Nächstes Jahr in Jerusalem!

Für Israel tritt Netta Barzilai mit dem Lied „Toy“ von Doron Medalie und Stav Bege beim Eurovision Song Contest 2018 in Lissabon. Netta Barzilai sagt, das Lied sei von der #metoo-Bewegung inspiriert, solle jedoch als Motivation für alle Menschen gelten.

Nicht selten wurden und werden Frauen, die selbstbewusst ihre körperliche Selbstbestimmung verteidigen und sexuelle Übergriffe lautstark ansprechen und anprangern als „hysterische Hühner“ beleidigt. Netta Barzilai aber lässt sich nicht beleidigen. Sie macht, was Emanzipationsbewegungen oft gemacht haben: Sie nimmt den Begriff der vermeintlichen Beleidigung und macht daraus eine selbstbewusste Waffe des Stolzes.

So wie sich Homosexuelle einst das Wort „schwul“ zurückeroberten, so bemächtigt sich Netta Barzilai der Klänge der Hühner und ruft in wunderbaren Tönen und Rhythmen Frauen auf, selbstbewusst zu sich zu stehen und respektlose Männer in die Schranken zu weisen. Dabei verbindet sie dann auch noch das Wort „Junge“ (Boy) mit dem Geräusch, das Hühner beim Gackern machen und erreicht dadurch den Gipfel der Ironie.

Sie bedient sich zudem mit Elementen des fernen Asiens. Diese Region wurde und wird gerade von der westlichen Kultur oft als unterwürfig behandelt. Asiatische Frauen werden nicht selten als „stets verfügbares Weib“ dargestellt. Netta thematisiert somit Sexismus, den es sowohl im Westen als auch im Osten gibt, verbindet ihn mit rassistischen Stereotypen in unserer Gesellschaft, nutzt asiatische Elemente in Outfit und Worten, sie erwähnt zum Beispiel in humorig anzüglicher Weise die japanische Videospielfigur Pikachu, persifliert und ironisiert das alles, um eine Opferrolle gar nicht erst aufkommen zu lassen und plädiert schlussendlich für eine Vielfalt, in der alle Subjekte sind und niemand ein Spielzeug ist.

Auch die Tänzerinnen unterstreichen mit ihrer Performance das Plädoyer für Vielfalt und Individualität, denn sie tanzen nicht synchron. Jede einzelne Tänzerin ist eine Welt in sich, mit eigenen Bewegungen und Ausdrücken. Sie tanzen nicht, um zu gefallen. Sie tanzen, weil sie Freude daran haben, an sich und am Leben. Ihr Stil ist nicht devot, sondern offensiv. Sie sind keine Spielzeuge!

„Toy“ ist an der Oberfläche schrill, bunt und camp. Das Lied kann genossen werden, ohne nachzudenken. Wer jedoch nachdenkt, merkt, was alles in dem Kunstwerk steckt.

Ich wünsche mir, dass dieses Lied den Sieg holt, gerade im Jahr der #metoo-Debatte und des siebzigjährigen Bestehens des Staates Israel, ein Land, in dem das Wort „Jude“ keine Beleidigung ist, wie an so vielen Orten in Europa und der arabischen Welt, sondern wo man stolz ist, ein Jude zu sein, eine Frau, homosexuell oder eben alles zusammen!

Nächstes Jahr in Jerusalem!

Nachtrag: Am 14. Mai 2018 gewann Netta Barzilai mit „Toy“ den Eurovision Song Contest!

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