Die dunklen Seiten unserer eigenen Herzen

Wenn es schon Antisemitismusbeauftragte in Deutschland gibt, ist es mein Wunsch, dass jede Partei einen eigenen Antisemitismusbeauftragten hat und dass die einzige Aufgabe dieser Person darin besteht, den Antisemitismus in der eigenen Partei zu benennen und zu bekämpfen.

Mein Name ist Gerd Buurmann. Politisch befinde ich mich Tapfer im Nirgendwo. Bisher habe ich in meinem Leben folgende Parteien gewählt: SPD, CDU, Grüne und FDP. Ich war einst Mitglied bei den Grünen und bin zur Zeit Mitglied bei der FDP. Nach wie vor sind diese Parteien die einzigen Parteien, denen ich bei einer Wahl meine Stimme geben kann, mit einer aktuellen klaren und deutlichen Bevorzugung der FDP. Alle aufgezählten Parteien waren oder sind zur Zeit im Bund oder in einem Land in Regierungsverantwortung.

Es gibt einige Parteien, denen ich mein Vertrauen auf keinen Fall geben kann und will. Die AfD ist so eine Partei. Allerdings ist die AfD weder im Bund noch in einem Land in Regierungsverantwortung. Daher fällt meine Kritik zu den anderen Parteien stärker aus. Meine Kritik richtet sich vornehmlich an jene, für die ich mitverantwortlich bin, die mit einer gewissen Macht ausgestattet sind und die nicht genug kritisiert werden. Elie Wiesel hat mal gesagt:

„Wenn wir den Antisemitismus wirklich besiegen wollen, dann müssen wir bereit sein, auf die dunklen Seiten unseres eigenen Herzens zu schauen.“

Diese Aufforderung kann ich nur zu gut verstehen, denn ein typischer Satz vieler Antisemiten lautet: „Ich hab nichts gegen Juden, einige meiner besten Freunde sind Juden.“

Dieser Satz bringt ein ganz besonderes Phänomen des Judenhass‘ auf den Punkt. Es gibt Antisemiten, die felsenfest davon überzeugt sind, nichts gegen Juden zu haben und doch unterstützen sie eine Politik, die für Juden gefährlich ist oder werden kann. Sie befinden sich zudem in einer Kultur, in der entscheidende und gefeierte Persönlichkeiten der Geschichte mit höchst judenfeindlichen Aussagen aufgefallen sind, wie zum Beispiel Martin Luther und Voltaire. In einem solchen Umfeld passiert es dann, dass in bestgesinnter Absicht, eine judenfeindliche Politik befördert wird.

Sigmar Gabriel von der SPD, der Außenminister Deutschlands war und den Judenhasser Mahmud Abbas öffentlich seinen „Freund“ genannt hat, Martin Schulz von der SPD, der eine Rede, die die bösartige Legende von jüdischen Brunnenvergiftern zum Inhalt hatte, als „inspirierend“ bezeichnet hat, Claudia Roth von den Grünen, die sich fröhlich mit Judenhassern gezeigt hat und Jürgen Möllemann von der FDP, der gegen Israel hetzte, sie alle sind deutlich mehr verantwortlich für das Klima gegen Juden in diesem Land als die Figuren der AfD, die von einem „Mahnmal der Schande“ und vom „Vogelschiss in der Geschichte“ faseln.

Es macht einen großen Unterschied, ob eine zutiefst und überall kritisierte Opposition sich im Wort vergreift oder ob eine mit politischer Entscheidungsmacht versehene Instanz durch Worte und Taten Fakten schafft. Wenn ein deutscher Außenminister einen Judenhasser seinen Freund nennt, dann verblasst alles, was die Opposition von sich gibt, besonders, wenn der Außenminister einer Partei angehört, die ich mal gewählt habe, während die Opposition einer Partei angehört, die ich niemals wählen würde.

In jeder Partei gibt es politische Strömungen, die für Juden gefährlich sind. Es gibt jedoch Menschen, die verurteilen Antisemitismus nur dort, wo es sie selber nicht betrifft. Sie wollen lediglich gut dastehen. Sie wollen zeigen, wie gut sie sind, indem sie andere Menschen verurteilen. Ginge es ihnen wirklich darum, die zum Teil unerträgliche Situation für Juden in diesem Land zu bekämpfen, sie würden das tun, was Elie Wiesel von uns verlangt, nämlich in die dunklen Herzen der eigenen Seelen zu schauen.

Wie ekelerregend ist es, wenn einige Menschen, die der AfD nahestehen, nach einem Angriff auf Juden darauf hoffen, der Anschlag möge aus einer gewissen Gruppe kommen, nur um dann laut zu lamentieren, während sie bei anderen Angriffen auf Juden schweigen. Wie erbärmlich ist es, wenn Menschen, die dem Islam angehören, jede Auseinandersetzung mit ihrem Glauben als Ideologie von sich weisen, wenn ein Angriff auf Juden von dem Täter selbst mit den Lehren des Islams gerechtfertigt wurde. Wie selbstgerecht ist es, wenn der Anschlag auf die Synagoge in Halle ausnahmslos dafür genutzt wird, gegen eine gewisse Partei zu hetzen.

Innerhalb der AfD gibt es klare antisemitische Tendenzen; sie sind sogar stärker als in manch einer anderen Partei. Wenn es aber darum geht, wer für das Klima in Deutschland verantwortlich ist, in dem Judenhass gedeihen kann, dann müssen wir verstärkt auf jene Instanzen schauen, die mit einer gewissen politischen Macht ausgestattet sind.

Ein Gericht, das in einem Anschlag auf eine Synagoge „kein Anhaltspunkt für eine antisemitische Tat“ erkennen kann, eine Polizei, die eine Wohnung in Duisburg stürmt, um eine Israelfahne zu entfernen, islamische Länder, in denen Juden von Staats wegen verfolgt werden und eine Organisation wie die Vereinten Nationen, die Israel öfter kritisiert und verurteilt als alle anderen Länder der Welt zusammen, all diese Instanzen schaffen in Worten und Taten ein Klima, in dem Judenhass gedeihen kann. Sie zu kritisieren ist meine Aufgabe, denn sie sind mit einer gewissen Macht ausgestattet, werden meiner Meinung nach dafür nicht genug kritisiert und vor allem, ich fühle mich dafür mitverantwortlich.

Allen aber, die glauben, mich in eine gewisse Ecke stellen zu müssen, nur weil ich es wage, nicht bei ihrem Spiel der Antisemitismusbekämpfung teilzunehmen und ich sage bewusst Spiel, da es ihnen hauptsächlich darum geht, selber als gut zu erscheinen, statt den Antisemitismus da zu bekämpfen, wo er besonders gefährlich wirkt, nämlich in der eigenen Nachbarschaft und somit nah am und manchmal sogar tief im eigenen Herzen, all denen sage ich: Ihr widert mich an! Ihr macht aus der Gefahr des Judenhass‘ ein Instrument zur eigenen Selbsterhöhung und Ihr schreckt nicht einmal davor zurück, jene zu diffamieren, die aufgrund des eigenen Kampfes gegen Judenhass massiv angegriffen werden.

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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