„Warum musst Du immer provozieren?“

„Ich bin irgendwo im Nirgendwo und mache weiter mein Ding und gehe meinen Weg. Ich rede über die Probleme und versuche denen, die bereit sind, sich und andere im Namen ihrer Religion in die Luft zu sprengen, zu helfen, dabei zu verstehen, dass sie nicht Gottes Soldaten sind. Und eure Drohungen werden mich nicht daran hindern. Viele denken wie ich und wir müssen uns endlich trauen, offen darüber zu sprechen!“

Das schreibt Amed Sherwan auf seiner Facebook-Seite.

Amed Sherwan wuchs in Erbil im Nordirak auf. Als Jugendlicher offenbarte er seinen Eltern, dass er nicht mehr an Gott glaube. Seine Eltern zeigten ihn daraufhin bei der Polizei an, die ihn unverzüglich einsperrte und tagelang folterte. Nach der Tortur floh er nach Deutschland, wo er seitdem lebt.

Aber auch in Deutschland bekommt er immer wieder den Hass zu spüren, vor dem er geflüchtet ist. Seit er öffentlich den Satz „Allah is gay“ („Allah ist schwul“) getätigt hat und damit sogar auf einer Demonstration in Berlin für die Rechte von Homosexuellen demonstriert hat, erhält er Morddrohungen, die nicht nur gegen ihn ausgesprochen werden, sondern gegen seine ganze Familie.

Zur Zeit befindet sich Amed in Deutschland an einem geheimen Ort. Er kann nicht zurück in sein Zuhause in Schleswig-Holstein, weil er dort in Lebensgefahr ist. Amed ist ein Binnenflüchtling in Deutschland. Er schwebt in Lebensgefahr, weil er eine Religion kritisiert hat. Sogar in Deutschland kann er momentan kein normales und sicheres Leben führen.

Lieber Amed,

Du schreibst, Du seist „irgendwo im Nirgendwo“. Ich verstehe Dich voll und ganz. Ich kann Dir versichern, ich stehe solidarisch an Deiner Seite, denn ich bin „Tapfer im Nirgendwo“.

Ich weiß genau, woher Du die Zeit und die Kraft nimmst, über all die Dinge zu sprechen, die Dich bewegen. Du hast einfach herausgefunden, dass es deutlich mehr Zeit und Kraft bedarf, um über all die Dinge zu schweigen!

Du redest und hast dabei keine Angst, auch den Islam zu kritisieren. Du schweigst nicht. Das ist eine wahre Heldentat. Da kannst darauf stolz sein.

Ich weiß, wohin das Schweigen aus Angst vor einer Religion führen kann. In meiner Kindheit war ich Messdiener in dem kleinen Dorf Haren-Erika. Dort habe ich die komplette katholische Erziehung erhalten: Taufe, Beichte, Kommunion, Firmung, Missbrauch – das volle Programm eben. Der Missbrauchsskandal in meiner Heimat wurde deutschlandweit bekannt. Im Jahr 1996 berichtete der Spiegel:

„Im Zollgrenzörtchen Haren-Erika an der holländischen Grenze sind die Straßen wie mit dem Lineal gezogen. Die Bewohner dulden kein Unkraut in ihren Rosenbeeten, und die Zierzäune vor ihren Haustüren sind immer frisch gelackt. Auffallend ist auch ein Kruzifix aus massivem Stein, das sich vor dem Gehöft des Bauern Josef Bonnarens erhebt. Bonnarens ist ein handfester Anfangsfünfziger im karierten Baumwollhemd und zählt zu den Dorfpatriarchen von Haren-Erika. Er gehört zu den Schlüsselfiguren einer Tragödie, die fast zehn Jahre unter Verschluss gehalten wurde und die die rund 1000 Erikaner nun doch mit voller Wucht getroffen hat.

Jahrelang hatte der Dorfpfarrer der Marienkirche ihm anvertraute Kommunionskinder und Messdiener sexuell mißbraucht. Bonnarens war schon früh über einen der ersten Fälle informiert. Doch der Mann schwieg. Und er schweigt bis heute. Wie er schweigt das ganze Dorf.

Die Bürger von Haren-Erika wünschen sich, dass diese furchtbare Geschichte nicht wahr ist, obwohl der Täter gestanden hat. Sie wollen nicht glauben, dass vorgefallen ist, wofür ihr ehemaliger Gemeindepfarrer Alois Bruns, 64, am vergangenen Mittwoch zu – überaus milden – zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde: Von 1987 bis 1995 hat der Geistliche 14 Jungen aus dem Ort 227mal sexuell bedrängt, hat sie unsittlich berührt und gestreichelt. Und das, was vor Gericht verhandelt wurde, ist nur ein Teil der Vorgänge in Haren-Erika, wie aus der Anklageschrift hervorgeht.

Zunächst offenbarten sich über 20 Geschädigte, doch dann war ein Teil der Eltern plötzlich „nicht mehr an Strafverfolgung interessiert“, heißt es bei der Polizei. Die gläubigen Bürger von Haren-Erika hatten am Ende doch mehr Respekt vor ihrer Kirche, die den Geistlichen schützen wollte, erklärt Friedrich Lücken, Anwalt betroffener Eltern, den Mechanismus. Das alles sei doch „aufgebauscht“, lautet nun die gängige Formel im Ort.

Es fing an im April 1987. Die Nachricht erreichte Bonnarens, damals noch stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes, telefonisch: Ein achtjähriger Junge war vom Pfarrer der Marienkirche mißbraucht worden und sei nun völlig verstört, erklärte eine Verwandte des Buben. Der Priester hatte das Kind nach dem Kommunionsunterricht dabehalten, es auf seinen Schoß gesetzt, Hose und Unterhose heruntergezogen und sein Geschlechtsteil betastet.

„Überlegen Sie sich das gut mit der Anzeige, wenn Sie in Zukunft friedlich in Erika leben wollen“, rieten Bonnarens und der Kirchenvorstandsvorsitzende den Eltern unmissverständlich.“

An diesen Herrn Bonnarens musste ich denken, als ich folgenden Text bei Dir fand:

„‚Warum musst du immer provozieren?‘ – ‚Du glaubst doch gar nicht an Allah, warum redest du dann über ihn?‘ – ‚Warum nennst du dich Ex-Muslim, hör doch einfach auf zu beten und behalte es für dich!‘ Solche Kommentare bekomme ich fast nur von Leuten, die wenig Erfahrungen damit haben, aus religiösen Gründen von ihren Familien verstoßen oder bedroht zu werden. Leute aus streng muslimischen oder christlichen Zusammenhängen verstehen viel eher meine Beweggründe. Es ist ein Luxus, nicht rebellieren zu müssen, um frei leben zu können!“

In dem Dorf, in dem ich groß wurde, war Schweigen die große Tugend. Wer sich dem kollektiven Schweigegelübde widersetzte, galt schnell als „Netzbeschmutzer“. Als ich im zarten Alter von neunzehn Jahren das Thema des Missbrauchs durch meinen Pfarrer auf die Bühne meines Ortes brachte, titelte die lokale Zeitung:

„Inszenierung bis an die Grenzen des Geschmacks“

„Mutig sind sie schon, Gerd Buurmann, Christoph Lammers, Mella Ebel und Hanno Schulz, die jetzt zum zweiten Mal im Forum des Schulzentrums als Kabarettgruppe ‚Kulturschock‘ auftraten und es in keiner der rund dreistündigen Veranstaltung an Deutlichkeit fehlen ließen. (…) Kein Thema, und sei es noch so tabuisiert in einer Kleinstadt, war ‚Kulturschock‘ zu heiß. Da wird die ‚braune Vergangenheit‘ in Verbindung gebracht mit dem 9. November 1992 als vor einem Geschäft in Haren ein Reisigbesen Sinti und Roma das Betreten desselben vermiesen soll, die pädophile Vergangenheit eines ehemaligen Pastors gegeißelt und die Haltung der Amtskirchen dazu. Kindererziehung, Konsumverhalten und das ‚Einflößen von Gottesangst‘ wurden ebensowenig ausgespart wie der Geschichtsunterricht in Schulen, Reality-TV, Fernsehkonsum, Talkshows, die aktuelle Stadt- und Bundespolitik. Bewundernswert der Mut der vier Harener, in ihrer Heimatstadt so offen aufzutreten. Dennoch kann nicht verschwiegen werden, dass an manchen Stellen die Symbolik der Handlung übertrieben war und damit trotz künstlerischer Freiheit nicht mehr im Bereich akzeptablen Geschmacks lag.“

„Warum musst Du immer provozieren?“ Diese Frage wird mir auch immer wieder gestellt. Es gibt Menschen, die werfen mir vor, geschmacklos oder respektlos zu sein, aber ich schweige dennoch nicht, nicht damals, nicht heute, nicht morgen. Das habe ich mir damals in Haren geschworen. Reden ist nämlich keine Schande. Schweigen, wo Unrecht geschieht, das ist eine Schande!

Lieber Amed,

Du schweigst auch nicht. Dabei hast Du es viel schwerer als ich. Ich hatte Eltern, die zwar lange Zeit mit dem Dorf schwiegen, aber als ich begann, über all die Dinge zu sprechen, unterstützten sie mich, wo sie nur konnten. Außerdem hatte ich gute Freunde in dem Dorf, die mir zur Seite standen und ein befreundetes Paar, das mir half, meine Angst und meinen Zorn in etwas konstruktives und kreatives zu verwandeln. Damals lernte ich: Das Gegenteil von Krieg ist nicht Frieden, es ist Schöpfung! Wenn ich gefragt werde, was ich Menschen rate, denen was Schlimmes zugefügt wurde, sage ich folgende fünf Sätze:

Schweige nicht. Du bist stark! Es ist nicht Deine Schuld. Entmachte den Täter. Weigere Dich, das Opfer zu sein.

Du bist stark, so unendlich stark und Du weigerst Dich, das Opfer all der hassenden Subjekte zu sein, die Dir in widerlichen Briefen und Mails mitteilen, was sie mit Dir und Deiner Familie zu tun gedenken. Deshalb sage ich ganz deutlich: Ich bin Dein Bruder im Geiste. Ich bin Deine Familie.

Lieber Amed,

mach weiter Dein Ding! Geh Deinen Weg und lass Dich nicht verwirren von Menschen, die Dich fragen, ob Du links oder rechts stehst. Das sind völlig überholte Begriffe. Vor vielen, vielen Jahren im 19. Jahrhundert in der Julimonarchie Frankreichs saß die Monarchie rechts im Parlament und die Republikaner und die Liberalen in der Opposition links. Daher kommen die politischen Begriffe „links“ und „rechts“. Dass diese beiden Begriffe heute im 21. Jahrhundert noch benutzt werden, ist eine Farce. Die Begriffe sind völlig bedeutungslos.

Frag einfach mal einen Linken, was rechts bedeutet. Du wirst die schroffsten Urteile hören. Frag mal einen Rechten, was links bedeutet und das Ergebnis wird ähnlich vernichtend ausfallen. Die Zuschreibungen „links“ und „rechts“ sind lediglich Beleidigungen. Für einen Rechtsextremen ist jeder Mensch mit Verstand links und für einen Linksextremen ist jeder Mensch mit Verstand rechts.

Ich bewerte Menschen nicht danach, wie andere sie politisch verorten, sondern danach, was sie tun. Ich befinde mich wie Du „irgendwo im Nirgendwo“.

Ich habe Respekt vor Menschen, nicht aber vor ihren Ideologien, Religionen und Überzeugungen. Respekt gebührt Menschen, nicht Ideen! Wenn jemand glaubt, ich beleidigte ihn, nur weil ich hart über den Koran, das Evangelium, ein Manifest, ein Parteiprogramm, Marx, Mohammed oder Jesus spreche, so soll er sich beleidigt fühlen. Ich werde nie auf das Lachen, Zweifeln, Kritisieren und Verarschen von Ideen verzichten. Wer glaubt, ich verachte ihn, nur weil ich Witze über seinen Glauben mache, verwechselt sich mit seinen Überzeugungen. Der Mensch aber ist mehr als die Summe seiner Ideen!

Wenn ein Mensch aufgrund seiner Herkunft kritisiert wird, nennt man das Rassismus. Wenn ein Mensch jedoch für seine Überzeugung kritisiert wird, nennt man das Aufklärung. Für die Herkunft kann niemand was, für seine Überzeugungen schon! Das Gegenteil von Herkunft ist Zukunft! Mit jedem Schritt, den ich gehe, entscheide ich die weitere Richtung. Religionen und Ideologien sind Überzeugungen. Sie dürfen jederzeit kritisiert und verarscht werden!

Mach weiter Amed, ich stehe hinter Dir. Schweige nicht. Du bist stark! Es ist nicht Deine Schuld. Entmachte die Täter. Weigere Dich, das Opfer zu sein.

Alles Liebe,
Gerd Buurmann

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