommt, dass eine Rezension immer eine persoenliche Meinung ist. Das weiss auch der Leser einer solchen. Hier „Verhaltensregeln“ aufzustellen finde ich daneben. Das sind eher „Beurteilungsregeln“ dafuer, ob die Rezension meine Lebenszeit, sie zu lesen wert ist oder nicht. Du willst doch auch nicht, dass Dir jemand vorschreibt, ab welchem Wissensstand Du eine Figur in einem Theaterstueck spielen darfst.

  4. Clas Lehmann schreibt:

    Vielleicht sollte man noch die Forderung ergänzen, es möge der Rezensent nicht nur den Klappentest und den Waschzettel des Verlages und vielleicht andere Reznsionen gelesen haben, sondern tatsächlich das ganze Buch…

  5. Sophist X schreibt:

    Wenn man nur Bücher rezensieren dürfte, die man im Original gelesen hätte, dann würde es bei fremdsprachlichen Titeln zu einer gewissen Flaute bei den Rezensionen kommen, selbstverständlich abhängig von der Popularität der Originalsprache. Wie angenehm.
    Müsste man das nicht auch auf andere sprachlastige Werke ausdehnen, wie Filme oder TV-Serien?

    Vielleicht ist das ganze auch nur ein Hinweis, dass die Rezensentenzunft im Schnitt schlampig und weltvergessen beliebig durch die Gegend veröffentlicht.

    • Clas Lehmann schreibt:

      A Propos schlampig und beliebig… Das umfasst aber auch Teile der schreibenden Zunft und jedenfalls der publizierenden…

    • tapferimnirgendwo schreibt:

      Meinungen zum Autor sind nur nach Lektüre seines Werks in seiner Sprache möglich!

      • Eliyah schreibt:

        Ja, aber Meinungen zum Buch sollten schon ueber die jeweilige Uebersetzung sein. Was hilft es mir als Leser der Rezension bei meiner Kaufentscheidung, wenn das Buch auf Englisch zwar fantastisch ist, aber die deutsche Uebersetzung einfach mal grottenschlecht ist? Der Rezensent muss dann bei der Formulierung der Kritik vorsichtig sein und eben darauf hinweisen, dass es auch an der Uebersetzung liegen kann, dass das Buch so schlecht oder auch gut weg kommt.

  6. Sophist X schreibt:

    Eine Rüge, die sich gewaschen hat.

  7. tapferimnirgendwo schreibt:

    Geschwätz von gestern

Seid gut zueinander!

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