Herr Ramelow, runter damit, heute tue ich, was ich will!

Sehr geehrter Herr Ramelow,

schenken Sie mir kurz Ihre Aufmerksamkeit, denn ich möchte Ihnen von einem alten Brauch des Kölner Karnevals erzählen, der heute vollkommen verschwunden ist, nämlich dem „Mötzenbestot“.

Im 18. und 19. Jahrhundert skandierten Frauen an Wieverfastelovend, dem letzten Donnerstag vor Aschermittwoch, um genau zwölf Uhr mittags auf dem Alter Markt den Schlachtruf „Mötzenbestot“, was in etwa soviel bedeutete wie: „Runter damit, heute tue ich, was ich will.“ Dabei rissen sie sich ihre Bedeckungen vom Kopf. Ein Chronist der Zeit schrieb:

„Am tollsten war dies Treiben auf dem Altermarkt unter den Gemüseweibern, den Verkäuferinnen und den Bauern, oft ein wahrer Mänadentanz.”

Der Brauch rührt daher, dass am Rhein noch bis ins 19. Jahrhundert für Frauen ein Zwang zur Kopfbedeckung bestand. Die Hauben auf dem Kopf gaben Aufschluss darüber, ob eine Frau schon verheiratet war, also unter der Haube, oder ob sie „noch zu haben war“. Die Haube galt als Zeichen der Frauenwürde und der Wohlanständigkeit. Eine Frau ohne Kopfbedeckung galt als „loses Frauenzimmer“.

Herr Ramelow,

Sie haben Recht, Kopftücher und Kopfbedeckungen gehören für Frauen zu den Trachten alter Zeiten. Es waren jedoch Zeiten, in den Frauen elementare Menschenrechte vorenthalten wurden. Sie durften nicht wählen, nicht an Universitäten studieren und gewisse Berufe nicht ergreifen. Frauen galten als Besitz von Männern. Dieser Besitzanspruch wurde über die Kopfbedeckung manifestiert.

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei, zumindest für die Närrinnen am Rhein. Deshalb gibt es das „Mötzenbestot“ auch nicht mehr, jedenfalls nicht am Rhein. Am Karadsch sieht das anders aus.

Seit Monaten stürmen Frauen auf die Straßen des Iran und reißen sich demonstrativ ihre Kopftücher vom Haupt. Sie demonstrieren damit gegen den im Iran herrschenden Kopftuchzwang für Frauen und die alltäglichen Verfolgungen und Gewalttaten gegen Frauen. Einige von ihnen tragen die Kopftücher demonstrativ auf Stöcken vor sich her.

Mittlerweile hat die Polizei im Iran mehrere Frauen festgenommen, weil sie ihr Kopftuch ausgezogen haben. Sie gelten im Iran als „lose Frauenzimmer“.

Wäre es nicht an der Zeit, mal alle Frauen zu bitten, ihr Kopftuch abzunehmen, aus Solidarität mit jenen, die eingesperrt werden, weil sie das Kopftuch nicht tragen wollen?

In keinem Land der Welt wird eine Frau ermordet oder gesteinigt, weil sie ein Kopftuch trägt. In vielen islamischen Ländern jedoch bedeutet für Frauen das Nichttragen einer Kopf- und Körperverhüllung Gefahr für Leib und Leben. Auch in Europa ist es für Musliminnen gefährlicher, sich gegen das Kopftuch auszusprechen als dafür. Sogenannte „Ehrenmorde“ gibt es auch in Europa immer wieder.

Dennoch kämpfen mehr Frauen und Männer in der deutschen Politik für das Tragen des Kopftuchs als für das Recht, das Kopftuch ablegen zu dürfen. Wenn man sie fragt, warum, antworten sie stets mit der gleichen Floskel: „Die Frauen wollen das Kopftuch tragen.“ Sie merken dabei nicht, dass sie klingen wie ein Zuhälter: „Die Frauen wollen das!“

Ja, Frauen wollen eine ganze Menge und jede Frau will was anderes. Das ist Emanzipation und Selbstbestimmung. Wenn eine Nonne oder eine Muslimin Kopftuch tragen will, um damit zu zeigen, dass sie Gott oder einem Mann gehören, dann ist es ihr gutes Recht. Ebenso ist es das Recht jeder Frau, die Haare offen zu tragen.

Allerdings erleben nicht alle Frauen die gleiche Unterstützung. Im April 2017 erklärte der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen:

„Wir werden noch alle Frauen bitten müssen, Kopftuch zu tragen, aus Solidarität mit jenen, die es aus religiösen Gründen tragen.“

Frauen, die das Kopftuch tragen, erfahren im deutschsprachigen Europa zur Zeit mehr Solidarität als jene, die das Kopftuch herunterreißen. Dabei sind es genau diese Frauen, die Heldinnen sind. Sie wagen das „Mötzenbestot“ und zahlen dafür nicht selten mit Leib und Leben.

Ihnen gilt mein ganzer Respekt, wie den Frauen, die vor über hundert Jahren für ihre Rechte gekämpft haben und sich dabei ebenfalls alter Trachten entledigten. Eine dieser Frauen hieß Hedwig Dohm. Sie sagte einst:

„Menschenrechte haben kein Geschlecht!“

„Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn.“

Sehr geehrter Herr Ramelow,

der Stolz, mit dem sich heute einige Frauen die Kopfbedeckungen vom Leibe reißen, um zu zeigen, dass sie die selben Menschenrechte haben wie Männer, imponiert mir. Sie reden stattdessen von der deutschen Vergangenheit, in der Frauen noch Trachten tragen mussten, um dadurch zu zeigen, wo ihre Stellung in der Gesellschaft war. Diese Zeiten sind vorbei. Sie sollten es für alle Frauen sein.

Während Frauen für ihre Rechte kämpfen, schwelgen Sie in Zeiten, wo Frauen keine Rechte hatten. Das ist sehr bedauerlich.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit,
Gerd Buurmann

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