Die Chose muss weitergehen

Ein Blick von Aviel Tromm auf die Lage ein Jahr nach dem Anschlag in Halle.

Es ist nun ein Jahr her, dass ein wahnsinniger Rechtsextremer versucht hat, in Halle die Synagoge zu stürmen, dabei scheiterte und dann zwei zufällig in der Nähe befindlichen Passanten kaltblütig ermordete. Seit diesem Terrorakt habe ich mich wohl überlegt zurückgehalten und mir angeschaut, was in Deutschland passiert.

Natürlich waren alle Bürger der Bundesrepublik geschockt. Für einen Besuch bei den vielen Kundgebungen gegen Antisemitismus hat es für die Mehrheitsbevölkerung aber dann doch nicht gereicht. Viele begnügten sich mit wohlfeilen Bildern auf Twitter und Facebook, ist im Herbst auch sicherlich gemütlicher.

Die Politik wiederholte ihr Credo, dass Antisemitismus in unserer Gesellschaft keinen Platz habe genauso redundant, wie die Matrazenwerbung im Fernsehen wiederholt wird. Am Ende der Empörungs- und Schockiertheitsarien wurden dann mehr Polizisten vor jüdischen Einrichtungen gestellt. Damit glaubte man wohl, den Antisemitismus in Schach halten zu können. Zumindest dachte man dies so lange, bis ein Jahr später ein weiterer Wahnsinniger in Hamburg mit einem Spaten auf einen Juden losging, der gerade aus der Synagoge kam.

Zwischen diesen Ereignissen war die Welt, in Bezug auf Juden, für fast alle in Deutschland in Ordnung. Doch war das wirklich so?

Für Demonstrationen gegen Antisemitismus wegen beschmierten Grabsteinen und ein paar Beleidigungen gegen Juden holt man niemanden vom gemütlichen Sofa runter. Doch womit dann? Ganz einfach mit der guten alten „Brunnenvergifterlegende“, denn für Juden sein, ist zu anstrengend, aber gegen Juden sein, immer gerne.

Man muss schon sehr naiv sein, um zu glauben, dass hier die Mehrheit der Deutschen aufsteht und vor Empörung gegen judenfeindlichen Wahnsinn vorgeht. Nein, nein, es sind die Antisemiten, die die Massen mitreißen, ob nun in sozialen Netzwerken, in Chatgruppen oder auf der Straße. Egal, ob in Berlin, Köln, Stuttgart oder Kiel, das Coronavirus macht es möglich.

Auf einmal ist es für Zehntausende völlig in Ordnung, laut auszusprechen, dass es die Juden sind, die den Virus in die Welt gesetzt haben, dass es ebenso die Juden sind, die alle zwangsimpfen und chippen wollen. Die Menschen glauben tatsächlich, dass hinter dem COVID-19-Erreger monetäre Interessen stehen und dass eben Juden, welche natürlich heimlich die Welt regieren, diese Interessen vertreten. Und mit ihren Marionetten an den Spitzen der großen Wirtschaftsnationen wird ihnen das auch gelingen, so die Gläubigen.

Erschreckend ist nicht, dass Menschen an so einen Mist glauben, erschreckend ist die Masse und die politische Heimat derer, die deshalb auf die Straße gehen. Darunter sind ganz klar Reichsbürger und Neonazis, aber auch Liberale, Grüne, Schwarze und auch Rote bis Dunkelrote. So hat ein kleines Virus es geschafft, dass Menschen aller politischen Farben sich vereinen und jede Woche gemeinsam demonstrieren.

Ist es nicht erschreckend oder auch ernüchternd, dass sich für so einen Unsinn reichlich Volk mobilisieren lässt, man aber auf einer Kundgebung für Würde, Anstand und friedliches Miteinander Glück hat, wenn man zweihundert Menschen zusammenbekommt. Was sagt uns das über ein Land, welches Anfang der 90er Jahre noch dafür gesorgt hat, dass zweihunderttausend Juden nach Deutschland kommen? Was sagt uns das über ein Land, dass permanent in Erinnerungssymbolik und Klezmer-Mollakkorden seufzend seine Vergangenheit betrauert und von sich selbst glaubt, wieder gut geworden zu sein, moralisch überlegen und natürlich durch die Vergangenheit belehrt?

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(TINAVT)

Über tapferimnirgendwo

Als Theatermensch spiele, schreibe und inszeniere ich für diverse freie Theater. Im Jahr 2007 erfand ich die mittlerweile europaweit erfolgreiche Bühnenshow „Kunst gegen Bares“. Als Autor verfasse ich Theaterstücke, Glossen und Artikel. Mit meinen Vorträgen über Heinrich Heine, Hedwig Dohm und dem von mir entwickelten Begriff des „Nathankomplex“ bin ich alljährlich unterwegs. Und Stand Up Comedian bin ich auch. Mein Lebensmotto habe ich von Kermit, dem Frosch: „Nimm, was Du hast und flieg damit!
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