Das Hass-Tattoo der Kirche

Stellen Sie sich einen Mann vor, der einige Zeit seines Lebens ein überzeugter Neo-Nazi war und sich in der Zeit einige Tätowierungen des Hasses auf seinen Körper gestochen lassen hat. In späteren Jahren erkennt dieser Mann nun, dass er in jungen Jahren absolut auf dem falschen Weg war. Er steigt daher aus der Neo-Nazi-Szene aus und gibt viel Geld aus, um die Beleidigungen von seinem Körper entfernen zu lassen.

Was würden Sie sagen, wenn der Mann trotz seiner Abkehr vom Hass weiterhin seine hasserfüllten und beleidigenden Tattoos behalten würde, obwohl nicht alle unter der Kleidung versteckt sind, sondern einige sogar offen sichtbar sind? Würden es Ihnen leicht fallen, diese Tattoos zu tolerieren? Würden Sie das Argument zählen lassen, der Mann wolle damit nur reumütig zu seiner hasserfüllten Vergangenheit stehen? Einige christliche Kirchen machen genau das!

Mache Kirchen in Europa zeigen immer noch sogenannte „Judensäue“. Das Bild der „Judensau“, das Juden verhöhnen, ausgrenzen und demütigen soll, findet sich unter anderem als Schnitzarbeit im Chorgestühl des Erfurter Doms, aber auch in Stein gemeißelt an den Domen von Magdeburg, Regensburg und Uppsala, sowie an der Kathedrale von Metz, an St. Sebald in Nürnberg und an der Stadtkirche der Lutherstadt Wittenberg.

Im Kölner Dom findet sich eine „Judensau“ sowohl im für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Chorgestühls, als auch für jeden, der sich vom Rhein aus dem Kölner Dom nähert, gut sichtbar als Wasserspeier an der Spitze der Außenfassade des Chors. Warum die „Judensau“ immer noch dort hängt, erklärt der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Prof. Jürgen Wilhelm, wie folgt: „Es geht darum, diese Darstellung im historischen Kontext zu erklären und zu problematisieren, dass Antijudaismus Teil der christlichen Kirche ist. (…) Bilderstürmerei ist keine Antwort.“

Der Vergleich mit der Bilderstürmerei ist schwerwiegend. War die Zerstörung von Nazisymbolen nach dem Zweiten Weltkrieg etwa auch Bilderstürmerei oder hätte man die Symbole erhalten lassen sollen, um die Nachwelt zu mahnen?

Natürlich darf die teilweise brutale Geschichte des Christentums nicht verleugnet werden, aber dafür muss die „Judensau“ nicht am Kölner Dom bleiben. Ein Museum ist ein weitaus geeigneter Ort für so eine Skulptur. Einige behaupten jedoch, der Kölner Dom sei auch ein Museum und darum könne die Skulptur auch dort verbleiben.

Am 23. März 2020 hatte ich aufgrund der erschreckenden Nachrichten rund um den Coronavirus das Bedürfnis, in eine Kirche zu gehen, um dort zu beten. Als Kölner entschied ich mich für den Kölner Dom. Als ich am Dom ankam, sah ich, dass der Kölner Dom nur noch zum Gebet betreten werden durfte. Als Sehenswürdigkeit und als Museum war der Kölner Dom geschlossen.

Ich zündete im Kölner Dom ein paar Kerzen an. Dabei kamen mir allerdings die judenfeindlichen Beleidigungen in den Sinn, die immer noch am und im Kölner Dom zu finden sind, da ich meine Freundinnen und Freunde in meine Gedanken einschloss und darunter auch ein paar Juden waren. Ich dachte an meine jüdischen Freunde in einem Gebäude, an dem an einigen Stellen erklärt wird, Juden seien schmutzige und widerliche Wesen. Es fühlte sich nicht gut an.

Es fühlte sich ein wenig so an, als säße ich in einer evangelischen Bücherei, die Martin Luthers Buch „Von den Juden und ihre Lügen“ an schlimmster Stelle geöffnet kommentarlos im Schaufenster liegen hat. Es ist ein völlig nachvollziehbarer Akt, die Bücher des Hasses aus den eigenen Schaufenstern zu entfernen und zum Studium der Geschichte in die Archive zu legen.

Es ist nicht schlimm, wenn jemand „Mein Kampf“ im Regal hat. Wenn das Buch aber in der Vitrine liegt, werde ich stutzig.

Der Kölner Dom ist nicht immer als Museum oder als Sehenswürdigkeit geöffnet, aber immer ein Ort der lebendigen Kirche. Das an diesem Körper immer noch die alten Zeichen aus einer Zeit der Hasses zu sehen sind, schmerzt mich.

Wenn die Kirche keine Leiche ist, die man so beerdigt, wie man sie vorgefunden hat, sondern wenn sie lebendig ist, dann muss sie sich lösen von dem Hass, den sie einst verbreitet hat und die Dokumente des Hasses an einen separaten Ort geben, wo sich jede Person, die sich dafür interessiert, über die Geschichte des Christentums informieren kann.

Der Neo-Nazi, der seine Tätowierungen entfernt, weil er erkannt hat, dass sie falsch sind, leugnet damit auch nicht seine Vergangenheit. Mit der Entfernung macht er jedoch klar, dass er den Rest seines Lebens nicht damit verbringen will, judenfeindliche Beleidigungen in die Welt zu tragen.

Aber selbst wenn der ehemalige Neo-Nazi die Tattoos des Hasses nicht entfernt, was müsste man davon halten, wenn er die Tattoos restaurieren würde, damit sie erhalten bleiben? Spätestens dann würde ich wieder stutzig werden.

Umwelteinflüsse hätten manch eine „Judensau“ schon längst von so manch einer Kirche entfernt, aber einige Gemeinden wirken aktiv gegen die Verwitterung. Auch die „Judensau“ in Köln wurde restauriert. Mittlerweile sorgt sogar eine grüne Metallhalterung dafür, dass die „Judensau“ nicht vom Kölner Dom fallen kann. Wer sich soviel Mühe gibt, will, dass die Beleidigung erhalten bleibt. Wer trotzt vieler zum Teil natürlicher Einflüsse von außen, die diesem Hass schon längst ein Ende gesetzt hätte, den Hass aufrecht erhält, entscheidet sich bewusst dafür, dass die Beleidigung weiterhin artikuliert.

Die „Judenssau“ an der Außenfassade des Kölner Doms ist kein bloßes historisches Zeugnis mehr, sondern eine bewusste Aussage, die heute immer noch täglich durch die Entscheidung der Restaurierung getätigt wird. Eine restaurierte und mit einer neuen Halterung am Kölner Dom befestigte „Judensau“ ist kein Teil der Geschichte mehr, sondern ein in der Gegenwart durch eigene Anstrengungen unternommener Akt der Beleidigung.

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