Freiheit und Sicherheit


Vor einigen Monaten, kurz bevor die Corona-Krise ausbrach, war ich mit einer Familie im Urlaub und erlebte, wie unterschiedlich die beiden Eltern darauf reagierten, als ihre Tochter auf einen hohen Baum kletterte. Ein Elternteil ermutigte die Tochter, noch höher zu klettern, während das andere Elternteil forderte, das Kind möge sofort vom Baum runterkommen, denn es sei doch alles viel zu gefährlich.

So wie die Tochter fühle ich mich gerade in der Corona-Zeit. Die einen fordern mehr Mut und Freiheit und die anderen mehr Fürsorge und Sicherheit. Ich aber sitze auf dem Baum und weiß nicht, wem ich es recht machen soll.

Das Elternteil, das das Kind auffordert, vom Baum herunter zu klettern, hat recht. Es ist gefährlich, auf Bäume zu klettern. Die Grenze von Mut zu Übermut ist jedoch fließend. Wer fällt, kann sich schwer verletzen und sogar sterben.

Das andere Elternteil hat aber auch recht. Das Leben ist gefährlich und wir Menschen zeichnen uns dadurch aus, neugierig zu sein. Der Mensch ist ein Abenteurer. Wer sich nichts zutraut, verpasst das Leben. Die Grenze von Vorsicht zur Feigheit ist ebenfalls fließend.

Sicherheit und Freiheit rufen mir unterschiedliche Dinge zu. Sicherheit macht mir ein schlechtes Gewissen, mahnt, ich gefährde mit meinem Verhalten auch andere und brüllt, wenn was passiert, dann hätte ich Schuld. Freiheit wiederum appelliert an meine Verantwortung und an meine Vernunft, die ich selbstständig nutzen solle und fordert, ich solle mehr Mut haben.

Am letzten Wochenende war ich in Deutschland, Belgien, Frankreich und in den Niederlanden unterwegs. Überall gab es verschiedene Corona-Regelungen. Manche Länder hören mehr auf Sicherheit, andere mehr auf Freiheit. Ich möchte mir kein Urteil darüber anmaßen, wer mehr recht hat. Ich bin nur ein Mensch im Baum.

Ich habe allerdings keine Lust darauf, mich in einen mit Vorwürfen und Unterstellungen operierenden Streit zwischen Freiheit und Sicherheit hineinziehen zu lassen. Nichts ist schlimmer als Mama und Papa, die sich in Anwesenheit ihrer Kinder darüber streiten, wer das bessere Elternteil ist.

Ich bin außerdem kein Kind mehr. Daher wünsche ich mir in Zukunft von allen Menschen, die unter meinem Baum vorbeikommen, mögen es nun Personen aus der Politik, dem Journalismus oder der Wissenschaft sein: Hört auf, mich anzubrüllen. Haltet Abstand. Nehmt Abstand davon, mich mit Zwang, Druck und Strafen erziehen zu wollen. Vertraut mir.

Das Leben ist gefährlich, aber es will gelebt werden und nicht nur verwaltet.

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Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke („Gehirne am Strand“), sowie Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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6 Antworten zu Freiheit und Sicherheit

  1. Stephan Wolf schreibt:

    Soweit alles nachvollziehbar, allerdings ist der Aspekt des Fremdschutzes in der Analogie des Baumkindes nicht enthalten. Wie würden die Eltern reagieren, wenn unter dem Baum eine Decke mit einem Säugling läge, auf den das Kind fallen würde?

  2. H. schreibt:

    Ein wesentlicher Punkt wird ignoriert: Es war noch nie so leicht durch eigenes Verhalten Menschen Leben zu retten, im Umkehrschluss, aber genauso so leicht Massenmörder zu sein (Asymptomatischer super spreader). Sie haben die Wahl: Abstand, Maske wo nltig, Hygiene oder nicht. In der Ubahn gestern war ein älterer Herr der ganz verängstigt sich zwischen 2 Waggons innen festhielt. Der Grund war einfach: viel zu viele Masken Muffler. Super Egoisten die nicht verstehen dass diese evt Kettenreaktionen verursachen und somit Risiko Menschen gefährden, auch Jüngere Menschen. Im Übrigen 20 % der Jungen Asymptomatischen Infizierten in den USA haben nach 4 Wochen „Genesung“ erhebliche Folgesymptome und Beschwerden – ja, da kann auch die Lunge, das Herz, Nieren, Nervensystem kapputt gehen, usw. Masken in geschlossenen öffentlichen Räumen, Hygiene, Abstand – reduziert das Infektionsrisiko bis zu 85 %. Wir brauchen kein Lockdown, wenn die grosse Mehrheit sich daran hält. Tut sie aber nicht, den ihnen ist nicht nur Menschenleben egal, sondern auch ob Menschen arbeitslos werden. Food for thought. PS meine Schwester ist Virologin.

  3. anti3anti schreibt:

    Das Leben ist gefährlich, denn es endet tödlich.

  4. bobyleff schreibt:

    Schönes Foto – welches faszinierende Tal ist zu sehen?

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