„Wir werden nicht schweigen!“

Am 18. August 2018 saß ich in der Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle in Bochum und wohnte einem Spektakel bei, über das ich später den Artikel „Stefanie Carp inszeniert die eigene Absolution“ verfasste. Neben mir im Publikum saß Dorothea Marcus für den Deutschlandfunk. Was sie später über diese Veranstaltung in einer Berichterstattung unter der Überschrift „Buh-Rufe und ein paar Demonstranten“ berichten sollte, kann getrost als gezielte Desinformation bezeichnet werden.

Schon während der Veranstaltung war mir Dorothea Marcus unangenehm aufgefallen, da sie mehrfach Menschen im Publikum, die hinter ihr saßen und sich rege an der Inszenierung beteiligten, anzischte und mit harschen Worten zur Ruhe aufforderte: „Benehmen Sie sich nicht wie im Kindergarten und seien sie ganz einfach still!“

Im Deutschlandfunk berichtete sie dann später:

„Malca Goldstein-Wolf, eine jüdische Aktivistin aus Köln, hatte zu einer Demo aufgerufen, aber eine richtige Demo war das nicht. Es standen einige Grüpplein von Leuten mit Israelfähnchen, die dann auch eifrig ins Publikum strömten. Und dann standen da noch andere Aktivisten, die gegen diese Demo der jüdischen Aktivisten waren. Malca Goldstein-Wolf und Gefolge forderten den Kopf von Stefanie Carp. Die anderen waren dagegen. Und man sah die ungefähr achtzig Unterstützer strömten in die Runde, in den mit fünfhundert Leuten besetzten Saal und haben sich sehr stark diskreditiert durch kindergartenartige Hate-Speech-Einwürfe, die einfach unfassbar peinlich waren.“

Wo soll ich da anfangen?

Zunächst einmal, es war keine „Demo der jüdischen Aktivisten“. Die Mehrheit der Redner auf der Demonstration waren keine Juden, zum Beispiel der Landtagsabgeordnete Lorenz Deutsch (FDP), der evangelische Pfarrer Thomas Wessel (Christuskirche) und meine Wenigkeit (Tapfer im Nirgendwo).

Wir forderten zudem nicht eifrig den Kopf von Stefanie Carp. Manch ein hasserfüllter Mensch mag das vielleicht glauben, wenn er den Begriff „jüdische Aktivisten“ hört, aber wir taten nichts anderes, als unsere Grundrechte wahrzunehmen.

Es waren auch nicht achtzig Leute auf der von Malca Goldstein-Wolf angemeldeten Demonstration, sondern über zweihundert Menschen. Die Polizei sprach sogar von über zweihundertfünfzig Demonstranten.

Was die Menschen im Publikum anbelangt, die ab und an tatsächlich recht lautstark und vehement Zwischenrufe tätigten, sei angemerkt, dass der Moderator der Veranstaltung, Norbert Lammert (Bundestagspräsident a.D), diese Zwischenrufe ganz bewusst zuließ und sogar auf Nachfrage erklärte, die Zwischenrufe nicht zu unterbinden, da sie nicht das Ziel hätten, die Veranstaltung zu verhindern und daher ausgehalten werden könnten.

Dorothea Marcus unterließ es in ihrer Berichterstattung, die Gründe für die Zwischenrufe zu erwähnen. Auf dem Podium war unter anderem behauptet worden, der Staat Israel sei der stärkste Grund dafür, dass es heute Judenhass gibt und der Davidstern sei nach dem Hakenkreuz das neue Symbol der Empathielosen. Ganz offen wurde über „den Sinn und die Legitimation von Boykott-Aufrufen“ diskutiert, also darüber, ob es legitim ist, Menschen zu diskriminieren, wenn sie aus einem gewissen Land kommen.

„Die Juden sind selber Schuld am Judenhass und überhaupt die neuen Nazis und darum gilt: Kauft nicht bei Juden!“

Im Grunde wurde inhaltlich genau das auf der Bühne der Rheintriennale unter der Leitung von Stefanie Carp behauptet. Dass bei so viel Hass auf der Bühne einige Menschen im Publikum protestierten, darf nicht verwundern. Es erstaunt vielmehr, dass die Veranstaltung noch so gesittet ablief, vor allem weil zu den zwei auf der Bühne vertretenden BDS-Unterstützenden irgendwann auch noch ein dritter Unterstützer hinzu geholt wurde, der ein paar Tage vorher eine Diskussion gesprengt hatte und den Berliner Kultursenator Klaus Lederer bei dem Berliner Festival Pop-Kultur mit wüsten Beleidigungen angeschrien hatte. Auch in Bochum beleidigte er das Publikum und brüllte mit hochrotem Kopf in den Saal, alle Juden in Israel seien Rassisten. Er sprach von „five million with white privilege“. Er meinte die Juden in Israel. Er erklärte zudem die Palästinenser in Israel hätten „null Menschenrechte“. Eine klare Lüge.

Dorothea Marcus erwähnte keine einzige dieser Entgleisungen. Stattdessen verunglimpfte sie die Menschen im Publikum, die diese Entgleisungen mit von der Moderation erlaubten Zwischenrufen kommentierten. Dorothea Marcus drehte sich sogar persönlich während der Veranstaltung zu einem jüdischen Paar hinter sich um und rief es zur Ordnung, es sollte still sein.

Das ist die Welt von Dorothea Marcus: Die Juden haben still zu sein, wenn sie beleidigt werden und Lügen über sie verbreitet werden. Sollten sie nicht still sein, so nennt Dorothea Marcus sie „eine aufgebrachte zionistische Horde“, wie geschehen in der Badischen Zeitung.

Dorothea Marcus hilft in ihrer Berichterstattung heftig mit, Juden zum Schweigen zu bringen. Während Frau Carp sich geweigert hatte, einen Vertreter der Jüdischen Gemeinden in NRW auf die Bühne zu lassen, was ihr besonders von den jüdischen Gemeinden massive Kritik einbrachte, da sie so die BDS-Kampagne hofierte und unterstützte, verschwieg Dorothea Marcus die Gründe für die Proteste im Publikum. Stattdessen ließ sie als O-Ton eine Befürworterin der BDS-Kampagne zu Wort kommen, die erklären durfte, die BDS-Kampagne sei ganz wunderbar. Sie stellte die Unterstützerin mit diesen Worten vor:

„Und die erzählte so ein bisschen, warum BDS einst entstanden ist, im Jahr 2000 gegründet gegen das Südafrikanische Apartheidsregime und damals durchaus erfolgreich gewesen und für sie (…) ist eben BDS nach wie vor ein legitimes Instrument.“

Das ist keine Desinformation mehr, sondern eine glatte Lüge. BDS gründete sich am 9. Juli 2005 und rief von Anfang an ausschließlich zum Boykott von Israel auf. Die Apartheid in Südafrika wiederum endete im Jahr 1994. Es gab sie im Jahr 2000 somit gar nicht mehr und die Kampagne BDS hatte damit nichts zu tun.

Niemand verbietet Malca Goldstein-Wolf den Mund. Darum gehören die letzten Worte der „jüdischen Aktivistin“:

„Die mediale Berichterstattung eines Journalisten richtet sich immer nach seiner Gesinnung. Über die Gesinnung von Frau Marcus braucht man keine Zweifel zu haben, sie geht sogar soweit, Fake-News zu verbreiten. Offenkundig mag sie keine wehrhaften Juden und erträgt es nicht, wenn sich Juden nicht alles gefallen lassen. Wir werden nicht schweigen, auch dann nicht, wenn man uns die Stimme verwehrt. Damit werden sich Menschen mit der Gesinnung dieser Redakteurin abfinden müssen!“

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