Marco Gilbers – Ein Nachruf

Für Marco (13. Juli 1980 – 30. März 2017)

Die Lesung und Rede zu seiner Beerdigung am 4. April 2017:

„Der HERR ist mein Hirte,
mir wird es an nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf gerechter Straße
um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stock und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbst mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit
werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.“

Psalm 23. Ein wunderschöner Psalm. Meine Mutter kann ihn auswendig. Heute aber denke ich auch an den Psalm, der direkt vor dem 23. Psalm steht, Psalm 22. Er beginnt mit den Worten:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?“

Nach den Evangelien des Markus und des Matthäus sollen es die letzten Worte von Jesus am Kreuz gewesen sein:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Ich glaube, diese beiden Psalmen stehen aus gutem Grund hintereinander. Der eine Psalm behandelt den Zweifel, der andere den Glauben. Zweifel und Glauben, zwei Haltungen, die meine Seele zerreißen, besonders heute, da wir den viel zu frühen Tod von Marco betrauern. Wer zweifelt da nicht? Das ist viel zu früh! Das ist nicht richtig! Das ist falsch. Das Gegenteil von richtig. Falsch!

Ich erinnere mich an das Gespräch, das Marco und ich führten, nach der Beerdigung seiner Mutter, vor dem Friedhof in Erika. Marco fragte mich:

„Was passiert eigentlich mit mir, wenn ich tot bin. Ich bin ja nicht mehr in der Kirche.“

Ich sagte: „Marco, wenn Du vor mir gehen solltest, dann werden wir schon dafür sorgen, dass Du eine anständige Party bekommst.“

Es war das erste Mal, dass ich mit Marco über seinen möglichen, viel zu frühen Tod sprach.

Später fuhren Marco und ich durch Haren. Wir besuchten die Mersmühle, sprachen mit wildfremden Menschen, lachten und alberten. Auf der Emsbrücke spielten wir die letzte Szene aus „Ist das Leben nicht schön“ nach. Ihr kennt die Szene vielleicht. Da wo James Stewart auf der Brücke steht und betet:

„Clarence, Clarence, hilf mir! Ich will nicht mehr. Gib mir mein Leben zurück, so wie es war. Bitte, gib mir mein Leben wieder. Ich will wieder leben.“

Marco filmte die ganze Szene mit meiner Handykamera. Er stand mitten auf der Brücke und blockierte den Verkehr. Die Leute hinter ihm haben geklingelt und gehupt. Wir fanden es lustig.

Wir haben in der Zeit viel miteinander geredet, mehr als sonst. Marco erzählte mir Einiges, was ich nicht wusste. Als ich ihn fragte, warum er mir all die Dinge nicht schon viel früher erzählt hatte, sagte er nur: „Du hast mich ja nie gefragt!“

Stimmt, ich hatte ihn nie gefragt. Und es gibt noch so viele Dinge, die ich ihn noch fragen möchte.

Marco war ein Mann der wenigen Worte. Aber wenn er gefragt wurde, war er da. Marco war kein Mann der großen Gesten.

Michael, vor ein paar Tagen habe ich Dich gefragt, was Du an Marco geliebt hast. Deine Antwort war so einfach wie wunderbar. Du sagtest:

„Ich mochte an Marco die kleinen Dinge. Zum Beispiel, wie er so locker aus der Hüfte winken konnte. Und sein Grinsen. Er brauchte eigentlich nur seine Freunde, einen guten Metal Song und was zu trinken, um glücklich zu sein. Dann sah er, dass die Leute sich liebhaben und war selig.“

Marco und ich haben auch viel über Gott gesprochen und über den Tod. Da war viel Zweifel, ein wenig Glauben und natürlich die Angst. Angst hat Marco jetzt nicht mehr. Sarah, Du hast so schön gesagt:

„Bestimmt ist er jetzt im Himmel mit Erika und baut mit ihr zusammen eine Blockhütte und stellt den Cognac kalt, damit wir was haben, wo wir feiern können, wenn wir kommen.“

Obwohl, Sarah, solange hat Marco gar nicht gewartet. Er hat uns schon viel früher zusammengebracht. Was Marco in der Zeit seines Sterbens für uns gemacht hat, ist ein unfassbar großes Geschenk. Er brachte uns in den letzten Wochen seines Lebens alle zusammen. Wir saßen bei ihm, wir redeten, wir weinten, wir lachten, wir erzählten, erinnerten uns und wir lebten. Ja, wir saugten alles auf. Das Leben!

So merkwürdig es klingt, aber die letzten Tage mit Marco waren eine wunderschöne Zeit. Er brachte uns alle zusammen. Manchmal platze der Raum aus allen Nähten.

Ich werde die Stunden mit Marco vermissen. Immer wenn wir uns trennten, waren wir zwar kein Fünkchen schlauer, ob es einen Gott gibt oder nicht, aber wir hatten eine schöne Zeit zusammen verbracht und wie singen wir Christen?

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen!“

Ich will Euch nichts vormachen, Marco war ein Zweifler. Ein stiller Zweifler. Aber gerade deshalb war er auch ein guter Zuhörer. Und er half, wo er nur konnte. Er war ein guter Mensch, ganz nach dem Motto aller Zweifler: „Wenn ich es nicht tue, wer dann?“

Mir hat mal ein Rabbi erklärt, Gott lässt nur deshalb den Gotteszweifel und den Atheismus beim Menschen zu, damit die Menschen sich nicht allzu sicher sind, dass es ihn gibt; damit sie sich nicht zu sehr auf ihn verlassen und selber tätig werden und was Gutes tun. Ein schöner Gedanke. Marco war so ein Zweifler. Deshalb war er für seine Freunde und für seine Familie da, bedingungslos. Michael hat mal gesagt:

„Wenn ich Marco sagen würde, ich muss einmal durch die Hölle und wieder zurück, dann würde Marco sagen: ‚Okay, wann?'“

Der Philosoph Emanuel Levinas hat mal gesagt: „Im Antlitz des anderen, erkennst Du Gott.“ In Marcos Gesicht konnte man viel Göttliches sehen. Zwei Tage nach Marcos Tod schrieb Diana in unserem Cousin- & Cousinen-Chat:

„Ich muss euch was erzählen. Sitze mit dem Kleinen in der Küche. Der Kleine sitzt im Buggy und schaut nach oben, ist am Lachen und Spielen mit seinen Händen. Da hab ich ihm das Foto von Marco gezeigt und er war am Lachen und Quietschen und sobald ich das weg getan habe, war er am Jammern. Hab ich ihm das Foto wieder gezeigt und er war am Lachen.“

Heike, Diana, Ines, Sarah, Miriam, Michael, Carsten, Christian, Tobias und Simon, jetzt sind wir nur noch elf.

Marco wusste nicht, ob es Gott gibt. Auch ich weiß es nicht. Aber eins weiß ich ganz sicher. Ich weiß es ohne den geringsten Zweifel: Marco hat es gegeben! Marco lebte. Er lebte, um unser Leben schöner, reicher und lebenswerter zu machen. Oh wie traurig wäre diese Welt, hätte es darin keinen Marco gegeben.

Und darum bin ich mir sicher, wenn es einen Himmel geben sollte, dann ist Marco gerade mitten unter uns, grinst, winkt lässig aus der Hüfte und sagt:

„Ich bin tot. Ihr lebt. Jetzt lächelt und macht was draus!“

Obwohl Himmel, es gibt auch andere Worte für diesen Ort, über den Shakespeare einst schrieb: „Das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt.“

Ein anderes Wort für Himmel, hast Du benutzt, Daniel. Als Marco gestorben war, zündetest Du ein Feuer an und machtest ein Bild von den Flammen, um es uns zu schicken mit den Worten:

„Folge dem Licht. Es weist Dir den Weg nach Walhalla, mein Bruder.“

Aber ob nun Walhalla oder Himmel, hinter allem steht die Hoffnung, der Glaube und die Liebe. Daran glaubte Marco. Und daran glaube ich auch. Nichts Anderes sagt auch der Psalm, den ich gerade vorgelesen habe:

„Der HERR ist mein Hirte, mir wird es an nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“

Ähnliche Worte finden sich auch in dem Lied „Carry On“ von Manowar, eine Band, von der Marco einige Alben besaß. Sein Seelenbruder Michael trägt heute sogar Marcos T-Shirt von dieser Band. Im Grunde ist dieses Lied eine Variation auf Psalm 23, denn das Lied lässt sich wie folgt auf Deutsch übersetzen:

„Der Stern des Nordens ist mein Hirte. Er führet mich wenn der Himmel im Winter grau ist. Und ich warte auf die Sonne, wenn alle eins sind. Ich werde mich nicht verraten. Sie rufen mich. Ich warte ab, während alle anderen in die Irre geführt werden.

Macht weiter, meine Freunde, für immer. Macht weiter, wenn ich gegangen bin. Macht weiter, wenn der Tag lang ist. Macht immer weiter, solange wir zusammen sind. Macht immer weiter.

Dunkelheit umhüllt uns, aber wir schließen unsere Augen nicht. Niemand wird uns unterkriegen. Wir sind geboren, um zu fliegen, gekommen, um weiterzugehen, geboren, um zu erweitern. Ja, kämpft, um am Leben zu bleiben! Jetzt sind wir alle zusammen. Lasst uns ein kämpferisches Lied singen:

Macht weiter, meine Freunde, für immer. Macht weiter, wenn ich gegangen bin. Macht weiter, wenn der Tag lang ist. Macht immer weiter, solange wir zusammen sind. Macht immer weiter.“

Für Dich Marco nun dieses Lied, weil ich es Dir versprochen habe. Damit Du mit Deinem Zweifel Hoffnung trägst unter die Menschen, die heute um Dich trauern. Dein Lied: „Carry On“.

Ich hab Dich lieb. Danke für alles. Und ich verspreche Dir: Wir machen weiter!

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