„Aufgebrachte zionistische Horde“

Was man so alles über Google herausfinden kann. Raten Sie mal, wer eine Demonstration im August 2018, an der auch ich teilnahm, eine „aufgebrachte zionistische Horde“ genannt hat.

Achten Sie mal darauf, wie oft die Journalistin in dem Artikel den Begriff „jüdische Aktivisten“ benutzt, obwohl ein großer Teil der Demonstranten nicht jüdisch war.

Die Journalistin, die das geschrieben hat, lief mir erstmals im Jahr 2009 über den Weg. Damals kritisierte sie eine Inszenierung von William Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“, in der ich die Rolle des Shylocks übernommen hatte. Ihre Kritik begann mit den Worten:

„Während Israel den Gaza-Streifen in Schutt und Asche legt, wird im Severins-Burg-Theater einer der beliebtesten Shakespeare-Abende gezeigt.“

Der Pressesprecher der Hamas hätte es nicht besser formulieren können. Die Hamas fordert laut Gründungscharta Artikel 7 nicht nur die Vernichtung Israels und aller Juden, sondern verfolgt, foltert und mordet auch das eigene palästinensische Volk, aber die Kritikerin nahm sich erst einmal Israel vor. Sie hätte ihre Kritik auch mit diesen Worten beginnen können:

„Während die Hamas jüdische und palästinensische Menschen zum Wohle ihrer Ideologie mordet, wird im Severins-Burg-Theater einer der beliebtesten Shakespeare-Abende gezeigt.“

Sie tat es nicht. Sie stellte lieber Israel als vernichtendes Etwas dar. Über den im Anschluss der Aufführung gehaltenen Vortrag von Alex Feuerherdt erklärte sie, Feuerherdt habe argumentiert, Israelkritik sei grundsätzlich antisemitisch, „egal, wie viele Zivilisten im Gaza-Streifen getötet und illegale Siedlungen im Westjordanland errichtet werden.“

Sie unterstellte der Inszenierung eine „Brandmanier“ und behauptete, das Severins-Burg-Theater würde sich unverbrüchlich für das Recht Israels einsetzen, „brutal zurückzuschlagen“. Sie zeichnete nicht nur das Bild eines brutal agierenden Israels, sondern nannte auch das Severins-Burg-Theater brutal. Das war ihre Kritik an mich, mein Theater und Israel.

Dabei thematisierte das Severins-Burg-Theater lediglich das Phänomen, dass im allgemeinen Diskurs Israel als brutaler Staat abgestempelt wird, während bei anderen Staaten gleiches Verhalten oder extreme Brutalität toleriert wird. Die Inszenierung kritisierte die Doppelmoral, die Gewalt nur dann zur Kenntnis nimmt, wenn sie von Juden ausgeht.

Es ist nämlich genau diese Doppelmoral, die Shakespeares Jude Shylock in „Der Kaufmann von Venedig“ zum Verhängnis wird. Shylock ist ein Mensch, der sich irgendwann schlicht weigert, die Schmach der Unterdrückung hinzunehmen. Sämtliche Christen in diesem Stück sind nicht in der Lage, ihre eigenen christlichen Prinzipien zu leben, dennoch fordern sie von dem Juden eben diese Verhaltensweise und bestrafen ihn, als sich herausstellt, dass er den Geboten der Christen nicht besser folgen möchte und kann als die Christen selbst. Shylock kann nicht besser sein als alle anderen Menschen. Er ist kein Übermensch. Er ist ein Mensch und erklärt:

Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wir’s euch auch darin gleich tun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muss seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache.

Wie jeder Mensch, der bedroht und angegriffen wird, verteidigt Shylock sich, schützt sein Leben und versetzt zur Not auch seine Umwelt in Angst und Schrecken, so dies die einzige Möglichkeit ist, das eigene Leben zu bewahren. Natürlich ist Shylocks Rache zuweilen blind, aber warum fällt vielen diese Blindheit erst auf, wenn Sie von einem Juden ausgeht? Warum wurde diese Blindheit nicht mit der gleichen Vehemenz bekämpft, als Shylock das Opfer war?

Um diese Frage dreht sich die Inszenierung und ist somit kein Plädoyer für eine angebliche Nibelungentreue gegenüber Israel, das die Kritikerin in dieser Inszenierung mit verzerrtem Blick zu entdecken glaubte und behauptete, Israel lege den Gaza-Streifen in Schutt und Asche und ein kleines Kölner Theater unterstütze es auch noch dabei.

Vermutlich waren wir schon damals für sie nichts weiter als eine „aufgebrachte zionistische Horde“ und „jüdische Aktivisten“.

Zu dem aktuellen Bericht sagt Alex Feuerherdt:

Während sie von einer „zionistischen Horde“ schwadroniert, die „Hate-Speech auch gegen Israelis“ skandiere (was für eine Verdrehung der Tatsachen angesichts der BDS-Praktiken), heißt es über die Diskussion bei der „Pop-Kultur“, die bekanntlich von BDS-Aktivisten niedergebrüllt wurde, nur ganz allgemein: „Vor einigen Tagen eskalierte ein Podium in Berlin.“ Wer dafür verantwortlich war, sagt sie nicht, während sie über die Veranstaltung in Bochum eben schreibt, es seien „jüdische Aktivisten“ gewesen. So sieht er aus, der moderne Antisemitismus. Nichts anderes ist es.

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