Ein kleines Rätsel

Ein Vater und sein Sohn haben einen schrecklichen Unfall auf einer Autobahn. Der Vater ist sofort tot. Der Sohn jedoch wird lebensgefährlich verletzt in eine nahe gelegene Ambulanz gebracht, wo ein Team von Ärzten sich dem schwer verletzten Jungen annehmen möchte, als plötzlich jemand von den Ärzten ruft: „Ich kann ihn nicht operieren. Er ist mein Sohn!“

Wie ist das möglich?

Nun, die Antwort ist vollkommen simpel und doch gibt es viele Menschen, die nicht darauf kommen. Probieren Sie es selber einmal aus. Die Antwort lautet: Der Arzt ist die Mutter des Sohnes!

Mit dem Begriff „Team von Ärzten“ wurde nichts über das Geschlecht der Ärzte ausgesagt. Dennoch stellt sich in den Köpfen der meisten Menschen, die diesen Begriff hören, nicht die Möglichkeit ein, die Ärzte könnten weiblich sein. Hätte ich von einem Team von Ärztinnen und Ärzten gesprochen, so hätte sich dieses Problem nicht ergeben.

Der Feminismus hat wie der Humanismus viele Menschen befreit. Ich bin daher überzeugter Feminist. Allerdings mag ich die Silbe „-in“ nicht sonderlich, denn für mich setzt diese kleine Silbe das Geschlecht einer Person in einem Umfeld fest, wo das Geschlecht nicht von Bedeutung ist. Ich muss nicht wissen, welches Geschlecht ein Bäcker hat, um herauszufinden, ob sie gute Brötchen backt. Wenn sie gute Brötchen backt, dann ist sie meine Bäcker! So einfach ist das.

Ich stelle mir gerade vor, ich sei Bäcker und jemand würde sagen, ich sei ein Bäckeron. Ich würde natürlich fragen, was die Silbe „-on“ soll und dann würde dieser jemand sagen, sie, ja sie, haben Sie etwa geglaubt, dieser Jemand sei ein Mann, jedenfalls, sie würde sagen, damit ausdrücken zu wollen, dass ich männlich sei. Wie würde ich regieren? Ich würde denken, was genau tut jetzt mein Geschlecht hier zur Sache? Ich backe Brot. Ist mein Penis da wirklich von Bedeutung?

Ich bin ein Mann. Als Mann kenne ich das Gefühl nicht, über mein Geschlecht als das Andere vom Eigentlichen definiert zu werden. Es gibt keine extra Silbe für mich als Mann. Mannsein ist keine Abweichung von der Norm. Frausein jedoch ist eine Abweichung, die sogar sprachlich über eine Derivation manifestiert wird. Eine Ärztin ist ein Arzt mit der Abweichung, Frau zu sein. Nichts anderes erklärt die Silbe „-in“. Sie macht das Geschlecht der Frau zur Abweichung.

Ich bin mir meiner Privilegien als Mann vollkommen bewusst. Vielleicht auch gerade deshalb kommt es mir absolut nicht erstrebenswert vor, in einer Welt leben zu müssen, wo mein Geschlecht eine Abweichung vom eigentlich Stamm ist. Gerd Buurmann ist ein Bloggeron. Ich fände das befremdlich.

Ein Bäcker ist eine Person, die backt. Eine Bäckerin jedoch ist eine Person, die backt und weiblich ist. Während es für einen Bäcker irrelevant ist, was er oder sie zwischen den Beinen hat, wird die Weiblichkeit für die Bäckerin konstitutiv. Der Mann ist Mensch, die Frau ist ein weiblicher Mensch. Simone de Beauvoir hat es in ihrem Meisterwerk „Das Andere Geschlecht“ so treffend analysiert. Der Mann ist Mensch (homme) die Frau ist Frau (femme). Mit der Silbe „-in“ wird genau dieses Dilemma verstärkt. Ein gutes Beispiel dafür ist folgender Dialog:

A: „Hast Du gehört? Anne Will ist Journalistin des Jahres geworden!“

B: „Echt? Und wer ist Journalist des Jahres geworden?“

Hätte man gesagt, Anne Will ist „Journalist des Jahres“ geworden, hätte es dieses Problem nicht gegeben. Wenn man aber sagt, „morgen findet ein Treffen der Journalisten des Jahres statt“, dann denken wieder weniger an Frauen. Es ist Dilemma, für das es keine einfache Lösung gibt. Auf der einen Seite kann die konsequente Weigerung der Nutzung der Silbe „-in“ dazu führen, dass Frauen ausgespart und verschwiegen werden, so dass sich jede Frau ständig fragen muss, ob sie auch gemeint ist, auf der anderer Seite kann die konsequente Nutzung der Silbe dazu führen, dass Frauen in einer Art über ihr Geschlecht definiert werden, wie es bei Männer nicht der Fall ist.

Es gibt noch eine andere Variante des Rätsels. Sie geht wie folgt:

„Drei Bauarbeiter sind in der Pause. Zwei trinken Bier. Die beiden Biertrinker fragen die dritte Person: „Was ist denn los?“ Da sagt sie: „Ich bin schwanger!“

Auch diese Version zeigt, dass bei dem Begriff Bauarbeiter nicht automatische die Möglichkeit des Frauseins mitgedacht wurde. Allerdings ist auch eine andere Variante möglich.

„Drei Bauarbeiter sind in der Pause. Zwei trinken Bier. Die beiden Biertrinker fragen die dritte Person: „Was ist denn los?“ Da sagt sie: „Ich bin Moslem!“

Diese Version zeigt, dass bei dem Begriff Bauarbeiter auch die religiöse Zugehörigkeit nicht mitgedacht wird. Ich fände es jedoch mehr als befremdlich, wenn wir jetzt anfangen würden, Silben, Sternchen, Gaps und andere grammatikalische Derivationen für religiöse Zugehörigkeiten oder Hautfarben einzuführen. Bei Geschlechtern finde ich solche Derivationen nicht weniger befremdlich.

Ich als Mann kann nicht nachempfinden, was es bedeutet, in einer Sprache denken zu müssen, die mich ständig vor Identitätskrisen stellt. Die Sprache lässt sich aber nicht per Dekret ändern. Sprache ändert sich durch Gebrauch und vor allem über Jahrhunderte. Unsere Sprache ist älter als wir alle. Sie wird uns überleben und sich dabei ständig ändern. Das ist unser Schicksal aber auch unsere Chance.

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