Eine enorme Bereicherung

Laszlo Trankovits war über 35 Jahre Büroleiter und Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur (dpa), unter anderem in den USA, im Nahen Osten, in Italien und Afrika. Derzeit lebt er in New York und ist als Repräsentant der dpa-Geschäftsführung für die Umsetzung von dpa-Projekten in den USA verantwortlich. In seinem Buch „Die Nachrichtenprofis – Warum Qualitätsjournalismus für unsere Demokratie unverzichtbar ist“, das in der Reihe Frankfurter Allgemeine Buch erschienen ist, schreibt er:

„Unbestritten ist die enorme Bereicherung der öffentlichen Diskurse durch all die klugen Leute in allen nichtmedialen Berufen und Branchen, die bisher nur über traditionelle Medien oder Bücher Öffentlichkeit herstellen konnten. Nun sind sie aber eine gewichtige Stimme im täglichen Diskurs geworden. Gute Beispiele sind Blogs des vielseitig begabten Künstlers und Autors Gerd Buurmann, des Publizisten Roland Tichy, des Schriftstellers Gideon Böss oder die smarten Autoren von der Achse des Guten.“

Laszlo Trankovits setzt sich in dem Buch mit der Tatsache auseinander, dass die traditionellen Medien das Privileg verloren haben, die Öffentlichkeit mit Nachrichten zu versorgen, weil das Internet neue und ungeahnte Möglichkeiten geschaffen hat, um an Informationen zu gelangen und sie zu verbreiten. Demokratie braucht aufgeklärte und informierte Bürger. Daher beleuchtet Laszlo Trankovits am Beispiel der dpa die Notwendigkeit und die Perspektiven des Qualitätsjournalismus. Der Tenor des Buchs kann am besten mit dieser großartigen Anfangssequenz der amerikanischen Serie „The Newsroom“ beschreiben werden:

Die Erfindung des Internets ist heute so eine Revolution wie vor sechshundert Jahren die Erfindung des Buchdrucks. Beide Technologien haben große Gemeinsamkeit. Die größte Gemeinsamkeit dürfte wohl darin liegen, dass der Buchdruck wie das Internet größtenteils zur Vervielfältigung schundhafter Literatur genutzt wird. Befinde Technologien befeuerten die Pornografie.

Zudem machte der Buchdruck den Beruf des Kopisten überflüssig. Kopisten vervielfältigten Schriften in Handarbeit. Sie waren überwiegend Mönche. Mit der Erfindung des Buchrucks verlor die Kirche somit einen großen Herrschaftsanspruch über die Verbreitung von Wissen. Die Kirche wehrte sich und unkte, mit dem Buchdruck verschwimme die Grenze zwischen relevantem und unnützem Wissen. Heute sind es andere Institutionen, die im Internet die große Verwässerung befürchten. Dabei ist es oft nur ein Beklagen des eigenen Macht- und Einflussverlustes.

Die Kritik an neuen Technologien ist notwendig!

Der Buchdruck brachte auch Katastrophen mit sich. Martin Luther zum Beispiel konnte Dank des Buchdrucks nicht nur seine Thesen der Reformation vervielfältigen sondern ebenfalls seine judenfeindlichen Traktate. Mit dem Buchdruck hatten nicht nur viel mehr Menschen plötzlich Zugang zu Bildung, es konnten auch mehr Menschen ihre Meinung veröffentlichen und zwar unabhängig vom Inhalt. Der Buchdruck presste den Judenhass in den Mainstream, wie heute das Internet.

Die Reformation von Martin Luther war eine Buchdruck-Revolution, so wie die Aufstände im arabischen Raum vor einigen Jahren eine Facebook– und Twitter-Revolution waren. So wie der Buchdruck zur Reformation führte, was die Spaltung der Kirche zur Folge hatte und im Dreißigjährigen Krieg einen brutalen Höhepunkt erreichte, so sorgt heute das Internet dafür, dass sich im arabischen Raum die Gläubigen spalten.

Heute haben alle Muslime den gleichen Zugang zum Internet, mögen sie nun Reformmuslime sein oder Angehörige des Islamischen Staates – und so wie damals bei den Christen sind auch heute bei den Muslimen die Reformatoren nicht weniger jundenfeindlich als die Konservativen.

Bei den Christen war es der Reformator Martin Luther, der den Judenhass in den Mainstream schrieb. Ein paar Jahrhunderte später im 19. Jahrhundert war es wieder ein Reformator, der Bücher gegen Juden drucken ließ. Sein Name war Wilhelm Marr. Er war Journalist, Atheist, gehörte dem extrem linken Flügel der radikal-demokratischen Partei um 1848 an und er hasste Juden! Ich werde daher immer ganz skeptisch, wenn ich höre, jemand sei ein Reformator!

In Berlin erschien im Februar 1879 Marrs Propagandaschrift “Der Sieg des Germanenthums über das Judenthum – Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet”, die noch im selben Jahr zwölf Auflagen erlebte. Der Buchdruck machte es möglich. In dieser Schrift grenzt sich Marr deutlich von der traditionellen religiösen Judenfeindschaft ab und behauptet stattdessen, dass die Juden eine fremde Rasse von „Parasiten“ seien, die erfolgreich die Ausbeutung Deutschlands betreiben. Diesen Paradigmenwechsel von Religion zu Rasse verdeutlichte er durch die Benutzung des Begriffs „Antisemitismus“. Marr prägte wesentliche Klischees und Schlagworte. Er legte 1880 mit seiner Schrift “Goldene Ratten und rothe Mäuse” die Basis für die verschwörungstheoretische Gleichsetzung von Judentum, Kapitalismus und Kommunismus, wie sie später Adolf Hitler in “Mein Kampf” vertrat.

Auch „Mein Kampf“ konnte nur Dank des Buchdrucks millionenfach vertrieben werden. Der Buchdruck hat dafür gesorgt, dass Faschisten, Kommunisten und Fundamentalisten ihre Gedanken mit Flugblättern schnell und effektiv unter das Volk bringen konnten, aber der Buchdruck hat auch die Aufklärung möglich gemacht. Der Buchdruck hat die Welt demokratisiert! Der Widerstand der „Weißen Rose“ war ein Widerstand des Buchdrucks. So wie die Geschwister Scholl damals den Buchdruck nutzten, so nutzt der Widerstand heute das Internet.

Heute sorgt das Internet dafür, dass immer mehr Menschen an Informationen gelangen können. Es ermöglicht aber auch die massenhafte Verbreitung von Hass und Fake News in einer Art, wie es der Buchdruck nicht ermöglichte. So wie das judenfeindliche Machwerk „Die Protokolle der Weisen von Zion“ einst als Buch fröhliche Urstände feierte, so ist es heute im Internet ein Hit.

Das Internet hat gerade erst angefangen, die Welt zu reformieren. So gut wie jeder Mensch hat Dank dieser neuen Technologien heute Zugang zum Wissen der Welt. Jeder Mensch kann zudem heute seine Gedanken veröffentlichen, es sei denn, er lebt in Nordkorea, mögen die Gedanken nun falsch oder wahr, gut oder schlecht sein. Das Internet stellt uns vor ganz neue Herausforderungen und genau damit setzt sich Laszlo Trankovits in seinem Buch „Die Nachrichtenprofis“ auseinander.

Eins ist jedoch klar. Die Erfindung des Internets ist da und wird uns nicht mehr verlassen. Verbote werden nichts bringen! Internetseiten zu löschen, im Glauben, man würde dadurch etwas verhindern ist so produktiv, wie Bücher zu verbrennen. Es ist ein symbolischer Akt, nicht mehr und nicht weniger, dafür aber ein fragwürdiger. Wir können uns nur noch anschnallen, denn das Flugzeug hat den Boden verlassen.

So wie der Buchdruck einst das Christentum reformiert und gespalten hat, mit all den blutigen Nebenwirkungen, so wird heute das Internet den Islam spalten und reformieren. Die islamische Reformation wird nicht minder grausam ausfallen als die christliche Variante, vielleicht sogar noch brutaler in Anbetracht all der neuen Waffen.

Wir tun gut daran, in dieser neuen Welt gut informiert zu sein.

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