Claudia Bickmann – Ein Nachruf

Claudia Helene Dorothea Bickmann (22. August 1952 – 30. April 2017) war eine deutsche Philosophin und von 2002 bis zu ihrem Tod Professorin der Philosophie an der Universität zu Köln. 

Die Doktormutter meiner Frau ist gestorben. Bei ihr war Philosophie kein Kalenderspruch! Sie forderte deutlich mehr, gab dann aber verdammt viel. Eine große Philosophin ist gegangen. Sie wird vermisst!

Hier kann ein Vortag von ihr angehört werden: Morphomata

Nicht nur meine Frau, sondern sehr viele Menschen haben Claudia Bickmann geschätzt und geliebt. Neben ihrem brillanten Geist und ihrer schönen Seele hat die Welt mit ihrem Tod auch all die Aufmerksamkeit verloren, die sie schenkte und all die vielen kleinen Momente, in denen sie so herzerfrischend flink unendlich viel Mut spendete. Für meine Frau war sie immer da, besonders in den Momenten, wo es besonders wichtig war, gute Menschen um sich zu haben. Allein dafür schätze ich sie so lange ich lebe. Aber auch dafür, dass sie mir mal sagte:

„Herr Buurmann, Sie müssen auch mal die Eichhörnchenperspektive einehmen. In der Philosophie müssen Sie bis zum Kern durchdringen. Sie hüpfen in den Bäumen herum.“

Ja, sie hat mir das so gesagt. Ich hab dann das Philosophiestudium gelassen und bin komplett ans Theater gewechselt. Danke Claudia Bickmann!

Hier noch ein paar weitere wunderbare Nachrufe von Menschen, die sie kennenlernen durften:

„Ich bin zwar bei ihrem Sprachtempo und ihren Zeitsprüngen manchmal echt nicht mehr mitgekommen, aber sie war zweifelsohne eine wahnsinnig intelligente und brillante Philosophin.“ (Maxine Bacanji)

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„Ich glaub zwar nicht an ihn, aber ab jetzt braucht Gott echt gute Ohren, enorme Konzentration und jede Menge Kaffee! RIP, Claudia Bickmann!“ (Daniel Raboldt)

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„Das tut mir sehr leid. Alle, die bei ihr studiert haben, werden sie durch ihre unverwechselbare Art immer klar vor Augen sehen. Ihre Lehre konnte ein echtes Ereignis sein: Fichte (spät) abends (auch spät) im Oberseminar unter Kerzen und mit Flamme. Sie hat uns mit ihrem assoziativen Tempo gefordert und eine ungemein motivierende Freude an der philosophischen Diskussion ausgestrahlt. Claudia Bickmann war leidenschaftliche Philosophin und ein sehr offener, hilfsbereiter und herzlicher Mensch. Wünsche ihr die „fortgesetzte intellektuale Anschauung“ und dass sie damit—wie Schelling sagt—“aus der Zeit in die Ewigkeit“ gehen möge!“ (Woldai Wagner)

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„Once in a lifetime: Wir fragen uns ja manchmal, wo die Frauen und Denkerinnen in der Geschichte der Philosophie bleiben. Vielleicht haben wir mit Claudia Bickmann eine der größten deutschen Philosophinnen unserer Zeit verloren.“ (Jörg Bernardy, 2003 – 2007 Studium bei Claudia Bickmann)

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„Claudia Bickmann habe ich auf eine Empfehlung hin kennengelernt. Ich war damals auf der Suche nach einem Zweitgutachter für meine Doktorarbeit. Er oder sie sollte offen sein für ein Projekt, das die Philosophie selbst und die in ihr waltenden Strukturen zum Thema machen wollte. Ich suchte das passende philosophische Gegenstück zum Denken meines Doktorvaters, in der unbestimmten Hoffnung, dass es bei der Beurteilung einer Qualifikationsarbeit nicht ums Beurteiltwerden, sondern ums Verstandenwerden geht.

Ich glaube es war Jörg Bernardy, der mir dann Claudia Bickmann empfohlen hat. Ich las verschiedene Aufsätze von ihr, schließlich ihre Habilitationsschrift mit dem Titel ‚Differenz oder das Denken des Denkens‘. Was ich fand, war ein Denken, das sich selbst beim Denken beobachtete – konsequent, unerbittlich, immer mit Blick auf die es anleitende Frage. Ich war begeistert. ‚Differenz oder das Denken des Denkens‘ wurde mir, wie Schweidlers ‚Die Überwindung der Metaphysik‘ und Schällibaums ‚Reflexivität und Verschiebung‘ zu einer der Schriften, an denen ich mich immer wieder abarbeitete.

Gemeinsamkeiten können einen verzweifeln lassen, insbesondere dann, wenn man sich noch gar nicht persönlich kennt. Entsprechend nervös stand ich vor der Tür in der Universität zu Köln und wartete auf die Philosophin. Und ich erwartete, was man in solchen Situationen eben erwartet: Eine Professorin, die gemessenen Schrittes, vielleicht von Assistenten begleitet, um die Ecke biegt und einen erst einmal keines Blickes würdigt. Man müsste warten, bis sie ihr Gespräch beendet hat und dann vorsichtig die Stimme erheben, um wahrgenommen zu werden.

Aber das Erste, was dann da um die Ecke bog, war ein Büschel schwarzer Locken. Es gehörte zu einem wachen Gesicht mit neugierigen und freundlichen Augen, das, während ein Finger auf mich zeigte, zuerst fragend aussah und dann in helle Freude ausbrach, als ich nickte. Die Wärme und Herzlichkeit dieses ersten Moments werde ich nie vergessen, ebenso wenig die Dankbarkeit, die ich empfand.

Diesem ersten Treffen folgten viele weitere. Claudia Bickmann war eine routinierte Beobachterin. Sie sprach nicht sehr laut, dafür sehr schnell. Noch schneller dachte sie. Die Gespräche mit ihr waren beinahe stenographisch; man musste einen Gedanken nur anreißen, schon war beiden klar, was gemeint war. Sie konnte mühelos die Jahrtausende überbrücken, sprang von Platon zu Derrida, von Heidegger zurück zu Plotin, aber auch von China nach Griechenland nach Indien nach Japan. Meine Vorstellung einer philosophischen Komparatistik, bislang nur eine undeutliche Idee am Denkhorizont des angehenden Doktoranden, fand in ihr ein gelebtes Vorbild.

Zu meiner Disputation konnte sie leider nicht persönlich kommen. Wir fanden eine Lösung, indem wir sie per Internet zuschalteten und in einem riesigen Bild an die Wand projizierten. Ich sah sie auf einem kleinen Computerbildschirm – für alle anderen schwebte sie, mit verschmitztem Gesichtsausdruck, über meinem Kopf. Noch in der Prüfung zielten ihre Fragen stets auf das, was uns beide philosophisch beschäftigte. Am Ende sah sie mir über die Kamera direkt in die Augen und lächelte. Ich habe sie danach nur noch zwei Mal wiedergesehen, immer am Rande von Veranstaltungen. Sie war herzlich wie immer, fragte nach meinen Plänen und freute sich für und über mich. Ich ging danach stets beschwingt nach Hause.

Am 30. April 2017 ist Claudia Bickmann im Alter von 64 Jahren gestorben. Sie lebt weiter in dem, was sie zu geben hatte und in denen, die dafür für immer dankbar bleiben.“ (Daniel-Pascal Zorn)

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„Den Denkenden wird wohl am meisten Ehre erwiesen, wenn nach ihrem Tod ihr Werk weiterhin rezipiert wird. Hier daher einer meiner Lieblingsgedanken von Prof. Bickmann aus ihrer Schrift „Kants Weltphilosophie“:

„Wir finden uns mit Blick auf die gegenwärtige Orientierung der Philosophie an den Ergebnissen der neueren Biologie und Verhaltensforschung erneut – vom Wiederaufleben der Darwinschen Evolutionsbiologie begleitet – renaturalisiert, in das Reich der Natur versetzt, mithin also an jenen Ort, von dem aus die Prozesse der Zivilisierung und Kultivierung einstmals ihren Ausgang nahmen. In ihrem Horizonte können wir uns als vorbewusst agierende Epiphänomene vorgelagerter neuronaler Strukturen begreifen.“

Eleganter ist der neuerdings erhobene biologistische Ton in der Philosophie wohl kaum karikiert worden. Unsere gemeinsame Welt ist fort, jetzt müssen wir dich tragen. Ruhe in Frieden.“ (Björn Karg)

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