Eine Frage des Respekts – Das Tanzverbot an Karfreitag muss verschwinden

An Karfreitag erinnern Christen der Menschwerdung ihres Gottes. Sie glauben, dass Gott Mensch wurde, indem er litt, starb und im Sterben an Gott, also an sich selbst, zweifelte. In den Evangelien des Markus und Matthäus finden sich folgende letzte Worte von Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ Der Zweifel macht den Menschen aus. Jesus hadert mit Gott. Gott zweifelt an Gott. Da muss man erst einmal drauf kommen!

An Karfreitag hören Christen keine Musik, tanzen nicht und die Kirchenglocken schweigen. Karfreitag ist für Christen ein besonderer Tag. All das gilt es zu respektieren. Religion ist Privatsache. Wenn aber von Nicht-Christen erwartet wird, sich an religiöse Gesetze zu halten, dann ist es eine Respektlosigkeit.

Ein Kölner Wirt wollte seine Gaststätte am Karfreitag für die Feierlichkeit eines Brauchs vermieten, der sowohl im Islam als auch im Judentum von elementarer Bedeutung ist. Die Kölner Stadtverwaltung untersagte die Feierlichkeit jedoch mit Hinweis auf das Feiertagsgesetz.

Das Land Nordrhein-Westfalen untersagt es allen Bürgerinnen und Bürgern, mögen sie nun christlich sein oder nicht, an Karfreitag Theater zu spielen oder öffentliche Tanzveranstaltung zu besuchen. Von Mitternacht bis zum Samstag um 6 Uhr morgens, also ganze 30 Stunden, untersagt das Land NRW folgende Aktivitäten: Märkte, gewerbliche Ausstellungen, Sportveranstaltungen einschließlich Pferderennen, Zirkus, Volksfeste, Freizeitanlagen, soweit dort tänzerische und artistische Darbietungen erfolgen, alle Unterhaltungsveranstaltungen einschließlich sämtlicher, auch klassischer, Theater- und Musikaufführungen wie Opern, Operetten, Musicals, Puppenspiele und Ballett, Spielhallen, Wettannahme, musikalische sowie sonstige unterhaltende Darbietungen in Gaststätten sowie alle anderen der Unterhaltung dienenden öffentlichen Veranstaltungen einschließlich Tanz. Mit anderen Worten: Karfreitag ist NRW ein Gottesstaat und das Ordnungsamt sind Sittenwächter, die darauf achten, dass die religiöse Sitte eingehalten wird!

An Karfreitag nutzt der Staat sein Gewaltmonopol, um eine religiöse Sitte zu erzwingen. Das ist respektlos.

Das Feiertagsgesetz ist Ländersache. Es gibt Bundesländer, in denen das Verbot herrscht und andere, die dieses Verbot nicht kennen. Da stellt sich mir die Frage, wenn ich nun an der Grenze zweier Bundesländer, auf der Seite spiele und tanze, wo das Spielen und Tanzen an Karfreitag erlaubt ist, mein Publikum aber ganz ruhig und still auf der Seite sitzt, wo es verboten ist, macht sich dann wer strafbar?

Vom Verbot nicht betroffen sind Kino, Radio und Fernsehen. Die dürfen senden, was sie wollen. Soviel zum Thema Gleichheitsgrundsatz! Vom Verbot ebenfalls nicht betroffen, sind ein paar religiöse Stücke. Heinrich Heine ist verboten! Hedwig Dohm, Kurt Tucholsky und Neil Simon auch. Felix Mendelssohn Bartholdy sowieso. Nicht verboten ist jedoch die Oper „Parsifal“ von Richard Wagner! Im Jahr 2013 wurde das Werk in der Oper Köln gegeben, während allen anderen Theatern in Köln das Spielen unter Androhung empfindlicher Geldstrafen verboten wurde.

Wenn die Politik entscheidet, welche Stücke gespielt werden dürfen und welche nicht, so ist das Zensur!

Im “Parsifal” gibt es eine Figur, die Kundry heißt. Sie ist von Richard Wagner als eine Art “ewige Jüdin” angelegt. Kundry ist eine Frau, die Jesus auf seinem Weg zur Kreuzigung verspottet und ausgelacht hatte und daher dazu verflucht wurde, in ständiger Wiederkehr durch die Welt zu wandern. Erlöst wird sie erst im dritten Akt an Karfreitag. Es ist der Tag, an dem sie Jesus erkennt und schließlich getauft wird. Mit der Taufe endet der Fluch und Kundry findet ihren Frieden. Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet diese Oper zu den wenigen Stücken gehört, die an Karfreitag in NRW gezeigt werden dürfen. In der Geschichte des Christentums hatten es Juden nämlich besonders an Karfreitag schwer, da sie jahrhundertelang für den Tod von Jesus verantwortlich gemacht wurden.

Nirgends wurde dieser christliche Vorwurf an Juden deutlicher propagiert, als während der Karfreitagsfürbitte für Juden, den die römischen Katholiken, Altkatholiken und manche Anglikaner über Jahrhunderte verwendeten und teilweise immer noch verwenden. Im 6. Jahrhundert tauchen die ersten Karfreitagsfürbitten auf, in denen Gott darum gebeten wird, Juden den „Schleier von ihren Herzen“ wegzunehmen, ihnen die christliche Erkenntnis zu schenken und so der „Verblendung ihres Volkes“ und „Finsternis“ zu entreißen. Ab 750 wurden Juden in den Karfreitagsfürbitten perfidis („treulos“) genannt und ihr Glauben als iudaica perfidia („jüdische Treulosigkeit“) bezeichnet. Eine zaghafte Kritik an der traditionellen Judenfürbitte wurde erst nach der Shoa formuliert, aber 2008 erlaubte Papst Benedikt XVI. eine abgeschaffte Karfreitagsfürbitte für die alte lateinische Messe schon wieder. Der Wortlaut lautet: “Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen.”

Im “Parsifal” erkennt Kundry Jesus als Retter und wird getauft. “Parsifal” darf an Karfreitag in NRW gespielt werden.

Wenn es für einen vor zweitausend Jahren durch Römern ermordeten Juden ein Tanzverbot gibt, aber für 6 Millionen von Deutschen vor 70 Jahren ermordeten Juden nicht, dann bist Du in Deutschland.

Als Hauptgrund für die Entscheidung der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, an dem Feiertagsgesetz festzuhalten, wird immer wieder der Ruf nach Respekt angeführt. An einem Tag im Jahr, so heißt es, dürfe der christliche Teil der Gesellschaft durchaus mal Respekt für seinen Glauben verlangen. Ein einziger Freitag im Jahr ohne Kunstfreiheit, Tanzen und dem Recht auf freie Entfaltung könne schließlich nicht so schlimm sein.

Für mich haben Kunst, Kultur, Aufklärung und Liberalismus den gleichen Stellenwert wie für andere Menschen ein religiöser Glaube. Theater ist für mich Menschendienst, wie die Kirche für Christen Gottesdienst ist. Wie würden Christen reagieren, lebten sie in einem Land, in dem ihnen die Heilige Messe oder der Gottesdienst für nur einen einzigen Sonntag im Jahr untersagt wäre, mit der Begründung, einmal im Jahr dürfe die Religion durchaus mal ruhen, es sei schließlich nur ein Tag im Jahr!

Respekt kann nicht erzwungen werden. Respekt ist eine Form der Wertschätzung, ein Geschenk der Aufmerksamkeit und der Ehrerbietung. Respekt ist nur da möglich, wo sich ein Mensch frei dazu entscheidet, seine Wertschätzung und seine Aufmerksamkeit zu schenken. Alles andere ist Zwang. Es ist wie ein Kind, das von der Mutter gezwungen wird, Danke zu sagen. Ein erzwungenes Danke ist kein Dank und erzwungener Respekt ist kein Respekt!

Das Karfreitagsgesetz ist zudem eine staatlich vorgeschriebene Gotteslästerung! Es ist nämlich gotteslästerlich zu glauben, der allmächtige Gott brauche menschliche Institutionen und Regierungen, um seine Macht zu bezeugen. Ein Staat, der sich so etwas anmaßt, reduziert den Allmächtigen zu einem Wesen, so schwach, so mickrig und so unbedeutend, dass er sogar der Hilfe der Landesregierung NRW bedarf. Respekt und Ehrfurcht vor Gott sehen anders aus!

Ein Glaube, der es nicht schafft, die Herzen seiner Anhänger ohne staatlichen Zwang zu erreichen, ein Glaube, der nicht stark genug ist, dass er sich auch unter Nachbarn mit fremden Sitten und Gebräuchen entfalten kann, ein Glaube, der nur leben kann, wenn er anderen Menschen Fesseln anlegt, ist ein schwacher Glaube. Ein Gott, der auf Staatsdiener angewiesen ist, um seinem Wort Nachdruck zu verleihen, ist ein armseliger Gott!

Warum müssen die Christen in NRW alle Menschen an Karfreitag zwingen, sich an ihre Gesetze zu halten? Warum fühlen sich diese Christen von Theaterstücken, Konzerten oder Tanzveranstaltungen gestört, obwohl sie in separaten Räumen stattfinden und sie nichts davon mitkriegen, wenn sie zu Hause oder in der Kirche ihren Karfreitag begehen?

Es gibt Christen, die mir sagen, ich solle dankbar sein, dass mir ein stiller Tag geschenkt wird. Für mich ist Karfreitag aber kein stiller Tag, im Gegenteil: So wie der Karfreitag zur Zeit abläuft, ist er für mich purer Stress. Den ganzen Tag lang muss ich aufpassen, nicht ich selbst zu sein, weil ich mich sonst strafbar mache. Ruhe sieht anders aus!

Ich wünsche mir mehr Gelassenheit. Glaube, woran Du willst, ich hindere Dich nicht daran. Du kannst still sein, Deinen Laden zu lassen und beten. Aber bitte zwinge mich nicht dazu, mitzumachen! Ich respektiere Dich. Bitte respektiere Du auch mich!

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16 Antworten zu Eine Frage des Respekts – Das Tanzverbot an Karfreitag muss verschwinden

  1. osthollandia schreibt:

    Sie hätten ja Recht, wenn… – ja wenn das Land sich auf seine humanistische Tradition berufen würde, was es nicht tut. Es beruft sich auf die christliche Tradition und die ist weniger vom Katholizismus tradiert als vom Protestantismus. Für Leute wie mich, die nicht einverstanden sind mit dieser Tradition gilt an solchen Tagen „heul doch!“. Aber ganz ehrlich, zu den stillen Feiertagen gehört noch der Volkstrauertag (vorletzter Sonntag vor dem 1. Advent), Allerheiligen (01.11.) und der Totensonntag (letzter Sonntag vor dem 1. Advent) und früher auch noch der Heldengedenktag. Gab oder gibt es da irgendwelche Einwände? Ich gönne den Leuten die paar stillen Tage im Jahr. Und Karfreitag ist mir lieber als der Heldengedenktag, ganz ehrlich. Schon von der Motivation her.

  2. Falscher Hase schreibt:

    Vielleicht sollte Hr. Buurmann es selber mal mit Toleranz und Respekt versuchen, die er ja von anderen stets einfordert.
    Toleranz und Respekt gegenüber christlichen Feiertagen und Gebräuchen. Wie wäre das?
    Es tut ganz bestimmt nicht weh und im Gegenzug bekommen Sie dafür Feiertage geschenkt.

    • tapferimnirgendwo schreibt:

      Ich bin Christ und finde es sehr respektlos, dass Sie mir mangelnden Respekt meiner Religion gegenüber unterstellen. Ich weiß nicht, wie es um Ihren Gott bestellt ist und ob Sie einen haben, an den Sie glauben, aber mein Gott hat Humor und ist allmächtig. Es ist daher zutiefst beleidigend und respektlos zu behaupten, Gott brauche weltliche Gesetze, um seine Macht zu bezeugen. Es ist auch respektlos und beleidigend zu behaupten, man dürfe nicht über Gott lachen oder über die zum Teil sehr albernen Kreaturen, die er geschaffen hat.

      • Falscher Hase schreibt:

        Es geht ausnahmsweise mal nicht um Sie (oder um mich), sondern um all diejenigen Christen für die der Karfreitag ein spiritueller Tag der inneren Einkehr und der Besinnung ist.
        Wäre es ihnen möglich, Ihre persönlichen Bedürfnisse an diesen wenigen Tagen im Jahr hintenan zu stellen?
        Können Sie das irgendwie nachvollziehen ?

        • tapferimnirgendwo schreibt:

          Ich bin mir sicher, all diese Christen haben heute besseres zu tun, als meine Texte zu lesen. Außerdem habe ich ein Problem damit, wenn sich Leute als Fürsprecher von Menschen aufspielen, obwohl sie von diesen Menschen nicht dazu ernannt wurden, für sie zu sprechen. Sprechen Sie daher für sich. Oder für jene, die zu ernannt haben, für sie sprechen.

          • Falscher Hase schreibt:

            Ich muss von Irgendjemanden ernannt werden um sie kritisieren zu dürfen?
            Interessante Vorstellungen von Meinungsfreiheit haben Sie da.

        • meine2cents schreibt:

          Ach, wäre es doch nur der Karfreitag! Aber mancherorts Dauer das Verbot des Feierns und des Filmezeigens von Gründonnerstag bis Karsamstagabend. Ob die Christen die ganze Zeit über Meditieren und Beten und stille daheim oder in der Kirche sitzen? Ich wage das zu bezweifeln.

  3. Lancelot schreibt:

    Was wäre, wenn es andersherum wäre?

    Wenn wir in einer Welt leben, die seit Jahrtausenden von verschiedenen Kunststömungen geprägt wäre.
    Eine Welt, in der also die Kunst vorherrscht und hochrangige Künstler wichtige Ämter innehaben würden und Staat, Politik und Gesellschaft stark beeinflussen würden?
    Eine Welt, in der vor 2000 Jahren ein Künstler auftrat, der die Menschen mit seinen tollen Kunstideen belehrt, eine neue Kunstströmung begründet und dann hingerichtet wurde.
    Seine Lehren hätten sich dann auf der ganzen Welt verbreitet und man würde ihnen folgen.
    Das bedeutet, ständig finden über das Jahr verteilt, viele künstlerische Veranstaltungen statt, weil diese neue Kunstströmung das Feiern liebt und die Stille ablehnt.
    Und der Tag seiner Hinrichtung ist ein bedeutender Feiertag, an dem mit großartigen Theateraufführungen, Tänzen und Musikveranstaltungen gefeiert werden würde und diesem Feiertag würde man seit 2000 Jahren feiern.
    Nun nehmen wir an, das Interesse an der Kunst sei in der jüngeren Geschichte aus verschiedenen Gründen zurückgegangen, die Menschen interessieren sich immer weniger für ständiges Feiern und wollen auch mal ihre Stille haben.
    Insbesondere die Kirche und die Religion, die sich mehr für Ruhe und Stille, als für vieles Feiern und Aktivität einsetzen, findet immer mehr Anhänger.
    Es wird also immer weniger mit Theater, Tanz und Musik gefeiert, auch wenn es nach wie vor noch feiernde Menschen im Land gäbe (hauptsächlich ältere Jahrgänge).
    Einer dieser feierlustigen Menschen sind Sie, Herr Buurmann, der eben noch so aufgewachsen ist und erzogen wurde und gerne künstlerische Veranstaltungen liebt.
    Dann würden Sie doch auch diesen fiktiven Feiertag heute feiern und es würde Ihnen sicherlich nicht gefallen, wenn es Blogbetreiber gäbe, die sich für die Abschaffung von künstlerischen Gesetzen einsetzen, bloß weil die Mehrheit der Menschen die Stille bevorzugt und gar nicht mehr diesen Feiertag großartig mit Theateraufführungen, Tänzen und Musik feiert.
    Oder noch extremer, wenn diese Regelung sogar durch das Gesetz beschlossen würde und Sie zukünftig diesen Feiertag still verbringen müssten.

    😉

  4. Ich weiß nicht. Ich fühle mich nicht „falsch“ an Karfreitag, auch wenn ich Atheistin bin. Ich käme auch nicht auf die Idee, mich zu beschweren, dass ich am 25, und 26. Dezember eines jeden Jahres nicht bei Ikea einkaufen gehen kann, oder dass das städtische Spaßbad geschlossen hat. Käme mir nicht in den Sinn. Gehe ich eben einen anderen Tag. Oder fahre nach NL, wo die Läden am 26.12. (glaub ich) wieder geöffnet haben, wenn es mich so sehr danach gelüsten würde.

  5. T-Online.DE schreibt:

    Wenn Sie jeden Tag zum Saufen und Tanzen brauchen dann konvertieren Sir zum Muslimischen Glauben und Alkohol und Musik ist für immer verboten. Für ihren Bericht sollten sie sich Schämen.

  6. AVS schreibt:

    Nehmen sie es gelassen(er) und sind sie froh, dass es die Christen sind, die in diesem Land noch die Mehrheit haben.

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