Theodor Wonja Michael – Ein Nachruf

Im Jahr 2007 spielte ich in einer Inszenierung von Burkhard Schmiester den Narren in William Shakespeares „König Lear“ im Severins-Burg-Theater. Die Hauptrolle spielte Theodor Wonja Michael. Er war 82 Jahre alt.

Als Narr sprang und hüpfte ich über die Bühne und verschwand irgendwann unter dem Tisch des Königs. Dort blieb ich, verschwitzt und außer Atem, für mehrere Minuten hocken und wartete auf meinen nächsten Auftritt. Am Tisch saß Ted als König Lear und spielte seine Rolle.

Was niemand sah, außer mir: während Ted am Tisch die Szene zwischen König Lear und seinen Töchtern spielte, holte er unter dem Tisch, vom Publikum verborgen, ein Taschentuch hervor und reichte es mir zum Abwischen meiner Schweißperlen.

Er tat dies bei jeder Aufführung!

An jedem Abend hatte er vor dem Auftritt für mich ein frisches Taschentuch eingepackt. Es war eine kleine Geste und doch spiegelte sich darin nicht nur die Größe dieses Mannes, sondern auch seine Fähigkeit, selbst in kleinen Momenten die Großzügigkeit des menschlichen Seins hervorscheinen zu lassen.

Ted glaubte an das Gute im Menschen. Wer sein Leben kennt, weiß, wie bemerkenswert das ist. Ted lebte das Gute im Menschen.

Am 19. Oktober 2019 ist Theodor Wonja Michael im Alter von 94 Jahren gestorben.

Nun sitze ich hier, an einem Tisch in einem Kölner Café und denke an all die Taschentücher. Plötzlich fühle ich wieder, wie ich unter dem Tisch hockte. Wie ich seiner sanften und doch starken Stimme lauschte. Wie ich seine Aura voller Stolz und Zerbrechlichkeit spürte.

Theodor Wonja Michael war einer der größten Schauspieler, mit dem ich je gemeinsam auf einer Bühne stehen durfte. Von ihm lernte ich durchs bloße Mitspielen, durchs einfache Dasein auf der Bühne mit ihm. Für Ted war jeder Mensch auf der Bühne von gleicher Bedeutung. Er kannte keine Nebenrollen. Ted kannte nur Mitrollen.

Wie ich diesen Mann vermisse, das Klacken seines Gehstocks, wenn er in die Garderobe kam, seine warme Umarmung, nachdem man gemeinsam auf der Bühne gestorben war, seine Hand, die immer zärtlich die Hand des Gegenübers nahm und seinen unerschütterbaren Glauben an die Menschlichkeit, die er mit jeder Rolle ehrte.

Lieber Ted,

jetzt sitzt Du vermutlich unter dem Tisch Gottes. Du hast dieser Welt so viel gegeben. Ich bin mir sicher, Gott holt gerade ein Taschentuch heraus und reicht es Dir.

Danke!

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