Die letzte Reise

Eine Momentaufnahme von Linda Rachel.

Seit fünf Uhr sei sie wach, erzählt sie mir um 7 Uhr 51. Die alte Dame ist meine Tischnachbarin im ICE auf dem Weg nach Köln.

91 sei sie, erzählt sie mir.

Vor 85 Jahren sei sie zum ersten Mal mit dem Zug gefahren, als kleines Mädchen an der Hand ihres Vaters am Kölner Hauptbahnhof ein- und in Frankfurt wieder ausgestiegen. Wunderbar sei das gewesen, Limonade hätte es gegeben und eine tadellose Aussicht auf Rhein und Main.

Der Geruch am Fernbahnhof, das erzählt sie mir, war ein ganz anderer. 1933 roch es anders in Deutschland, bleiern, schneidender, aber auch simpler. Sie erzählt, ich lasse sie reden. Lege mein Buch zur Seite, schließe den Laptop.

Die Fahrt sei damals, in dem dunklen, schweren Waggon, wesentlich langsamer gewesen, heute, sie beklagt sich, sei ihr alles zu schnell.

Ihre Hände sind schmal und von Altersflecken bedeckt, die Finger krumm, Rheuma, die Nägel fein und gepflegt. Sie riecht nach Seife und Haarlack, ihr Wollkostüm ist zwei Nummern zu groß.

Es mache sie traurig, sagt sie, während sie eine Banane aus ihrer Handtasche auf den Tisch legt, dass dies ihre letzte Reise sei. Krank sei sie, zu krank, um weiterhin ein selbstbestimmtes Leben in Berlin zu führen. Nun ziehe sie zu ihrer Tochter und dem schweigenden Schwiegersohn in den Kölner Süden.

Sie wisse, sagt sie mit Schwermut, während sie aus dem Fenster schaut, dass dies ihre letzte Reise sei. Ihre Tochter bestand auf eine begleitete Zugfahrt, doch sie, die Dame, bestand darauf, ihre letzte Reise alleine anzutreten. Nicht an der Hand des längst gegangenen Vaters, nicht an der Hand ihrer Tochter, nicht gestützt durch ihren Gehwagen, der in Köln auf sie warte.

Es freue sie, das möchte sie mir unbedingt sagen, dass ich zum Mosaik der Erinnerung ihrer letzten Zugfahrt gehöre.

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