Die Antwort des „militanten Juden“ an Richard C. Schneider

Ein Offener Brief von Attila Teri, freier Autor, Regisseur, Journalist und Sprecher an Richard C. Schneider.

Shalom Herr Schneider,

ich hätte mir nie gedacht, dass wir uns eines Tages auf diesem „lustigen“ Wege „unterhalten“ würden! Aber anscheinend, geht es nicht anders. Vorgestern schickte mir plötzlich ein Facebook-Freund folgende Nachricht:

„Lieber Attila, ich will dir nicht den Abend versauen. Aber Richard C. Schneider bezieht sich scheinbar auf deinen Post. Und das das solltest du wissen. Vielleicht ist dir das auch schon bekannt!? Wie auch immer, dass hätte ich von ihm nicht erwartet.“

Nein, war es mir nicht bekannt! So folgte ich seinem Link und las ihren letzten Eintrag mit dem Titel: „Militante Juden kämpfen gegen die Hamas – in deutschen Kaffeehäusern“

Im ersten Absatz erkannte ich tatsächlich mich. Und das hätte ich auch nicht erwartet Zitat:

„Nichts finde ich lustiger als all die europäischen oder amerikanischen Juden, die in schönem Abstand zum eigentlich Kampfgebiet, also in München oder Berlin oder sonst wo, sitzen und militante Reden schwingen, wie man die Hamas bekämpfen muss, dass man die Hand nicht ausstrecken darf gegenüber: „… Jemandem, dessen einziges Lebensziel ist, mich umzubringen“

Das schrieb auf meiner Timeline bei Facebook ein flüchtiger Bekannter aus München. Und ich scheue mich nicht, ihn zu nennen, denn er hat seine Posts ja öffentlich gemacht. Ich kenne ihn kaum und es geht mir auch nicht um ihn als Person. Weder will ich ihn hier verunglimpfen, noch sonst was. Aber so wie er reagieren viele Juden in Europa (auch oft in Reaktionen zu meinem Blog).

„Sie sind besonders „mutig“ und „kampfeslustig“ in ihren Kaffeehäusern in der Leopoldstraße oder Unter den Linden. Und wissen häufig nicht, was wirklich vor Ort geschieht. Sie behaupten, dass Israel so oft die Hand ausgestreckt habe und sie immer „ausgeschlagen“ wurde, dass also Israel immer „der Gute“ war und die Hamas oder Palästinenser „die Schlechten“. Schwarz-Weiß, also. Wenn es nur so einfach wäre.“

Nein, so einfach ist es sicher nicht. Zumal es wohl ein erheblicher Unterschied zwischen „normalen“ Palästinensern und den Terroristen der Hamas besteht. Aber fangen wir doch lieber von vorne an! Es grüßt „der flüchtige Bekannte“, der es vielleicht nie erfahren hätte, am Pranger zu stehen!

Für alle, die unser „Vorspiel“ nicht kennen: Vor drei Tagen las ich ihre Einlassung unter dem Titel: „Gaza: Und täglich grüßt das Murmeltier“, über den erneuten Ausbruch der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas. In Ihrem Beitrag beschrieben Sie überaus zutreffend den katastrophalen Zustand der israelischen Opposition und Linken als auch die teilweise ohnmächtigen Reaktionen Israels auf die immer wiederkehrenden Terrorangriffe aus Gaza. Entgegen meiner sonst üblichen Enthaltsamkeit bei ihren Beiträgen, ließ ich mich zu einer Frage hinreißen.

„Wie schließe ich Frieden mit jemandem, dessen einziges Lebensziel ist, mich umzubringen? Durch kollektiven Selbstmord?“

Wenn, dann sollte man vielleicht auch korrekt zitieren, oder Herr Kollege? Denn das sind wir, ob es Ihnen nun gefällt oder nicht – nicht nur im beruflichen Sinne!

Wir beide sind Kinder von ungarischen Shoa-Überlebenden. Wenn ich richtig informiert bin, wuchsen Sie in Deutschland auf, während ich als 18-jähriger 1977 mit meiner Mutter aus Budapest nach München floh, wo ich auch heute noch lebe. Ich wollte zwar damals sehr gern Alija machen, aber meine Mutter hat es mir verboten und begründete es damit, dass sie es nicht überleben würde, wenn sie ihren einzigen Sohn, der wie jeder junger Mann in die Armee gehen müsste, vielleicht durch einen Krieg in Israel verlieren könnte. Ich habe klein beigegeben. Ob aus Rücksicht auf meine Mutter oder mehr aus Feigheit vor dem Feind, weiß ich heute ehrlich gesagt nicht mehr.

Viele jüdische Freunde von mir aus Deutschland, von denen Sie einige kennen, waren mutiger, gingen diesen harten Weg, setzten oft genug ihr Leben aufs Spiel und überlebten zum Glück. Wie auch alle meine israelischen Freunde, die ausnahmslos in der Armee waren.

Täusche ich mich, oder haben Sie genauso wenig in der IDF gedient, wie ich? Ich habe mein Leben später nur gelegentlich als Journalist riskiert, aber nie als Soldat. Sie? Im Grunde genommen reden wir beide doch nur blöd daher, wenn es darauf ankommt, oder? Mit einem Unterschied: ich musste die krampfhafte, „Pseudoausgewogenheit“, vorgegaukelte Objektivität und Political Correctness der Öffentlich-Rechtlichen nie bedienen, da ich überwiegend für die bösen Privatsender arbeite, die mir tatsächlich freie Hand lassen.

Wir sind seit den 1980er Jahren Journalisten. Was Israel angeht, haben Sie jedoch einige Jahre mir voraus, denn ich begann erst 2002 regelmäßig über „unsere“ verwirrte, schrecklich-schöne „Heimat“ zu berichten. In den letzten 16 Jahren war ich unzählige Male da, beruflich oder privat, habe eine Menge Freunde, war überall, ob im Kernland, Gaza oder Westjordanland, tauchte oft genug auf allen Seiten in den täglichen Wahnsinn ab, auch dort, wo es weht tut und bin so anmaßend zu behaupten, Israel nicht weniger zu kennen als Sie!

Im Gegensatz zu den Menschen, ob Juden oder nicht, die tatsächlich ihre Meinung über Israel an den Stammtischen oder auf der Wohnzimmercoach bilden, noch nie vor Ort waren und mir genauso gehörig auf die Nerven gehen, wie Ihnen! Mich mit denen in einen Topf zu werfen, grenzt wohl oder eher übel an Verunglimpfung, Unterstellung und üble Nachrede. Zumal es Ihnen eigentlich bekannt sein müsste, was und wer ich bin. Auch dann, wenn wir in der Tat nicht einmal „flüchtige Bekannten“ sind, zumal wir uns lediglich ein einziges Mal begegnet sind. Dafür haben wir eine Menge gemeinsame Bekannte und gar einige Freunde, ob in Deutschland oder Israel.

Ich lese sporadisch mit Interesse Ihre Blogeinträge, wie ich auch früher, als Sie noch Korrespondent und Büroleiter der ARD in Israel waren, auch Ihre Berichte mir regelmäßig angesehen habe. Zugegeben, mal mit Zustimmung, mal mit Kopfschütteln, mal mit Unverständnis. Aber sei es darum, ich bin an sich ein überaus toleranter Mensch und ein uneingeschränkter Verfechter der Meinungsfreiheit. So gebietet es mir mein Anstand, andere Ansichten nicht nur zuzulassen, sondern ihnen mit Respekt zu begegnen. Auch dann, wenn ich sie nicht im Geringsten teile. Eigentlich! Und damit komme zu ihren Blogeinträgen zurück.

Denn wenn man anscheinend nicht mal genug Cojones hat, mir persönlich zu antworten, wenn einem schon meine Frage so gegen den Strich geht, sondern mich quasi hinterrücks, ohne mein Wissen verunglimpft dann wird meine Toleranzgrenze überstrapaziert. Ich bin also ein „militanter Jude“, nur weil ich ihrer Meinung bzgl. Hamas nicht teile? Echt witzig! Allerdings ist meine persönliche Befindlichkeit eine Sache, ahnungslose deutsche Leser oder Zuschauer in die Irre zu führen, eine andere! Und das tun Sie gelegentlich. Zumindest nach MEINER, subjektiven Meinung. Wie auch in Ihrem letzten Beitrag. Und das regt mich tatsächlich auf.

Haben wir nicht um uns herum genug Feinde? Muss dann auch noch ein Jude als Nestbeschmutzer den Israelhassern und Antisemiten frei Haus Argumente liefern, die nicht einmal stimmen? Auch dann, wenn Israel sicher einige Fehler gemacht hat, aber eines nicht will: das palästinensische Volk auslöschen! Und das hat nichts damit zu tun, alles toll finden zu müssen, was die israelische Regierung tut oder auch nicht. Aber wenn man kritisiert, dann bitte fair und nicht mit den Methoden der Israel-Basher.

Natürlich redet die israelische Regierung aus diversen, pragmatischen und realpolitischen Gründen mit der Hamas. Es bleibt ihr auch nichts übrig, wenn man nicht vorhat, für einen völligen Zusammenbruch des Gazastreifens zu sorgen und einen noch verheerenderen Krieg vom Zaun zu brechen, als die vorangegangenen. Aber! Es ändert nichts an dem grundlegenden Haupthindernis für einen dauerhaften Frieden. Denn auch, wenn Sie es schönreden, die Hamas beteuert heute noch Tag für Tag, dass sie nur ein einziges Ziel verfolgt, „das zionistische Gebilde“ zu zerstören, die Juden umzubringen oder davonzujagen und ganz „Palästina“ zurückzuerobern. Oder ist mir etwas entgangen Herr Kollege? Wenn ja, bitte ich inständig um Aufklärung!

Ihr Vergleich mit der Geschichte der Beziehungen zu PLO ist ebenfalls mehr als hinkend, um es gelinde auszudrücken. Ja, die PLO hatte Jahrzehnten lang ebenfalls auch nur das Ziel, Israel zu vernichten, hat es aber irgendwann erkannt, dass man als „armes Opfer der Zionisten“, mehr profitiert und wesentlich besser lebt, als eine hirnlose Terrorbande. Nebenbei angemerkt, finanziert sie bis heute immer noch mit einem erheblichen Teil der internationalen Hilfsgelder weiterhin die Renten von Terrorristen und ihren Familien.

Doch der wesentliche Unterschied zwischen der PLO und der Hamas besteht wohl darin, dass Islamisten mehrheitlich dafür leben, für Allah zu sterben, oder ihre verwirrten Jünger in seinem Namen in den Tod schicken, während die Vertreter der PA eher irdischen Gelüsten nachgehen. Aber das wissen Sie genauso gut Herr Kollege, wie ich. Somit frage ich Sie, über welchen dauerhaften Frieden und über welche Lösung redet man mit der Hamas?

Bei unzähligen Diskussionen mit unwissenden deutschen Freunden benutze ich einen simplen Vergleich, um die Lage um Gaza zu erklären: Stellt euch vor, jemand klingelt an eurer Haustür. Ihr öffnet sie, ein Mann steht vor euch, der sagt, das Haus gehöre ihm, weil er von unendlich vielen Seiten die Lüge gehört hat, ihr hättet das Haus gestohlen. Nun steht er vor eurer Tür, völlig aufgehetzt und mit Hass erfüllt und brüllt: „Ich bin gekommen, um deine Familie zu töten und anschließend dein Haus niederzubrennen!“ – Bittet ihr den Mann anschließend für ein Tee herein? Ich nicht. Und Sie Herr Kollege Schneider?

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Die Reaktion von Richard C. Schneider finden Sie hier.

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