„Allein unter Briten“

Als Tuvia Tenenbom in London das Theater der World Shakespeare Company besuchte, hatte er auf „Hamlet“ oder „Macbeth“ gehofft. Es wurde jedoch „Tartuffe“ gegeben. Allerdings war es nicht die Komödie von Molière, sondern eine moderne Bearbeitung des Stoffs von Anil Gupta und Richard Pinto. Tuvia Tenenbom schreibt darüber:

„Der Text ist superpolitischkorrekt. Ich sehe den Schauspielern zu und bekomme den Eindruck, dass keiner hier spielen will, sondern alle nur predigen wollen. Im Theater ist das eine Todsünde. (…) Das ist eine herbe Enttäuschung! Ich hatte allerbestes Theater erwartet und habe das Schlimmste bekommen. Von dem von mir so bewunderten englischen Theater ist nichts als ein Schatten übrig. Hier haben gescheiterte Künstler versucht, eine Kunstform, das Theater, in eine Ideologie zu gießen.“

Diese wunderbaren Worte finden sich in dem Buch „Allein unter Briten“ von Tuvia Tenenbom. Dem Autor selbst liegt das Predigen fern. Er ist jemand, der Fragen stellt und in seiner Art erinnert er an einen Narren aus einer Komödie von Shakespeare.

Tatsächlich erinnert ganz Großbritannien an eine Komödie, die Shakespeare nicht besser hätte schreiben können. Ich musste bei der Lektüre immer wieder an eine ganz besondere Komödie des englischen Dramatikers denken: „Der Kaufmann von Venedig“.

„Der Kaufmann von Venedig“ ist eine bitterböse Satire, in der Shakespeare Christen zeigt, die nicht in der Lage sind, ihre eigenen christlichen Prinzipien zu leben, von Juden jedoch erwarten, genau diese Prinzipien zu leben. Die Juden werden zudem heftiger bestraft als Christen, wenn sie den christlichen Geboten nicht mehr folgen möchten oder können als die Christen selbst. In Shakespeares Venedig gilt: Christen dürfen ganze Menschen als Sklaven besitzen, aber Juden bekommen schon bei einem Pfund Menschenfleisch Probleme. Juden müssen die besseren Christen sein.

Das Vereinten Königreich, das Tuvia Tenenbom besucht, erinnert an genau dieses Venedig. Obwohl die Briten genug mit sich selbst zu tun haben sollten, finden sich überall Briten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das jüdische Land Israel dafür zu kritisieren, sich nicht christlicher zu verhalten als all die anderen christlichen Nationen.

In Nordirland zum Beispiel sieht Tuvia Tenenbom überall palästinensische Flaggen hängen. Als er in einem Pub fragt, was es mit all den Flaggen auf sich habe, erhält er als Antwort: „Weil wir die unterstützen.“ Ein anderer Mann erklärt warum: „Wegen der Scheißjuden.“ Ein anderer Mann führt aus, die Israelis seien „Abschaum“ und „bringen Kinder um, töten Babys“. Einer beklagt sich daraufhin, Hitler habe nicht genug Juden getötet und die anwesenden Männer stimmen zu.

Egal ob Tenenbom sich auf dem Fringe Festival in Edinburgh befindet, bei dem Vorsitzenden der Labour-Partei, Jeremy Corbyn oder am Loch Ness, er muss feststellen: „Irland, Nordirland, Schottland und jetzt England: Palästina ist allerorten. Haben diese Leute nichts anderes, worüber sie nachdenken könnten? Wie wär‘s mit dem Brexit, meine Lieben?“

Großbritannien befindet sich in einer schweren Identitätskrise. Was bedeutet es, Brite zu sein? War der Brexit richtig? Sollten Schottland, Wales oder Nordirland unabhängig werden? All diese Fragen spalten das auf Papier Vereinigte Königreich. In der Mitte des Buchs schreibt Tuvia Tenenbom: „Seit Wochen frage ich die Engländer, was an ihnen einzigartig ist.“

Eine zufriedenstellende Antwort erhält er nicht. Er findet jedoch heraus, dass er die schottische Spezialität haggis, neeps & tatties nicht mag und dass die Mehrheit der Briten Israel hasst. Überall im Königreich trifft er Menschen, die Israel behandeln wie der Jude Shylock in „Der Kaufmann von Venedig“ behandelt wird. Schauen wir uns daher das Stück von Shakespeare etwas genauer an und verlassen dafür kurz das Buch „Allein unter Briten“.

„Der Kaufmann von Venedig“ entstand in den letzten fünf Jahren des 16. Jahrhunderts, als Elisabeth I. Königin war. Interessanterweise war sie die Tochter von Heinrich VIII. und unter genau diesem König vollzog sich der erste große Brexit. Der Brexit des 21. Jahrhunderts war nämlich nicht der erste Brexit der Geschichte. Mit der Weigerung von Papst Clemens VII., die Ehe von König Heinrich VIII. für nichtig zu erklären, beschlossen die englischen Bischöfe im 16. Jahrhundert, die Autorität des Papstes im Königreich England nicht länger anzuerkennen. Am 11. Februar 1531 erklärten sie, dass ihr König nunmehr Oberhaupt der katholischen Kirche in England sei. Die Anglikanische Kirche war gegründet und der Brexit von der katholischen Union in Europa vollzogen.

Viele Menschen in England wussten damals nicht, ob dieser Brexit klug war und hatten Angst vor der Zukunft. Diese Ängste wurden geschürt, als vom europäischen Festland der Handel mit den abtrünnigen Engländer teilweise eingestellt wurde. Die Experten der katholischen europäischen Union sahen und hofften den wirtschaftlichen Niedergang der Insel nahen. Sie sollten Unrecht haben. Der Brexit von Heinrich VIII. förderte die Möglichkeit für die englische Krone, eines der mächtigsten Reiche der Menschheitsgeschichte zu schaffen, das Britische Weltreich ab 1583.

Als Shakespeare seine Stücke schrieb, war England noch keine Weltmacht. Es gab noch keinen englischen Einfluss auf Indien, Australien und Amerika. Königin Elisabeth I. zum Beispiel kannte Tee nicht! Tee kam aus den Regionen der Welt, mit denen England anfing zu handeln, nachdem sich Europa verschlossen hatte. Aber nicht nur Tee fand sich zu Shakespeares Zeiten nicht in England, ebensowenig gab es zu der Zeit in England Juden. Sie waren alle vertrieben.

Zurück zu dem Buch „Allein unter Briten“.

In dem Königreich zu Tenenboms Zeiten gibt es wieder Juden in England. Es gibt sogar jüdische Lords wie Lord Stone of Blackheath. Was er in dem Buch jedoch berichtet, macht wenig Mut:

„Ich trage immer eine Tasche bei mir. Darin sind mein Pass und Geld in siebenundzwanzig verschiedenen Währungen. Wenn ich morgen gehen müsste, würde ich es tun. Ich bin sechsundsiebzig und lebe seit sechsundsiebzig Jahren hier und bin Mitglied des House of Lords, aber trotzdem. Und deswegen habe ich in Jerusalem eine Wohnung.“

Auch Tuvia Tenenbom ist wenig hoffnungsvoll für die Insel. Auf den letzten Seiten seines Buchs schreibt er, er verlasse Großbritannien und werde wohl niemals wieder zurückkommen, weil es dort „zu viele Antisemiten“ gäbe.

„Allein unter Briten“ ist ein deprimierendes Buch. Dennoch macht es Freude, es zu lesen, weil Tuvia Tenenbom niemals seinen Humor verliert. In scheinbar nebensächlichen Episoden schreibt er über seine Liebe zum Theater, zur arabischen Kultur und zu gutem Essen. Es gibt zudem einige aufschlussreiche Theaterbesprechungen.

Vor allem aber gibt es wieder viele spannende Interviews, wie sie nur Tuvia Tenenbom führen kann. Er bringt Menschen dazu, die unglaublichsten und ehrlichsten Dinge zu sagen. Er ist eben ein echter Narr von shakespeare’scher Größe. Er spricht unter anderem mit dem Gründer der United Kingdom Independence Party, Nigel Farage und mit Hochwürden Dr. George J. Whyte von der Church of Scotland.

Und dann gibt es da noch eine Katze, eine Ratte und einen Adler. Aber ich möchte nicht zu viel verraten. Daher sei dieses Buch hier einfach nur wärmstens zur Lektüre empfohlen.

„Allein unter Briten“

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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