Netanjahu zu Gast in Deutschland

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu war im Februar 2016 in Deutschland zu Gast. Besonders auffällig bei diesem Staatsbesuch war die Tatsache, dass es diesmal erstaunlich wenig Kritik in Richtung Israel gab. Sogar sonst so israelkritische Medien und Parteien hielten sich mit neunmalklugen Besserwissereien auffällig zurück. Angela Merkel räumte sogar ein, dass „sicherlich jetzt nicht der Zeitpunkt“ sei, „einen ganz umfassenden Fortschritt zu machen.“ Was war der Grund für das Steckenlassen des deutschen Zeigefingers in Richtung des so oft als unartig empfundenen Israels?

Am 13. November 2015, als der Anschlag in Paris 130 Menschen in den Tod riss und über 350 Menschen zum Teil schwer verletzte, war ich in Israel. Viele meiner deutschen Freunde waren damals besorgt, weil ich im vom Terror gezeichneten Israel weilte. Der Terror schlug jedoch in Europa zu.

Ich saß auf einer Parkbank in Jaffa, dem arabischen Teil von Tel Aviv, und trank eine Flasche Bier, die ich in einem Kiosk gekauft hatte, während ein Muezzin von einem Minarett zum Gebet rief, als auf meinem Handy die Nachricht auftauchte, dass etwas schlimmes in Paris geschehen sei.

Was am 13. November 2015 in Paris geschehen ist, findet in Israel seit Jahrzehnten immer mal wieder statt. Auch Übergriffe, wie sie in der Silvesternacht in ganz Europa, aber intensiv in Köln stattgefunden haben, erlebt Israel in zum Teil brutal bewaffneter Form immer mal wieder.

Seit einiger Zeit und seit der Silvesternacht sogar in besonders aggressiver Form agitieren und demonstrieren in Deutschland regelmäßig mehrere tausend sogenannte “patriotische Europäer” gegen Muslime! In Israel gibt es nichts, was dem deutschen Phänomen PEGIDA auch nur Nahe kommt. Israel pflegt einen deutlich besseren Umgang mit den unterschiedlichen Religionen.

In Deutschland leben rund fünf Prozent Muslime. In Israel jedoch leben über zwanzig Prozent Muslime! Wenn in Deutschland eine Moschee gebaut werden soll, gehen unzählige Deutsche auf die Straße und demonstrieren dagegen. Wenn ein Muezzin in Deutschland von einem Minarett zum Gebet rufen möchte, sehen „deutsche Patrioten“ das Ende des Abendlandes nahe und lassen die muslimische Religionspraxis teilweise einfach verbieten.

In Israel gehören Moscheen zur Selbstverständlichkeit! In Israel ruft der Muezzin zum Gebet, während ich im Schatten des Minaretts gelassen ein Bier trinke und mir von einem Moslem, der erst jüngst in Deutschland war, erklären lasse, dass das Leben in Israel für einen Moslem tausend Mal besser ist als das Leben in Deutschland, wo Muslime als radikal Fremde angesehen werden und wo es muslimische Stadtviertel gibt, in denen Muslime so verwahrlost leben, dass man sich in Israel dafür schämen würde.

Natürlich gibt es in Israel auch Ängste und Bedenken und die Terroristen, die in Israel wüten und morden, erklären, dass sie ihre Taten im Namen Allahs begehen, aber das bedeutet für Israel nicht, muslimischen Staatsbürger ihre Grundrechte zu nehmen. In Israel können und dürfen muslimische Staatsbürger alles tun, was ihre jüdischen Mitbürger auch tun können. In Deutschland sieht das anders aus. Dort werden Christen gegenüber Muslimen staatlich bevorzugt und zwar aufgrund eines Staatsvertrags, der am 20. Juli 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem damaligen Deutschen Reich unter Adolf Hitler abgeschlossen wurde und das Verhältnis zwischen dem Deutschen Reich und der römisch-katholischen Kirche regelt. Dieses sogenannte Reichskonkordat wird noch heute für die Bundesrepublik Deutschland als gültig betrachtet und dürfte somit der einzige noch gültige faschistische Staatsvertrag in Europa sein!

Was am 13. November 2015 in Paris geschehen ist, ist eine Situation, mit der sich Israel seit über sechzig Jahren konfrontiert sieht. Dennoch hat Israel in diesen sechzig Jahren an den Prinzipien der Demokratie und Rechtstaatlichkeit festgehalten. Das ist einzigartig! Noch nie in der ganzen Menschheitsgeschichte hat es ein demokratisches Land gegeben, das in seiner Existenz bedroht war und sich über Jahre hinweg gegen die erklärten Versuche zur kriegerischen Vernichtung des Volkes wehren musste, ohne dabei die eigene Demokratie abzuschaffen.

In Europa gab es in den letzten Monaten die ersten Vorspiele zu den Akten der Gewalt, die in Israel nur allzu bekannt sind. Dennoch kam es in Europa bereits jetzt zu einer beispiellosen Eskalation der Gewalt und Abschaffung von Prinzipien. In Deutschland werden unzählige Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verübt. Länder wie Polen und Ungarn erklären, Muslime seien unerwünscht. Tausende von Menschen gehen in Dresden und andernorts gegen Muslime auf die Straßen. Grenzen werden geschlossen und die Möglichkeit von Schießbefehlen an Grenzen ins Spiel gebracht. Zur selben Zeit werden auf Politiker Anschläge verübt. In Chemnitz wurde Sprengstoff gegen ein Parteibüro geworfen und in Arnsberg auf ein Parteibüro geschossen. In Karlsruhe wurde sogar auf einen Menschen geschossen, weil er Werbung für eine Partei machte.

Es war so leicht und selbstgefällig, Israel zu kritisieren, als Europa noch im sanften Schlaf des verlogenen Friedens dämmerte. In der Vergangenheit verglichen deutsche Kritiker Israel oft mit westeuropäischen Länder, ganz so, als mache es keinen Unterschied, ob sich ein Land im Frieden befindet oder in einem Krieg, an dessen Ende die Feinde nur die totale Vernichtung des Landes akzeptieren können. So langsam dämmert es jedoch vielen Deutschen, dass es einen Unterschied macht!

Demokratie und Rechtstaatlichkeit im Frieden aufrecht zu halten, ist keine Kunst. Deutschland gelingt das recht passabel seit über sechzig Jahren. Israel jedoch vollführt dieses Kunstwerk seit über sechzig Jahren im Krieg. Bisher bekam Israel dafür überwiegend Kritik, weil zu viele Menschen empathielos waren und nicht nachempfinden konnten, was es bedeutet, sich in einem Krieg zu befinden und wie schwer es ist, in einem Krieg nicht die Menschlichkeit zu verlieren.

Jetzt schlagen die ersten terroristischen Bomben in Europa ein und lassen erahnen, was in Israel seit Jahrzehnten kriegerische Realität ist. Jetzt, wo Europa spürt, was Israel seit über sechzig Jahren erleben muss, wandelt sich manch eine Kritik in Staunen. Auf einmal erkennen immer mehr Europäer, dass Israel ein Vorbild sein kann, wie man mit Krieg, Terrorismus, Hass und dem Aufruf und steten Versuchen eines Völkermords umgehen kann, ohne dabei die eigene Rechtstaatlichkeit über Bord zu werfen und den Glauben an die Gültigkeit der Menschenrechte zu verlieren.

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